Die studentische Ausstellung ist mehr zu hören als zu sehen Foto: factum/Bach

In einer Ausstellung erzählen Menschen ihre Geschichten von Zivilcourage, beherztem Handeln oder schlicht Durchhaltevermögen.

Herrenberg - Was Mut ist? „Keine Angst zu haben und zuerst zuzuschlagen.“ Oder ist es doch eher „zu seinen Schwächen zu stehen“? Diese Antworten stammen von Jugendlichen. Sie sind zwei von vielen Facetten einer Ausstellung, die bis zum 24. April in Herrenberg zu sehen ist – vor allem zu hören. Sie schallen durch Kopfhörer. Bürger der Stadt erzählen Geschichten von Mut, Beharrlichkeit, Kummer, Durchhaltevermögen oder Zivilcourage, ihre eigenen Geschichten.

Diese Geschichten haben Tübinger Studenten der Kulturwissenschaften zusammengetragen und aufgezeichnet. Vor allem haben sie zunächst die Herrenberger überredet, ihre Geschichte zu erzählen. Getroffen haben sie diese Menschen dort, wo man sich eben trifft: auf Stadt- und Stadtteilfesten. Sie haben Vereine um Vorschläge gebeten und Ortschaftsräte. Zunächst fehlte vielen der Mut, von ihren Taten zu erzählen. Die Mehrzahl meldete sich im Nachhinein. Wenn dieses erste Hindernis überwunden war, „haben die Gespräche bis zu vier Stunden gedauert“, sagt Helen Ahner.

Sie haben keine schlagzeilenträchtigen Lebensretter gesucht, auch wenn einer davon unter den Interviewten ist. „Sonst hätten wir nur beim DRK nachfragen müssen“, sagt Alexander Renz. Er wie Ahner haben die Studenten angeleitet. Es sollten nicht die Geschichten von demjenigen sein, der zuschlägt, sondern die von denjenigen, die zu ihren Schwächen stehen. Oder von denjenigen, die gegen Widerstand handeln.

Der erste Wehrdienstverweigerer wusste, was er würde erdulden müssen

Der erste Wehrdienstverweigerer in der Geschichte des Dorfes wusste gewiss, was er von der Gemeinschaft würde erdulden müssen. Geburtsjahrgängen jenseits der Sechziger dürfte auch klar sein, was es bedeutete, im Jahr 1967 einen „Verband lediger Mütter“ zu gründen. Ihn gibt es unter anderem Namen noch heute. Noch ältere mögen sich ausmalen, was die Familie kurz nach dem Ende des Weltkrieges dazu sagte, dass eine Frau einen Vertriebenen aus dem Baltikum heiraten wollte. Dieser Ausstellungsbeitrag „passt total zu heute“, sagt Renz. Viele der Mut-Geschichten spielen in der Nachkriegs-Vergangenheit. Es sind aber auch ganz andere darunter: Die von der Autistin, die sich selbst erklärt, die vom Contergan-Geschädigten, der aus seinem Leben im Rollstuhl erzählt oder einfach die der Sportlergruppe, die in viereinhalb Tagen von Herrenberg nach Berlin lief, um die Botschaft des Grundgesetzes zu verbreiten. Neben den dazu ausgestellten Laufschuhen liegen Grundgesetze-Nachdrucke im Taschenformat zum Mitnehmen.

Die Ausstellung ist in der Stadtbibliothek und der benachbarten Volkshochschule zu sehen und zu hören. An ihrer ersten Station erzählen Interviewte in einer Dauerschleife, dass eigentlich nicht mutig war, was sie taten. An der letzten sollen mutlose Besucher geläutert sein. „Sie sollen ermutigt rausgehen“, sagt Ahner.

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