Foto: Lichtgut/Julian Rettig

„Ich bin für die Quote – ganz klar“: Die Starkünstlerin Karin Kneffel machte in der „Stuttgarter Nachrichten“-Reihe „Über Kunst“ deutlich, dass es zur Gleichberechtigung auch in der Kunst noch ein langer Weg ist.

Stuttgart - Warum Malerei? „Ich halte“, sagt Karin Kneffel im „Über Kunst“-Gespräch mit Nikolai B. Forstbauer, Titelautor unserer Zeitung, in der Staatsgalerie Stuttgart, „das Fähnchen der Freiheit der Kunst hoch“. „Wenn ich vor einer Leinwand stehe, finde ich dort die größte Freiheit. Ich bin unabhängig vom Raum, vom Licht. Es gibt nur diese weiße quadratische oder rechteckige Fläche. Ich verfolge kein Ziel. Wohin mich meine Arbeit führt, das ergibt sich nur im Gespräch zwischen meinem Bild und mir. Nichts als mein Bild hilft mir auf die Sprünge.“

„Was ich male, das gibt es ja gar nicht“

Wohin Karin Kneffel auf diese Weise gelangt, zeigt derzeit eindrucksvoll die Ausstellung „Still“ im Museum Frieder Burda in Baden-Baden. Wesentlichen Anteil an der Vorbereitung hat der jetzt von Berlin aus agierende frühere Stuttgarter Galerist Klaus Gerrit Friese. Der „Über Kunst“-Abend in der Staatsgalerie Stuttgart präsentiert Foto-Einblicke in die Schau in Baden-Baden. Da sind Kneffels großformatige Obstgemälde, ihre von Vorhängen und spiegelnden Fensterflächen bestimmten Interieurs. Jeder Programmatik verwehrt sich die Malerin dieser Bilder ebenso, wie dem Begriff des Fotorealismus: „Was ich male“, sagt sie, „das gibt es ja gar nicht.“ Die Fotografie zieht sie als Hilfsmittel heran, aber die Ästhetik des Fotografierens möchte sie entschieden aus ihren Bildern vertreiben.

Die Malein arbeitet mit kleinen Pinseln

Karin Kneffel geht es um die Malerei, um den Arbeitsprozess, den sie mit sich bringt, die Entscheidungen, Entdeckungen. In einer vielschichtigen Nass-in-nass-Technik malt sie mit kleinen Pinseln nicht mehr als 20 Bilder in jedem Jahr, benötigt für die Fertigstellung eines Werkes mitunter bis zu einen Monat. „Manchmal wünschte ich mir, ich könnte ein großes Bild an einem Tag malen“, sagt sie. Dann aber: „An einem Tag ist man stärker, dann schwächer, feiger, mutiger oder ganz klein – all diese Gefühle sind im Bild.“

Düsseldorf in den 1980er Jahren – „intensiv und wichtig“

Karin Kneffel wird 1957 in Marl geboren, einer Kleinstadt im nördlichen Ruhrgebiet. Sie studiert zunächst Germanistik und Philosophie in Münster und Duisburg-Essen, von 1981 bis 1987 dann an der Kunstakademie Düsseldorf, wird Meisterschülerin bei Gerhard Richter. „Düsseldorf“, sagt sie heute, „war intensiv und wichtig. Wir haben damals alle an denselben Problemen gearbeitet, ob in der Fotografie, der Malerei, der Bildhauerei.“ Die Bedeutung der Malerei war zu jener Zeit, wieder einmal, in Frage gestellt, die Maler suchten nach Motiven. „Die wilde Malerei“, erinnert sich Kneffel, „war ein letztes Aufbäumen. Wenn man nicht wild malen wollte, dann musste man neue Möglichkeiten für sich schaffen.“

Erste Erfolge mit einem Zyklus zu Tierporträts

Karin Kneffel schuf sich diese Möglichkeiten in ihren seriell angelegten Tierportraits – hier konnte sie sich von der Psychologie des Menschenbildes entfernen, sich aber zugleich mit der Rolle des Porträts in der Kunstgeschichte beschäftigen. Mit der Größe ihrer Tierbilder, ihrer gleichmäßige Hängung, nahm sie ihre spätere Arbeitsweise in Teilen bereits vorweg: kein Tier erschien auf ihren Bildern in Lebensgröße; Hühner, Kühe, Ziegen, Schweine passten sich einem einheitlichen Format an.

„Ich male, wenn ich die Wirklchkeit nicht verstehe“

Einen konzeptionellen Ansatz weist Kneffel nicht von sich, ebenso wenig die Ironie, die sich in manchen Bildern verbergen mag – ein Ziel jedoch ist beides für sie nicht: „Ich male, was mich beschäftigt“, sagt sie. „Ich male, wenn ich die Wirklichkeit nicht verstehe, ich kommuniziere mit meinen Bildern.“

Das Ruhrgebiet? „Scheußlich, aber e gibt mir ein Gefühl von Wärme“

Gegen eine Überinterpretation ihrer Bildwelten wehrt sich Karin Kneffel, die Kunstgeschichte und ihre Bezüge freilich denkt sie malend immer mit. Dann aber lässt sie sich doch auf inhaltliche Betrachtungen ein – als das Gespräch auf ihre Bilder von Häusern im Ruhrgebiet kommt. Schön sind diese Häuser nicht, obschon von ihren Bewohnern hochgeschätzt. Für Kneffel transportieren sie ein autobiografisches Moment: „Das Ruhrgebiet“, sagt sie, „ist scheußlich, aber es gibt mir ein Gefühl der Wärme. Ich hänge daran, aber ich wusste früh, dass ich dort unbedingt weg muss.“ In Kneffels Bildern gewinnen die unschönen Häuser eine fast mystische Dimension – und die Malerin geht über ihren persönlichen Bezug hinaus, fragt: „Wie kann etwas, das so hässlich ist, malenswert sein?“

Loblied auf die Kunstakademien

Karin Kneffel, eine Künstlerin, die die Freiheit der Malerei, ihre unvorhergesehenen Möglichkeiten, so sehr schätzt, ist auch eine vehemente Verteidigerin der deutschen Kunstakademien. Selbst wenn nur fünf ­Prozent der Studierenden an diesen Akademien letztlich in der Lage sein werden, ihren Lebensunterhalt durch die Kunst zu bestreiten, glaubt sie, die Gesellschaft sei dem Idealismus der jungen Studierenden ihre Unterstützung schuldig.

Klare Haltung geegen „Verschulung“ der Akademien

Kneffel stellt sich gegen eine „Verschulung“ der Akademien: „Die Studenten aus anderen Ländern, die zu uns kommen“, sagt sie, „wollen alle bleiben, weil sie das freie Arbeiten bei uns so toll finden.“ Auch für eine grundsätzliche Frauenquote plädiert Kneffel. Männer, sagt sie, dominierten auch in der Kunst nach wie vor das Feld, die Museen, die Ausstellungslisten, die Sammlungen. Der Großteil der Studierenden an den Kunstakademien besteht heute aus Frauen, stellt sie fest – „Und dennoch kommen dort zuletzt fast nur Männer raus.“

Bewusste Gegensätze in der Klasse Kneffel

Als Professorin für Malerei an der Akademie der bildenden Künste in München gibt Karin Kneffel auch der Fotografie, der Bildhauerei Raum, obschon dies Spannungen mit sich bringt: „Aber es ist schön, alle diese Aspekte zu haben.“ Möglicherweise sind es ja gerade die Spannungen, die die Arbeit in ihrer Klasse intensivieren.

Warum die Welr ohne Kunst unvollständig sein würde

Malerei, das weiß Karin Kneffel, kann keine Kriege verhindern, die Erderwärmung nicht aufhalten, steckt aber auch heute noch voller Möglichkeiten. Und dem Satz, den der Kunsthistoriker Conrad Fiedler vor fast 150 Jahren formulierte, dass „die Welt ohne die Kunst unvollständig sein würde“ – ihm stimmt Karin Kneffel in der Stuttgarter Staatsgalerie vor 150 Besucherinnen und Besuchern mit einem Lachen so selbstverständlich knapp wie entschieden zu.

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