Zweisamkeit am Strand von Antalaha, Madagaskar. Inzwischen hat die Realität Michael Wöhrle und Angèle Jaotombo eingeholt. Foto:Privat Foto:  

Michael Wöhrle aus Steinenbronn hat vor zweieinhalb Jahren die Madagassin Angèle Jaotombo geheiratet. Das klingt nach einem Happy End, doch so ist es leider nicht.

Steinenbronn - Ein Mann und eine Frau stehen am Strand in einem tropischen Land. Beide lachen – er etwas verschmitzt, sie lacht offen und streicht ihm über das Haar. Sie wirken vertraut miteinander und glücklich. Das Foto zeigt den Steinenbronner Michael Wöhrle und seine Ehefrau Angèle Jaotombo am Strand von Madagaskar. Hinter ihnen sind weißer Sand und das Meer zu sehen. Es ist der Indische Ozean nahe der Stadt Antalaha im Norden der Insel vor der Ostküste Afrikas.

Das Foto ist vor mehr als zwei Jahren entstanden. Wöhrle und seine Partnerin haben am 26. Dezember 2015 geheiratet und wollen seitdem zusammen in Deutschland leben. Doch das ist schwieriger, als der 55-Jährige und seine Partnerin sich das vorgestellt hatten. In einem Café in Steinenbronn erzählt er: „Freunde haben vor zehn oder 20 Jahren Thailänderinnen geheiratet. Die durften gleich nach Deutschland kommen“. Das ist nach der Hochzeit mit einer Madagassin nicht möglich, denn für dieses Land ist eine Einzelfallprüfung des Visums nötig. Und die dauert lange.

Zwei Wochen verbrachte Wöhrle 2015 in Madagaskar bei Angèle und ihrer Familie in Antalaha. Es war das erste und bisher einzige Mal, dass sie sich getroffen haben, und sie haben gleich geheiratet. Zuvor kannten sie sich nur über das Internet. Sie hatten sich über das Portal F-Dating kennengelernt. „Die Seite ist kostenfrei“, sagt Wöhrle. Er fand Jaotombo sofort sympathisch, und sie antwortete schnell. Ein Jahr lang schrieben sie sich Nachrichten. Es hat gepasst, merkte Wöhrle vor Ort. Nach der Hochzeit flog der Steinenbronner Schlosser zurück nach Deutschland, weil sein Urlaub zu Ende war. Angèle zog in die madagassische Hauptstadt Antananarivo, um für das Visum Deutsch zu lernen. Die Hauptstadt ist von ihrem früheren Wohnort, in dem sie als Korbflechterin arbeitete, 1350 Kilometer entfernt. Mit dem Auto brauche man dafür sieben Tage, denn die Straßen seien schlecht. Sie wollten sich bald wieder sehen. Jaotombo sollte zu ihm nach Steinenbronn ziehen.

An einem kalten und windigen Tag sitzt Michael Wöhrle im Café Haag in Steinenbronn vor einer Tasse Kaffee. Der Platz neben ihm ist leer. Seine Frau ist nicht da. „Es wird gerade viel über den Familiennachzug von Flüchtlingen berichtet“, sagt er. Kaum einer wisse aber, wie schwierig der Nachzug ausländischer Ehepartner von Deutschen sei. Angèle Jaotombo hat im Januar 2016 einen Antrag für ein Visum auf Familienzusammenführung bei der Deutschen Botschaft in Antananarivo gestellt. Allerdings ist dieser noch immer nicht bewilligt worden. Heißt: Jaotombo darf aktuell nicht nach Deutschland einreisen. Auch ein Touristenvisum sei nicht möglich, sagt Wöhrle. Denn das Verfahren des anderen Visums ist in der Schwebe.

Jaotombo reichte ihr Zertifikat über einen A1-Sprachkurs, eine Bescheinigung über ein auf sie gebuchtes Flugticket und eine Krankenversicherung bei der Botschaft ein. „Ich habe bei der Ausländerbehörde im Landratsamt nachgewiesen, dass meine Wohnung groß genug ist und ich genug verdiene“, sagt Wöhrle. „Zwei Monate lang haben wir nichts gehört. Im April 2017 hieß es dann, dass eine Einzelfallüberprüfung sein muss.“

Die biologische Uhr tickt

Zum Hintergrund: An der Erteilung des Visums sind zwei deutsche Behörden beteiligt: das Amt für Migration und Flüchtlinge des Landratsamts Böblingen und die für Visumangelegenheiten in Madagaskar zuständige Deutsche Botschaft in Dar es Salaam, in Tansania. Auf der Homepage der deutschen Vertretung in dem ostafrikanischen Staat heißt es: „Wir wollen Ihnen die Einreise nach Deutschland so leicht wie möglich machen.“

Diesen Eindruck hat Wöhrle nicht. Sie hatten sich wegen der Einzelfallüberprüfung auf sechs Monate Warten eingestellt, jetzt ist es mehr als ein Jahr. Für das Paar hat die Verzögerung noch ganz andere Nachteile. „Wir wollen eine Familie gründen und Kinder haben. Aber die Uhr tickt“, sagt er. Jaotombo ist 42 Jahre alt.

