Das Daimler-Werk Untertürkheim ist derzeit eine Großbaustelle – auch im übertragenenen Sinne. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Beim Streit um Jobs im Daimler-Stammwerk Untertürkheim geht es für beide Seiten ums Ganze, meint unser Kommentator Klaus Köster.

Stuttgart -

Bei Daimler laufen die Bänder auf Hochtouren. Auf den ersten Blick wirkt es daher reichlich übertrieben, wenn der Betriebsrat des Stammwerks Untertürkheim über die Gefährdung von Arbeitsplätzen in dem Werk mit rund 20 000 Mitarbeitern klagt. Doch tatsächlich tun die Arbeitnehmervertreter gut daran, sich durch die rauchenden Schlote nicht den Blick auf die längerfristigen Perspektiven vernebeln zu lassen.

Je länger sich die Verhandlungen über die Zukunft des Standorts hinziehen, desto deutlicher wird, dass Arbeitnehmerseite und Firmenleitung mit völlig unterschiedlichen Erwartungen an das neue Zeitalter der Autobranche herangehen. Betriebsrat und IG Metall wollen die bestehenden Strukturen einschließlich großer Fabriken mit starken Gewerkschaften und hoher tariflicher Absicherung in die künftige Ära übertragen; der Konzern dagegen strebt an, neben dem technologischen Umbruch auch den Umbruch der Arbeitswelt massiv voranzutreiben. In dieser Welt gibt es immer weniger Arbeit für die großen Fabriken mit festangestellten Beschäftigten – stattdessen werden Aufgaben zunehmend durch kleine Firmen und auch Einzelkämpfer in aller Welt erledigt.

Technologiewandel stärkt die Macht des Vorstands

Weil aber kleine Zulieferer in Asien nicht gewerkschaftlich organisiert sind und schon gar nicht bei der IG Metall, verstehen die Gewerkschaften diese Strategie zu Recht als fundamentale Bedrohung ihres Einflusses. In Untertürkheim geht es somit nicht nur darum, wo künftig Antriebe für Hinterachsen gebaut werden – es geht auch um die Frage, was die Beschäftigten künftig noch zu melden haben, und zu welchen Bedingungen sie arbeiten werden.

Der technologische Wandel spielt in diesem Machtkampf klar dem Vorstand in die Karten. Für den Bau eines Elektroautos werden viel weniger Menschen benötigt als für das heutige Auto mit Benzin- oder Dieselmotor. Zudem sind zen­trale Komponenten wie der Motor beim E-Auto vergleichsweise einfach zu bauen – und können deshalb billig in aller Welt eingekauft werden. Beides verringert die Macht der Gewerkschaften. Das macht sich die Geschäftsleitung zunutze und droht den Mitarbeitern, im Stammwerk neue Jobs fürs E-Auto entweder außerhalb des Tarifvertrags anzusiedeln – oder gar nicht. Sie kann zudem darauf verweisen, durch ganz neue Wettbewerber wie Google, Apple, Uber und Tesla selbst unter hohem Druck zu stehen.

Schwierige Entscheidungen für die Arbeitnehmervertreter

Der Ärger der Belegschaftsvertreter über dieses Vorgehen ist verständlich – doch ihre Druckmittel sind begrenzt. Betriebsversammlungen und andere Nadelstiche gegen die Produktion können zwar zeigen, wie wichtig eine Belegschaft ist, die mitzieht. Überspannt sie aber den Bogen, schwächt sie genau die Werke, die sie retten will. Das Ziel, alle Jobs und zugleich alle tariflichen Standards in die Zukunft mitzunehmen, wird sich daher kaum erreichen lassen. Eher geht es für die Belegschaften darum, ihre Haut teuer zu verkaufen und für Zugeständnisse möglichst weitreichende Zusagen zu bekommen.

Doch auch der Konzern wird sich bewegen müssen. Von ihm erwartet die Öffentlichkeit zu Recht, dass er den Beschäftigten nicht nur Zugeständnisse abverlangt, sondern auch klare Perspektiven für eine auskömmliche Beschäftigung bietet. Ohne Investitionen in neue Technologien vor Ort lassen sich solche Perspektiven nicht darstellen. Neue Technologien stellen zwar fast alles auf den Kopf. Doch an der Notwendigkeit eines verantwortungsvollen Umgangs mit den Beschäftigten ändern sie nichts – im Gegenteil.

klaus.koester@stuttgarter-nachrichten.de

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