Das Klinikum Stuttgart betont, dass man den Rems-Murr-Kliniken keine Patienten wegnehmen wolle. Foto: Lg/Achim Zweygarth

Die Übernahme einer gastroenterologischen Praxis durch das Klinikum Stuttgart ist dem Aufsichtsratsvorsitzenden und Landrat Richard Sigel sauer aufgestoßen. Nach Gesprächen erklären beide Seiten die Differenzen für ausgeräumt.

Schorndorf - Für seine Verhältnisse ist es ein Aufschrei gewesen: Der Aufsichtsratsvorsitzende der Rems-Murr-Kliniken, Rems-Murr-Landrat Richard Sigel, hat nicht nur in der jüngsten Sitzung des Kreistags ungewohnt barsch seine „Verwunderung“ über Aktivitäten des Stuttgarter Klinikums kund getan. Diese Gefühlslage hat er auch dem Oberbürgermeister der Landeshauptstadt, Fritz Kuhn, unterbreitet. Mittlerweile aber, das versichern beide Seiten, seien die „Missverständnisse“ ausgeräumt.

Landrat Richard Sigel: Unfreundlicher Akt

Der Hintergrund für den Konflikt war, dass das Stuttgarter Klinikum als Betreiber eines sogenannten Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) in Schorndorf einen Arztsitz für Gastroenterologie erworben und die Praxis auch unlängst in Betrieb genommen hat, ohne den Landkreis um Zustimmung zu bitten oder wenigstens zu informieren. Der Landrat hat das als einen „unfreundlichen Akt“ gewertet. Ohne es auszusprechen, befürchtet man im Rems-Murr-Kreis in dem MVZ auf fremden Territorium natürlich ein Mittel, um potenzielle Patienten für größere Eingriffe weg vom örtlichen, hin in das Stuttgarter Klinikum zu lotsen.

Formal ist für die Kassenärztliche Vereinigung (KV) an der Arztsitzübernahme durch ein Medizinisches Versorgungszentrum, das seine Zentrale jenseits der Kreisgrenze hat, nichts zu beanstanden. Im Gegenteil: Weil viele Nachwuchsärzte heute lieber als Angestellte und vorzugsweise in Teilzeit arbeiten wollten, lägen MVZs sogar im Trend. Die größeren Organisationseinheiten hätten durchaus ihre Vorteile und seien in anderen Berufsgruppen, etwa bei Anwaltskanzleien oder Steuerberatern, längst üblich, sagt der KV-Sprecher Kai Sonntag.

Kinderwunschpraxis statt Frauenarzt

Allerdings berge das Modell auch Risiken. Das eine ist die Rosinenpickerei. Vogel nennt das Beispiel eines osteuropäischen Investors, der sich durch den Erwerb eines Mini-Krankenhauses mit acht Betten auf Borkum die Möglichkeit eröffnet habe, Medizinische Versorgungszentren zu betreiben. Dieser Investor kaufe nun sukzessive Frauenarztsitze auf – um in den Praxen ausschließlich Kinderwunschbehandlungen vorzunehmen. Die Grundversorgung hingegen bleibe dadurch auf der Strecke.

Die andere Sorge ist, dass bei konzernartigen Strukturen eine finanzielle Schieflage des Betreibers gravierende Auswirkungen für die Versorgungslage der Patienten haben könnte, weil mit einem Schlag alle „Filialen“ vor dem Aus stünden. Dieser Aufbau von „Arztpraxis-Ketten“ sei nach der jüngsten Reform des Gesundheitsministers aber möglich.

Davon ist das Stuttgarter Klinikum allerdings noch um einiges entfernt, wenngleich der Schorndorfer Arztsitz nicht der einzige ist, den das Krankenhaus übernommen hat. Insgesamt drei Medizinische Versorgungszentren werden laut Hartmut Kistenfeger mittlerweile von Stuttgart aus betrieben. Das Ziel, das man damit verfolge, sei nicht etwa den niedergelassenen Ärzten Konkurrenz zu machen, sondern „in Einzelfällen den Übergang von der stationären zur ambulanten Versorgung zu verbessern“. Eine solche sektorübergreifende Versorgung sei schließlich auch das erklärte Ziel der aktuellen Politik.

Klinikum-Sprecher: Sorgen sind ausgeräumt

Und die Bedenken des Rems-Murr-Kreises, man könne via MVZ krankenhaustechnisch in fremden Revieren „wildern“? „Die Sorgen sind nach einem klärenden Austausch ausgeräumt“, sagt Hartmut Kistenfeger. Konkret bedeutet dies, dass man sich sukzessive nach Stuttgart zurückzieht. Die Arztpraxis solle in den nächsten Monaten in das Klinikum integriert werden, sagt Kistenfeger, der dennoch betont, dass die Schorndorfer Übernahme auch aus Sicht der Patientenversorgung eine richtige Entscheidung gewesen ist: „Die Alternative wäre gewesen, dass die Praxis geschlossen worden wäre.“

Auch Kai Sonntag von der Kassenärztlichen Vereinigung betont, dass man das Modell der Medizinischen Versorgungszentren keineswegs grundsätzlich verdammen sollte. Sonntag: „Das MVZ ist letztlich nichts anderes als eine organisatorische Hülle, die man gut oder schlecht ausfüllen kann.“

Medizinische Versorgungszentren

Einführung
Das MVZ ist als mögliche Einrichtung der ambulanten medizinischen Versorgung mit der Gesundheitsreform im Jahr 2003 eingeführt worden. Das Gesetz zielte zunächst nicht auf den Krankenhausbereich ab, bewirkte jedoch, dass Krankenhäusern verstärkt die Möglichkeit geboten wurde, auch ambulante Behandlungen durchzuführen.

Besonderheit
In einem Medizinischen Versorgungszentrum können beliebig viele zugelassene Ärzte fachübergreifend im Angestelltenverhältnis arbeiten. Das ist in herkömmlichen Praxen nur sehr eingeschränkt erlaubt.

Gründung
Ein MVZ kann von zugelassenen Ärzten oder Krankenhäusern gegründet werden. Auch Kommunen wurde unlängst die Möglichkeit eingeräumt – laut dem Bundesgesundheitsministerium, um damit „aktiv die Versorgung in der Region zu beeinflussen und zu verbessern“. Der Ärztliche Leiter darf in medizinischen Angelegenheiten keinerlei Weisungen unterworfen werden. Über die Zulassung eines MVZ entscheidet die Kassenärztliche Vereinigung.

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