Shabaka Hutchings und Theon Cross von den Sons of Kemet Foto: Theaterhaus

Geballte europäische Kreativität gab es am zweiten Abend des österlichen Jazz-Festival im Theaterhaus zu bestaunen: Drei wohl temperierte Herren gaben dem Mittelmeer einen Klang, vier wilde junge Männer aus London der Zukunft.

Stuttgart - Auf den Tag genau vor 33 Jahren habe er das erste Theaterhaus in Wangen eröffnet, sagt Werner Schretzmeier am Donnerstag zur Begrüßung. Er hat allen Grund, stolz zu sein auf eine Erfolgsgeschichte, die die Jazztage einschließt: Das Haus ist voll, in drei Sälen wird auf hohem Niveau musiziert.

Wenn es vor Ostern so kühl ist wie heuer, wärmt mediterrane Musik das Herz. Mare Nostrum – wie die alten Römer einst stolz das Mittelmeer nannten – heißt das Trio-Projekt des fabelhaften Akkordeonspielers Richard Galliano aus Nizza, des sardischen Trompeters Paolo Fresu und des schwedischen Pianisten Jan Lundgren. Da haben sich drei Jazzmelodiker gefunden, die südliche Lebenslust und skandinavische Klarheit zu melancholisch angehauchter Klangschönheit verbinden. Mit der Gelassenheit von Ausnahmekönnern feiern sie ein musikalisches Fest, dem das Theaterhauspublikum mit offenen Ohren und wachsender Begeisterung folgt.

Keine Sentimentalität, sondern frischer Elan

Es entstehen Klanglandschaften, die Erinnerungen wecken an Vergangenes und an Abschiede. Im Dreivierteltakt, als Tango Nuevo und Tarantella versinkt die Musik aber nicht in Sentimentalität, sondern kommt mit frischem Elan daher. Über warm und weich verhallenden Flügelhornklängen Fresus, bei denen man an italienische Filmklassiker wie „La Strada“ denken kann, entfaltet Galliano auf seiner Victoria, einem kostbaren Instrument aus den 60er Jahren, seine ganze musikantische Virtuosität. Jan Lundgren – in der Tradition schwedischer Jazzpianisten wie Bobo Stenson und Esbjörn Svensson – fächert mit entschiedenem, aber nie hartem Anschlag die vielschichtigen Harmonien auf.

Das Publikum goutiert die wohl temperierte Klänge und tänzerische Rhythmen, interpretiert von Männern, die mitten im Leben stehen. Nach elegischer Sehnsuchtsmusik wie „Que reste-t-il de nos amours“ von Charles Trénet bringt das schnelle Kinderlied „Leklåt“ von Lundgren Tempo ins Spiel, das mit einer Hommage an Claudio Monteverdi ausklingt. (stai)

Zwei Virtuosen spielen Katz und Maus

Um die Stuttgarter Jazz-Szene verdient gemacht hat sich in den 70er und 80er Jahren der gebürtige Franzose Frederic Rabold, der auf europäischen Festivals für Aufsehen sorgte mit seiner Crew, deren 50. Nun im Theaterhaus feiert. Und sowohl mit einer jungen Besetzung und Leuten (am Saxofon: Magnus Mehl) wie auch mit damaligen Weggefährten (am Piano: Uli Bühl, der Vater des aktuellen Landesjazzpreisträgers Alexander Bühl) zeigt sich: Rabolds komplexer, wohlstrukturierter und von starken Motiven durchzogener Jazz klingt auch heute noch anregend und erfrischend.

Der englische Holzbläser John Surman (73) hat einst mit John McLaughlin, Albert Mangelsdorff und Dave Holland gespielt. Zur Britjazz Night bringt der seinen Landsmann Alexander Hawkins (36) am Piano als Partner mit für einen sehr freien, sehr konzentrierten Dialog. Surmans intuitives, einfallsreiches Spiel auf Sopransaxofon und Bassklarinette erinnert mitunter an Vogelgezwitscher, auf der Flöte bekommt es eine humoristische Qualität. Hawkins findet dazu immer neue Muster und Themen. Die beiden treiben durch einen lyrischen Erzählstrom voller eigentümlicher Stimmungen, mal swingen sie, mal halten sie nachdenklich inne. Die Stücke hätten keine Titel, sagt Surman mit gespieltem Bedauern, und eigentlich seien es auch gar keine Stücke – nach einer besonders wilden Jagd aber bemerkt er: „Diese Nummer sollte einen Namen haben: ,Katz und Maus‘.“

Ein Sound für eine rauschhafte Tanz-Ekstase

Den größtmöglichen Kontrast zu diesem feinsinnigen Duo bieten die Sons of Kemet aus London. Kemet ist der altägyptische Name für das Niltal, der Bandgründer und Saxofonist Shabaka Hutchings trägt den Namen eines Pharaohs – hat aber karibische Wurzeln, und das schlägt sich deutlich nieder: Gleich zwei Drummer erzeugen eine kraftvolle afrokaribische Polyrhythmik, der Tubaist Theon Cross wühlt den Raum auf mit rhythmischen Tieftonkaskaden. Hutchings gibt mit geschmeidigem Ton den melodiösen Schöngeist.

Diese jungen Männer stehen unter Strom und sind darauf aus, ihre heiße Energie aufs Publikum zu übertragen. Selbiges indes sitzt an diesem Abend und ist überwiegend reifer; einige Besucher kapitulieren vor den unerhörten, lauten, wilden Sons of Kemet, die vor jungem Publikum in einem unbestuhlten Club sicher eine rauschhafte Tanz-Ekstase auslösen können. Ihnen gelingt, was mit Musik heutzutage kaum noch möglich ist: Sie provozieren und polarisieren. Jazz hat Zukunft. (ha)

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: