Auch soziales Verhalten will gelernt sein. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Erziehungshilfe hat in Stuttgart eine 200 Jahre alte Tradition. Jetzt begeht die Paulinenpflege ihren Geburtstag, der Königin Katharina zu verdanken ist.

Stuttgart - In der Albert-Schweitzer-Schule in Stuttgart-Rohr werden 50 Kinder unterrichtet, pro Klasse maximal neun Kinder. Jedes Kind mehr würde den Unterricht sprengen, auch wenn die Lehrer die meiste Zeit im Zweierteam arbeiten. „Ein Teil der Kinder, die neu zu uns kommen, kratzen, beißen, schlagen oder werfen Sachen nach den Lehrern. Es dauert manchmal Wochen, bis sie 20 Minuten lang still sitzen können. Der zweite Lehrer muss in solchen Situationen mit dem betreffenden Kind raus aus der Klasse, mit ihm spazieren gehen, bis es wieder zur Ruhe gekommen ist“, sagt Ulrich Teufel, der pädagogische Vorstand des Schulträgers, der Stiftung Jugendhilfe aktiv. 70 bis 80 Anfragen pro Jahr gehen laut Teufel bei der Schule für Erziehungshilfe ein. „Die Hemmschwelle der Eltern, Defizite zu melden, sinkt“, so Teufel im 200. Jahr des Bestehens der Albert-Schweitzer-Schule.

Wohltaten der Königinnen

Vor 200 Jahren ging es ums Überleben. Das Jahr 1816, das wegen des Ausbruchs des Vulkans Tambora auf Indonesien als „Jahr ohne Sommer“ in die Geschichte eingegangen war, brachte Württemberg große Ernteausfälle und damit verbunden die größte Hungersnot im 19. Jahrhundert. Getreide wurde unbezahlbar, Mühlen wurden geplündert, Stroh und Kleie zu Brot gebacken, und wer konnte, versuchte auszuwandern. Entsprechend viele Kinder blieben in diesen Zeiten allein, zumindest aber emotional und sozial vernachlässigt.

Königin Katharina, Zarentochter und König Wilhelms zweite Ehefrau, bemühte sich um Abhilfe. Unter anderem regte sie an, Kindern in schwierigen Lebenslagen Erziehung und Schulbildung aus einer Hand anzubieten. Sie konnte ihr Werk aber nicht mehr vollenden: sie verstarb drei Jahre nach ihrer Heirat im Alter von 30 Jahren.

König Wilhelms dritte Ehefrau Pauline setzte Katharinas Pläne im Jahr 1820 in die Tat um: sie vereinte die Katharinenschule und die Paulinenpflege, beides Einrichtungen zur Versorgung von Waisen- und Armenkindern, im ersten „Rettungshaus“ Württembergs unter einem Dach.

Ziel ist die Regelschule

Längst hat die Paulinenpflege einen weit reichenden Regionalbereich geschaffen, arbeitet mit den Jugendämtern in Böblingen, Stuttgart, Calw, Ludwigsburg und Esslingen zusammen und führt die Albert-Schweitzer-Schule in Rohr für Kinder mit emotionalen Schwierigkeiten. „Diese Kinder können zunächst nicht in Regel- und Außenklassen beschult werden“, sagt Ulrich Teufel. Intellektuell seien sie dazu sehr wohl in der Lage, ihre Verhaltensauffälligkeiten sprächen zunächst dagegen. Aber: „Unser Ziel für alle Kinder ist die möglichst schnelle Rückführung an eine Regelschule, damit sie dort ihren Schulabschluss machen können. Diese Perspektive ist es vermutlich, was unsere Schule für viele Eltern interessant macht. Hier muss das Kind nicht bis zur Erfüllung der Schulpflicht bleiben.“ Zwischen 50 und 70 Prozent der Schülerinnen und Schüler schafften den Übergang, auch auf Realschulen und Gymnasien.

Für manche ist der Rückweg versperrt

Für die Kinder gibt es sozialpädagogische Tagesgruppen am Nachmittag und acht dezentrale Wohngruppen für jene, die nicht zu Hause leben können. Die Ursache liegen laut Teufel „in der Mehrzahl an Problemen im bisherigen sozialen Umfeld der Kinder.“ Der Hilfebedarf habe sich vor allem bei Alleinerziehenden, psychisch kranken Müttern und bei Kindern aus Flüchtlingsfamilien verstärkt. „Ziel ist es, durch intensive Elternarbeit eine zeitnahe Rückführung zu den Eltern zu ermöglichen, so Teufel. Dort, wo Eltern psychisch krank sind, wo Gewalt und Missbrauch vorkommen, sei dieser Weg allerdings versperrt.

Mehr Personal für Wohngruppen

Um zukunftsfähig zu bleiben, muss die Stiftung Jugendhilfe Aktiv hart ums Geld ringen. Der Vorstand: „Die genannten Faktoren wirken sich auf die Arbeit im stationären Bereich aus. Hier wäre es wünschenswert, zwischen 15 und 21 Uhr eine Doppelbesetzung installieren zu können. Dazu wäre in jeder Gruppe mindestens eine halbe bis dreiviertel Stelle zusätzlich erforderlich.“ In Gesprächen mit dem Kommunalverband für Jugend und Soziales werde man dies zum Thema machen. Das Jubiläumsfest am 26. Juni fällt wegen Corona allerdings aus.

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