In dem kleinen Feinkostladen auf dem Haigst gibt es nicht nur Lebensmittel, sondern er ist auch ein Treffpunkt der Nachbarschaft. Das soll sich auch durch das neue Projekt nicht ändern. Foto: Tilman Baur

Aus dem kleinen Feinkost-Kiosk am Haigst in Stuttgart-Degerloch soll ein größerer Lebensmittelladen und ein Panorama-Café werden. Außerdem sind öffentliche Toiletten geplant – und einige Verbesserungen für Radfahrer.

Degerloch - Der kleine Feinkostladen auf dem Haigst ist für viele ältere Anwohner mehr als ein Lebensmittelgeschäft. Schon gar kein Kiosk, wie die regelmäßige Kundin Ute Franke am Dienstag im Bezirksbeirat betonte. Vielmehr sei es eine Art Sozialstation für ältere Menschen.

In der Behördensprache nennt sich das vor 72 Jahren erbaute Häuschen „Behelfsladenbau“. Wie auch immer man es bezeichnet; seit Dienstag ist klar, dass sich an der Stelle einiges ändern wird – und zwar zum Guten. So zumindest ist die einhellige Meinung im Bezirksbeirat, nachdem Susanne Frucht vom Stadtplanungsamt und der Architekt Martin Stoll ihr Konzept vorgestellt hatten.

Im Café soll man über die Stadt schauen können

Bereits vor zwei Jahren hatte der Investor Reiner Sedelmeier, der selbst auf dem Haigst wohnt, sein Vorhaben kundgetan. Seither hat sich die Verwaltung damit befasst. Zwar gibt es noch keine fertige Planung. Die Ideen aber lassen viel erahnen. Zunächst wolle man die Versorgung mit Lebensmitteln durch einen Laden sichern, sagte Martin Stoll. Davon sollen die Anwohner profitieren, aber auch Wanderer, Radfahrer und Besucher des gegenüberliegenden Santiago-de-Chile-Platzes.

Das vom Haigst aus zugängliche Erdgeschoss des dreistöckigen Gebäudes soll den neuen Lebensmitteladen mit erweitertem Angebot beherbergen. Das Aushängeschild ist für das Obergeschoss vorgesehen: ein Café mit Blick auf die Stadt. Dieses soll nach den Worten von Stoll aber kein nächtlicher Treff sein. Aus Rücksicht auf die Anwohner wolle man für „zivile Öffnungszeiten“ sorgen.

Öffentliches Urinieren soll aufhören

Im Untergeschoss auf der Ebene der Zahnradbahn ist eine öffentliche Toilette geplant. Das war eine Auflage der Stadt an den Investor. Ein Hintergedanke dabei ist, das öffentliche Urinieren auf dem benachbarten Platz einzudämmen. Eine E-Bike-Station ist ebenfalls geplant, zumindest aber soll eine Luftpumpe für Radler und Mountainbiker zur Verfügung stehen. „Der Leitgedanke der Planung war der Erhalt des Ladens“, so Stoll. Nach häufigem Pächterwechsel habe der einst „feine Feinkostladen“ immer stärker abgebaut und drohte, zum baufälligen Schuppen zu verkommen.

Mit dem momentanen Pächter sei eine einvernehmliche Lösung vorgesehen, versicherten die Verantwortlichen in der Sitzung. Unklar ist noch, ob das 370 Quadratmeter große städtische Grundstück verpachtet oder verkauft wird. Fest steht: Um die Idee zu realisieren, müsste ein neuer Bebauungsplan her. Denn neben der E-Bike-Station sieht der Plan einen Stellplatz für einen Kleintransporter und Fahrradstellplätze vor, die der geltende Bebauungsplan nicht beinhaltet.

Die Verwaltung schlägt deshalb einen sogenannten vorhabenbezogenen Bebauungsplan vor. Diese Sonderform kommt zum Tragen, wenn ein Investor ein genau umrissenes Projekt realisieren soll. Sie beinhaltet eine Verpflichtung zum Bau. Kommt dieser nicht zustande, ist der Bebauungsplan wieder hinfällig. Susanne Frucht vom Stadtplanungsamt schlug vor, den Gestaltungsbeirat der Stadt an der Entscheidungsfindung zu beteiligen.

Frühestens in drei Jahren beginnen die Bauarbeiten

Über das weitere Vorgehen berät nun der gemeinderätliche Ausschuss für Umwelt und Technik am kommenden Dienstag. Auf den ersten Kaffee mit Stadtblick müssen Haigstler, Stuttgarter und Touristen allerdings noch etwas warten. Ein Bebauungsplanverfahren dauere durchschnittlich drei Jahre, sagte Frucht, erst danach könne man mit dem Bau beginnen.

Die Euphorie im Bezirksbeirat dämpfte das keineswegs. Als „Lotto-Sechser mit Zusatzzahl“ bezeichnete der CDU-Sprecher Götz Bräuer das Vorhaben. Er mahnte sogleich an, die Stadt solle den Investor nicht durch zu hohe Auflagen vergraulen. Michael Huppenbauer bescheinigte dem Projekt eine „Weiterentwicklung der Ecke“, pochte aber darauf, dass die Nahversorgung gesichert bleibt.

Der SPD-Sprecher Ulrich-Michael Weiß ließ sich vom Investor versichern, dass es weiterhin Hol- und Bringdienste für die ältere Kundschaft gebe. Und Federico Rapino, selbst seit Jahrzehnten Anwohner, freute sich, dass nach langer Zeit „endlich mal etwas Gescheites auf den Haigst kommt“.

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