Stuttgart-Degerloch Kostenschock nach Krankentransport

Von Tilman Baur 

Das wünscht sich keiner: dass er ins Krankenhaus gefahren werden muss. Doch wenn es passiert, entstehen Kosten. Foto: factum/Granville
Das wünscht sich keiner: dass er ins Krankenhaus gefahren werden muss. Doch wenn es passiert, entstehen Kosten. Foto: factum/Granville

Ein Mann aus Stuttgart-Degerloch musste zweimal unabhängig von einander vom Deutschen Roten Kreuz in die Klinik gebracht werden. Der Preisunterschied für die Fahrten ist riesig. Wie ist das möglich?

Degerloch - Dietmar Becker staunte nicht schlecht, als er vor ein paar Wochen den Briefumschlag öffnete und eine Rechnung des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in den Händen hielt. 1309,45 Euro sollte der 68-jährige Degerlocher, der seinen echten Namen nicht öffentlich nennen will, berappen, stand da geschrieben: davon 562,11 Euro für den Transport mit dem Rettungswagen und 747,34 Euro für den Notarzt, der bei der Fahrt anwesend war. Die inhaltlichen Angaben stimmten ohne Frage: Aufgrund eines vermuteten Herzinfarkts musste Dietmar Becker tatsächlich ins Krankenhaus transportiert werden. Aber wie kam der Betrag zustande?

Für Privatversicherte wie Dietmar Becker sind derlei Summen nicht ohne, schließlich müssen sie Rechnungen im Gegensatz zu gesetzlich versicherten Patienten zunächst selbst begleichen – in der Hoffnung, sie später von ihrer Kasse zurückerstattet zu bekommen.

Becker wurde ob der gewaltigen Summe sofort stutzig. Denn es war nicht sein erster Krankentransport. Kurze Zeit vorher war er schon einmal wegen eines Unfalls ins Marienhospital gebracht worden. Mit einem gewaltigen Unterschied: Damals hatte er nur 102,41 Euro berappen müssen – ein Bruchteil der Summe, die das DRK jetzt von ihm forderte.

Stuttgart ist günstiger

Wie konnte das sein? Beim Vergleich der Rechnungen fiel Becker auf, dass die Transporte von unterschiedlichen Rettungsdienstbereichen durchgeführt worden waren: der teure Transport vom DRK Esslingen-Nürtingen, der günstigere vom DRK Stuttgart. Daraufhin griff Becker zum Telefonhörer.

„Auf Nachfrage beim DRK Stuttgart teilte man mir mit, dass die erheblichen Unterschiede nicht nur auf den Notarzt-Einsatz im zweiten Fall, sondern im Wesentlichen auf unterschiedliche Verträge des jeweiligen DRK-Verbandes mit den Kassen zurückzuführen sind. Allein die Transportkosten unterscheiden sich ja um über 450 Euro.“

Becker sagt, er wolle sich nicht über das Rettungswesen beklagen. Über die schnelle Hilfe sei er in beiden Fällen froh gewesen. Die gewaltigen Unterschiede findet er trotzdem seltsam – zumal man als Patient keinen Einfluss darauf hat, woher der Einsatzwagen kommt. „Hat der eine Kreisverband besser oder schlechter verhandelt?“, fragte sich der Rentner.

Zweischneidige Antwort

Die Antwort auf seine Frage ist zweischneidig. Ja, es gebe preisliche Unterschiede zwischen den einzelnen Rettungsdienstbereichen, sagt Udo Bangerter, Pressesprecher beim DRK Baden-Württemberg, auf Anfrage. So lege jeder Bereich eigenständig fest, was er für Rettungseinsätze fordert. „Der Rettungswagen im Landkreis Esslingen könnte also pauschal zu einem deutlich anderen Preis fahren als der Rettungswagen in Stuttgart“, so Bangerter. Für den Rettungsdienstbereich Stuttgart gelte seit dem 1. Januar dieses Jahres zum Beispiel eine Pauschale für alle Rettungswagen-Einsätze von 585 Euro, unabhängig davon, ob DRK, Johanniter oder Malteser den Patienten fahren. In Esslingen lag diese Pauschale im vergangenen Jahr bei 562,11 Euro – der Betrag, der auch Dietmar Becker in Rechnung gestellt wurde; seit 1. Januar 2019 liegt die Pauschale bei 403,69 Euro.

Die Unterschiede zwischen den Pauschalen der Retter allerdings seien nicht so hoch, als dass sie den eklatanten Preisunterschied erklären könnten, der Dietmar Becker aufgefallen ist. Die Ursache für diesen liege anderswo, erklärt Udo Bangerter: „Das scheint eher daran zu liegen, dass das eine ein qualifizierter Krankentransport war und das andere ein Einsatz mit dem Rettungswagen.“ Denn hier gibt es große Unterschiede (siehe Info nchster Absatz). Heißt für Beckers Fall: Für den Einsatz des Notarzteinsatzfahrzeugs und die Notarztpauschale wurden 747,34 Euro fällig – neben den 562,11 Euro für den Einsatz des Rettungswagens. Doch auch, wenn das DRK Stuttgart bei diesem Einsatz gerufen worden wäre statt der Kollegen im benachbarten Kreis Esslingen, hätte Becker nicht wesentlich weniger gezahlt.

Info: Verschiedene Transportwagen

Im Rettungsbereich unterscheidet man zwischen Krankenwagen, Rettungswagen und Notarztwagen. Die Krankenwagen transportieren Patienten, die nicht akut gefährdet sind. Für diesen sogenannten qualifizierten Krankentransport gibt es wiederum keine Pauschale. Der Preis variiert je nach Anbieter und liegt beim DRK im Stadtgebiet Stuttgart derzeit bei 128,50 Euro, im Kreis Esslingen bei 117,39 Euro. Rettungswagen (RTW) kommen hingegen nur bei wirklichen Notfällen zum Einsatz und sind deutlich teurer als der Transport mit dem Krankenwagen. In besonders brenzligen Fällen entscheidet die Leitzentrale, zusätzlich zum RTW noch einen Notarzt im Notarzteinsatzfahrzeug (NEF) loszuschicken. Das kostet extra.

Redaktion Degerloch

Ansprechpartner
Ralf Recklies
degerloch@stz.zgs.de

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