Die Situation ist auch für die Familien der beiden merkwürdig

Wöhrle trägt an seinem Ringfinger einen schlichten, in sich gedrehten Ehering. Er verbindet ihn und seine Frau, die 8425 Kilometer von Steinenbronn entfernt in Antananarivo wartet.

Wöhrle tritt auf die Straße vor dem Café und läuft heim. Im Flur seiner Wohnung hängt ein Plakat von Che Guevara. Es riecht nach Räucherstäbchen. Wöhrle geht ins Wohnzimmer und nimmt ein gerahmtes Foto von der Schrankwand. Es zeigt einen kleinen, schlanken Mann mit dunkler Haut. „Das ist mein Schwiegervater“, sagt er. Wöhrle sagt, dass die Situation auch für das Umfeld merkwürdig sei. „Die glauben alle, dass wir nicht zusammenziehen wollen. Aber es liegt ja an den Behörden“, sagt er.

Zu den Gründen, warum Jaotombo kein Visum hat, nimmt ein Sprecher des Landkreises Böblingen, Stellung. „Aktuell prüft die Deutsche Botschaft in Tansania den Fall.“ Die angeordnete Prüfung der Heiratsurkunde durch eine Botschaft sei „ein normaler Vorgang. Die Mitarbeiter der Botschaft sind näher dran und können überprüfen, ob die Unterlagen echt sind“, sagt der Sprecher. Das geschehe standardmäßig. Schließlich habe das Amt für Migration und Flüchtlinge des Landratsamts Böblingen selten Urkunden aus Madagaskar vorliegen. „Ein Visum für Deutschland ist für viele Menschen erstrebenswert.“

Er überweist 300 Euro im Monat nach Madagaskar

Erst nach Wochen nimmt jemand vom Auswärtigen Amt schriftlich Stellung auf die Anfrage unserer Zeitung zu Jaotombos und Wöhrles Problem: „Im Rahmen eines Visumverfahrens zur Familienzusammenführung ist eine Überprüfung der vorgelegten Urkunden erforderlich.“ Das sei nötig, weil Urkunden in Madagaskar nicht unter vergleichbaren Umständen wie in Deutschland ausgestellt würden. Es sei nicht gewährleistet, dass der Inhalt von Personenstandsregistern immer auf dem neuen Stand sei. Daraus hat das Auswärtige Amt Konsequenzen gezogen und Madagaskar auf eine Liste der Länder gesetzt, bei denen es eine Einzelfallüberprüfung vor Ort geben muss. Das erledigt ein landes- und rechtskundiger Fachmann, in der Regel ein Anwalt. „Gerade weil man diese sehr sensible Aufgabe nicht einem beliebigen Anwalt anvertrauen kann, kommt es hier mitunter zu längeren Warte- beziehungsweise Bearbeitungszeiten“, heißt es.

Beim zweiten Treffen drei Wochen später sitzt Michael Wöhrle wieder im Café Haag in Steinenbronn. Vor ihm stehen eine Tasse Kaffee und ein Stück schwäbischer Apfelkuchen. „Das ist mein Abendessen heute“, sagt er. Wieder ist er alleine gekommen. Seine Ehefrau hat noch immer kein Visum bekommen. „Wir telefonieren einmal pro Woche. Gestern habe ich ihre Stimme gehört“, sagt er. Ansonsten chatten sie zwei-, dreimal die Woche. Ein Gesprächsthema ist immer, ob sie etwas Neues von der Botschaft gehört haben. „Wir sprechen natürlich auch darüber, dass wir uns lieben“, sagt Wöhrle.

Der Steinenbronner überweist seiner Frau pro Monat rund 300 Euro über den Transferdienst Western Union. „Da kommt einiges zusammen. Ich hätte nie gedacht, dass es so lange dauert, bis sie kommt.“ Wöhrle teilt die Ansicht nicht, dass es blauäugig sein könnte, einer Frau auf der anderen Seite der Erdkugel Geld zu überweisen. Er ist überzeugt, dass sie beide in Liebe miteinander verbunden sind.

Mit Google Earth zoomt er sich zu ihr

Auf dem Tisch vor Wöhrle im Café steht ein Laptop, auf dessen Monitor Google Earth zu sehen ist. Er zoomt sich an das fremde Land heran und schaut sich das Luftbild der Stadt Antalaha an. „Sie hat in der Straße Belle Rose gelebt“, sagt Wöhrle. Das Luftbild zeigt nun im Großformat eine breite Straße, deren Name Rue Belle Rose neben der Fahrbahn steht. Dort hat er sie in ihrer Hütte besucht. „Das ist eine Bretterbude mit Wellblechdach und Plumpsklo.“ Fließendes Wasser gab es nicht. „Das ist ein primitives Leben. Aber es geht auch.“

Wöhrle nimmt sein Smartphone aus der Tasche und wischt sich durch die Fotos. Er zeigt welche von der Hochzeit, wie sie an einer Tafel sitzen und gemeinsam essen. „Ich bin froh, dass ich die Bilder habe.“

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