Die Stadträte Bernd Klingler (v. li.), Rose von Stein, Judith Vowinkel, Vittorio Lazaridis und Klaus Nopper. Foto: LG/Rettig

Im Hospitalhof diskutieren Fachleute über Wege aus dem Fachkräftemangel in Stuttgarts Kitas. Dies ist, wie Erzieherinnen berichten, vor allem ein Stuttgarter Problem.

Stuttgart - Selten kommt es vor, dass Vertreter von AfD und Grünen, Freien Wählern, CDU und SPD einer Meinung sind. Was den Handlungsbedarf angesichts der vielen offenen Stellen in Stuttgarts Kitas angeht, herrscht Einigkeit. Das zeigte die Diskussionsrunde, die sich am Montagabend auf Einladung des evangelischen Gesamtelternbeirats im Hospitalhof eingefunden hatte. Auch das Fazit fiel einhellig aus: kurzfristig scheint das Problem nicht lösbar zu sein.

Dabei ist man beileibe nicht untätig: Hildegard Rothenhäusler, Ministerialrätin im Kultusministerium, betonte, man habe die Zahl der Ausbildungsplätze sukzessive verdoppelt und wesentlich mehr Fachkräfte zusätzlich zu den ausgebildeten Erzieherinnen eingestellt. Für die anwesenden Kita-Mitarbeiterinnen ist davon nichts zu spüren. Sie hätten im Alltag mit teils gravierender Unterbesetzung zu kämpfen. Die Einrichtungen arbeiteten am Limit. Dass sich die Zahl der Kinder, die eine Erzieherin zu betreuen hat, in den letzten Jahren deutlich verringert hat, sei ein statistischer Wert, der mit der Realität wenig zu tun habe. Ad hoc lässt sich daran wenig ändern.

Fehlerhafte Prognose

„Eine Zauberformel gibt es nicht“, dämpfte CDU-Gemeinderat Klaus Nopper die Erwartungen. Man habe die Wichtigkeit der Kinderbetreuung erkannt und einen entsprechenden Haushaltsschwerpunkt gesetzt. Auch seien die Gehälter erhöht worden, um den Beruf des Erziehers attraktiver zu machen. Die Maßnahmen bräuchten allerdings noch Zeit, um zu greifen. Derzeit fehlen in Stuttgart 3400 Kita-Plätze. Zuzuschreiben ist dies dem verbrieften Recht auf Betreuung, das ohne Prüfung des Bedarfs bereits für die Kleinsten gilt. „Hinzu kommen falsche Annahmen“, merkte Rose von Stein (Freie Wähler) an. Man sei nicht davon ausgegangen, „dass der Wunsch der Mütter, so schnell wie möglich wieder arbeiten zu gehen, in diesem Maße vorhanden ist.“ Klaus Nopper verwies noch auf unzutreffende Prognosen bei der Geburtenrate. In Stuttgart kämen wieder mehr Kinder zur Welt. Dabei sei man vor einiger Zeit noch von einem Absinken der Einwohnerzahl auf unter 500 000 ausgegangen.

Veränderte Ansprüche junger Arbeitnehmer ans Berufsleben, Geringschätzung der erzieherischen Tätigkeit und die Schwierigkeit, Männer für den Beruf zu begeistern – die Runde arbeitete die Probleme heraus. Neue Ideen waren rar. Judith Vorwinkel (SPD) schlug vor, stärker auf die Eigeninitiative der Eltern zu setzen und „neue Formen des gemeinsamen Betreuens“ zu finden. Bernd Klingler (AfD) war dafür, den Erzieherberuf als Mangelberuf zu definieren, um neue Fördermöglichkeiten zu schaffen.

Frust artikulieren

Nur ist der Mangel ein Stuttgarter Phänomen. Im Umland stellt sich die Situation ganz anders dar. „Meine Freundinnen, die in Kitas außerhalb von Stuttgart arbeiten, erklären mich für verrückt, wenn ich ihnen erzähle, was hier abläuft“, meldete sich eine Erzieherin zu Wort. „Die denken nicht im Traum daran, hier in die Stadt zu kommen.“ Daran ändere auch die Tarifzulage von 100 Euro nichts. Sie und etliche Kolleginnen ließen in ihren Beiträgen keinen Zweifel daran, dass akuter Redebedarf besteht. Den aufkommenden Unmut über zu wenig Möglichkeiten, den eigenen Frust zu artikulieren, federte Rose von Stein am Ende des Abends durch einen konstruktiven Vorschlag ab: Im Fall einer Folgeveranstaltung soll zunächst in Kleingruppen diskutiert und gemeinsam über die Ergebnisse gesprochen werden.

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