Die Gelbkopfamazone lebt seit 1984 im Stadtgebiet und ist vor allem in Bad Cannstatt anzutreffen. Die Nilgans kann aggressiv auftreten. Die Rotwangenschildkröte lebt in allen Seen. Die Rotwangenschildkröte lebt in allen Stuttgarter Seen. Die Nilgans kann aggressiv auftreten. Foto: dpa

Papageien, Nilgänse, Schildkröten und andere Exoten fühlen sich in der baden-württembergischen Landeshauptstadt offenbar wohl.

Bad Cannstatt - Läuft man durch die Stuttgarter Schlossgartenanlagen oder den Cannstatter Kurpark, hört man mancherorts ein tierisches Zetern und Kreischen, das aber nicht von heimischen Amseln, Spatzen oder Staren kommt. Sondern von Gelbkopfamazonen, die eigentlich im Amazonas-Gebiet Zuhause sind. Diese Papageienart lebt seit 1984 in Stuttgart – und die Vögel sind nicht die einzigen Exoten, die sich mittlerweile im Schwabenland offenbar wohl fühlen.

Um die Ansiedlung der Papageien ranken sich einige Legenden. Eine geht davon aus, dass das erste Tier aus der Wilhelma entflohen ist. „Wir gehen davon aus, dass das erste Tier aus privater Haltung entflohen ist“, sagt Renate Kübler, Diplom-Biologin und Leiterin der unteren Naturschutzbehörde für den Stadtkreis Stuttgart. Da Papageien gerne in Kolonien leben, habe sich laut Kübler jemand erbarmt und dem ersten Tier einen Partner an die Seite gestellt. Seitdem wächst die Population stetig. 40 bis 60 Tiere sollen im Stadtgebiet leben. Die ursprüngliche Heimat von „Amazona oratrix“ – wie die Gelbkopfamazonen wissenschaftlich heißen – sind mexikanische Regenwälder. „Die Population in Stuttgart ist die größte außerhalb ihres Heimatgebietes.“ Dort seien sie vom Aussterben bedroht. Obwohl die Tiere also eigentlich nicht in unser Ökosystem gehören, überleben sie und verdrängen auch keine hier heimischen Arten. „Wir hatten etwas Sorge, um die seltene und bedrohte Hohltaube, die wie die Papageien in Baumhöhlen nistet. Allerdings stehen die beiden Arten nicht in Konkurrenz.“

Von privaten Haltern ausgesetzt

Doch nicht nur in der Luft tummeln sich in der baden-württembergischen Landeshauptstadt exotische Tiere. Auch zu Wasser trifft man außergewöhnliche Nachbarn. „Wir haben in all unseren Seen Gelb- und Rotwangenschildkröten“, sagt die Expertin. Auch sie seien von privaten Haltern ausgesetzt worden und haben sich nun hier etabliert. Eigentlich stammen diese Schildkröten aus wärmeren Gefilden in Nordamerika. „Sie haben sich aber wohl angepasst und bewältigen auch die kalten Winter.“ Selbst Nachwuchs versuchen die Schildkröten großzuziehen. So habe man am Max-Eyth-See beobachtet, wie sie Löcher gegraben und dort ihre Eier abgelegt haben. „Wir gehen aber nicht davon aus, dass die Jungtiere überlebt haben.“ Auch bei den Schildkröten wird darauf geachtet, dass sie das heimische Ökosystem nicht belasten. Dort müsse darauf geachtet werden, dass sie Amphibienbestände nicht schädigen. Das sei bisher nicht beobachtet worden.

Zwischen Luft und Wasser bewegt sich die Nilgans. Die aus Afrika stammende Gänseart machte schon manche Schlagzeile, weil sie aggressiv auftreten kann, vor allem wenn sie Nachwuchs hat. Sie fühlt sich auf kurz gemähten Rasenflächen wohl und konkurriert damit mit Sonnenanbetern in Freibädern. „Es gab schon Nilgänse im Mineralbad Berg und im Leuze“, so Kübler. Man habe damals versucht, sie mithilfe von Drohnen zu verscheuchen, was allerdings nicht funktioniert habe. Durch ihr aggressives Auftreten verjagen sie die heimischen Stockenten aus ihren Revieren. Ein Problem. „Aber sie in der Stadt zu jagen, gestaltet sich als schwierig.“

Waschbär und Dachs

Ein weiterer Neozoen (der Fachbegriff für exotische, neue Arten) ist der Waschbär. „An den Stadträndern wurde er auf jeden Fall schon gesichtet. Ob er es auch schon in die Innenstadt geschafft hat, weiß ich nicht.“ Auch der Fuchs, der mittlerweile zwei Populationen einer Art gebildet hat – den Stadt- und den Waldfuchs – fühlt sich in Stuttgart wohl. „Der Stadtfuchs hat hier ein tolles Nahrungsangebot. Die Bürger lassen nämlich gerne Essenreste zurück. Ein gefundenes Fressen für den Fuchs.“ Er sei der Waldbewohner, der dem Menschen inzwischen am nächsten ist. „Vor allem in der Hanglage in der Innenstadt fühlt er sich heimisch.“

Eine heimische aber nicht sehr oft gesichtete Art, die immer näher an den Menschen in Stuttgart heranrückt, ist der Dachs. Er lebt vor allem in Stadtrand-Gebieten. In Mühlhausen, Uhlbach und Obertürkheim wurde die schwarz-grau bekopfte Marderart schon gesichtet. „Allerdings sind die Tiere sehr scheu und halten sich generell vom Menschen fern“, sagt die Expertin. Man kann also auch außerhalb des Zoologisch-Botanischen der Wilhelma exotische Tiere im Stuttgarter Stadtgebiet antreffen.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: