Die Zauneidechse gehört zu den geschützten Arten Foto: Fotolia/Makuba

Für das Bahnprojekt Stuttgart 21, aber auch für andere Bauvorhaben in der Stadt, müssen streng geschützte Eidechsen umgesiedelt werden. Bei einer Aktion der Bahn scheint das gewaltig schiefgegangen zu sein.

Stuttgart - Es war ein Geschäft zum beiderseitigen Nutzen, dem der klammen Stadt Steinheim an der Murr und dem der potenten Bahn AG. Nützen sollte es auch den streng geschützten Eidechsen, die dem Bahnprojekt Stuttgart 21 im Weg sind. Nun aber sind von 106 im August und September 2013 aus Stuttgart umgesiedelten Zauneidechsen kaum noch welche da.

Den umgesiedelten Tieren „vollends den Garaus gemacht“

Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) spricht von einem Skandal. Durch mangelnde Pflege des neuen Geländes habe die Bahn zwar ein paar Euro gespart, aber den umgesiedelten Tieren „vollends den Garaus gemacht“, sagt der Stuttgarter Regionalgeschäftsführer Gerhard Pfeifer. „Die Aktion war wie von uns vorhergesagt ein Flop“, so Pfeifer. Er fordert, künftig auf die „allzu leicht genehmigten Umsiedlungen“ zu verzichten. Den seit Millionen Jahren vorkommenden Tierarten sollten gebührend große und geeignete Ersatzlebensräume in der Nähe der Baustellen bereitet werden.

Ersatzlebensraum ist für Eidechsen nicht einfach zu finden. Sie lieben Sonne und Wärme, lockeren Sandboden zur Eiablage und tiefe Steinhaufen, in denen sie frostgeschützt überwintern können. Daher finden sich Eidechsen oft auf Bahnanlagen.

Ein passendes Zuhause für die Tiere kann auch Steinheim bieten. Die Stadt hatte bereits in den 50er Jahren aufgegebene Steillagen am Burgberg gekauft und die Terrassen zunächst gepflegt. 20 000 Euro wurden jedes Jahr in die früheren Weinberge gesteckt. Irgendwann aber wurde der 12 000-Seelen-Gemeinde, in der schon die nächtliche Straßenbeleuchtung ausgeknipst worden war, um jährlich 15 000 Euro zu sparen, zu teuer. Die alten Mauern verfielen und wuchsen teils zu.

Die Bahn mit ihrem Echsenproblem kam letztlich wie gerufen. „Die Stadt wollte, dass die Bahn das ökologische Potenzial hier nutzt“, sagt der städtische Umweltbeauftragte Eric Hirsch. Die Trockenmauern liegen zwischen zwei Steinbrüchen. „Der Gemeinderat hat zugestimmt“, so Hirsch, auch wenn es Gegner von Stuttgart 21 gebe.

Bahn sicherte einige Mauern und unterschrieb für 30 Jahre

Die Stadt gab eine Mindestpflege und Aufwertungsmaßnahmen vor. Die Bahn sicherte einige Mauern und unterschrieb für 30 Jahre. Damit war ein sechsstelliger Betrag für 2,3 Hektar am Sonnenhang gesichert. Und in Steinheim keimte weiter Hoffnung auf. Nicht nur von den Stuttgart-21-Baustellen am Feuerbacher Bahnhof und Pragtunnel müssen Tiere umgesiedelt werden. Auch für den neuen Abstellbahnhof in Untertürkheim wäre ein Echsenumzug absehbar. Mehrere Tausend Quadratmeter zugewachsene Trockenmauern sind noch im Angebot. „Da ist praktisch keine Eidechse da“, sagt Hirsch. Seit 20 Jahren hilft er mit, die alten Weinbergmauern zu sichern.

Allerdings ist praktisch auch keines der 106 umgesiedelten Tiere mehr da. Das steht im ersten der jährlichen Monitoring-Berichte. „Das von der Bahn beauftragte Büro hat einen ordentlichen Bericht geliefert. Das Ergebnis ist nicht brillant“, sagt Hirsch, es seien „relativ wenig Eidechsen da“, hält er sich zur Populationsgröße bedeckt. Das S-21-Kommunikationsbüro bestätigt, dass „nicht mehr die ursprüngliche Anzahl der umgesiedelten Tiere“ festgestellt worden sei. Man könne „naturgemäß“ auch nicht alle antreffen, aber mit einem Faktor die tatsächlich vorhandene Zahl abschätzen.

Bei sechs Begehungen genau zwei Eidechsen gefunden

In dem Fall ist nicht mehr viel hochzurechnen. „Zwei“, sagt Gerhard Pfeifer, „man hat bei sechs Begehungen zwischen April und September genau zwei erwachsene Eidechsen gefunden.“ Zwei von 106. Nach der sogenannten Laufer’schen Faustregel könnte man auf acht Tiere hochrechnen. Pfeifer nennt das Ergebnis „verheerend“. Der Bericht nennt Ursachen: „Die Tiere scheinen aufgrund schlechter Pflege und subopti­maler Anlage des Ersatzhabitats abgewandert zu sein.“ Oder sie wurden gefressen, sagt die Bahn. Es sei zu wenig gemäht worden, sagt Pfeifer: „Sandlinsen sind zugewachsen, die Vegetation wurde zu hoch.“ Hirsch sagt, die Bahn habe „zu wenig gemacht und das auch eingeräumt, jetzt will sie mehr machen“.

Die Flächenpflege könne eine „Einflussgröße“ für die Entwicklung der Tiere darstellen, sagt die Bahn und räumt ansonsten nichts ein. Das Pflegekonzept mit der entsprechenden Mahd habe man umgesetzt. Dennoch seien die Flächen „teilweise stark zugwachsen“, so ein Sprecher. Nun passe man die Pflege an.

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