Am 2. Februar war um 22 Uhr Schluss: Banksys „Love is in the Bin“ geht an die Besitzerin zurück. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Das Schredderbild „Love is in the Bin“ ist am Sonntag ein letztes Mal in Stuttgart zu sehen gewesen. Die Staatsgalerie freut sich über die vielen Besucher, die Banksys Werk angelockt hat. Kunstexperten geben ihm aber vernichtende Kritiken.

Stuttgart - Das Schredderbild „Love is in the bin“ („Liebe ist im Eimer“) des britischen Street-Art-Künstlers Banksy war am Sonntag, 2. Februar, letztmalig in der Stuttgarter Staatsgalerie zu sehen. Wegen des großen Besucherandrangs waren kurzfristig die Öffnungszeiten von Mittwoch bis Sonntag bis 22 Uhr verlängert worden. Schon am vergangenen Wochenende hatten fast 4 500 Menschen die Staatsgalerie besucht, um die Ausstellung „Tiepolo. Der beste Maler Venedigs“ und das berühmte Werk von Banksy zu sehen. Und auch jetzt am Sonntag musste man lange Schlange stehen, um einen Blick auf „Love is in the bin“ werfen zu dürfen.

Banksy als Popphänomen

Trotz des großen Erfolgs ist das Werk nicht unumstritten. Während Christiane Lange, Direktorin der Staatsgalerie, findet dass Banksy unbedingt ins Museum gehört, halten viele Kunstexperten nicht viel von Banksy und seinen Arbeiten. Zum Beispiel Yilmaz Dziewior. „Love is in the Bin“ sei „ästhetisch unterkomplex“, meint der Direktor des Museums Ludwig Köln, der Banksy für keinen „relevanten Künstler“ hält. Trotzdem war Dziewior in die Staatsgalerie Stuttgart zu einer Diskussion gekommen, die die Gemüter erregte. Seit März 2019 hat die Staatsgalerie Banksys „Love is in the Bin“ in der Sammlung präsentiert, mal neben Rembrandt, mal bei Duchamp. Bei der Podiumsdiskussion kurz vor dem Finale wollte man Bilanz ziehen, wie sich das Werk in diesem Kontext geschlagen hat.

90 000 Besucherinnen und Besucher hätten das Bild in der Staatsgalerie angeschaut, wie die Direktorin Christiane Lange vermeldete, das „Popphänomen“ habe auch jüngere „Nichtbesucher“ angelockt. Dass ihr bei der Schlussdebatte an einer ernsthaften Auseinandersetzung gelegen war, bewies die Auswahl der Gäste, die die Hausherrin alle gegen sich hatte – bis auf den Moderator Tim Sommer, Chefredakteur des Kunstmagazins „Art“, der die Runde immer wieder elegant aus allzu direkter Frontstellung führte.

Auch bei Kolja Reichert konnte Lange nicht auf Zustimmung hoffen. „Banksy macht die Kunst flach. Und die Staatsgalerie Stuttgart macht gierig mit“, titelte er in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Auch im Gespräch hielt er mit Kritik nicht hinterm Berg. Fragen zu Banksy als Marke oder Kunstskandal, die die Staatsgalerie in Veranstaltungen aufgeworfen hatte, „habe ich nicht verstanden“, sagte Reichert. Es seien die falschen gewesen.

Hat die Staatsgalerie die falsche Fragen zu Banksy gestellt?

Überzeugend legten die Gäste dar, dass man eine Ausstellung zu Banksy hätte konzipieren sollen, statt „Love is in the Bin“ unkommentiert in die Sammlung zu hängen – und damit dem Kanon einzuschreiben. Man dürfe sich nicht vom Interesse des Publikums leiten lassen, so das Fazit der Gäste, die von „Kernkompetenz“, „Seriosität“, und „wissenschaftlicher Rigidität“ sprachen und gar von „Verantwortung“, der man nicht nachgekommen sei. Lange konterte: „Es ist snobistisch und arrogant zu sagen: das ist keine Kunst, das darf nicht ins Museum.“

Professorin erwartet, dass mehr auf Experten gehört wird

Immerhin: „Für mich ist Kunst interessant, die für mich selbst problematisch ist“, meinte Isabelle Graw, Professorin an der Städelschule Frankfurt. Auch sie hält das Schredderbild für „unterkomplex“, es lehre aber, dass der Wert nicht in der Kunst stecke, sondern ein „gesellschaftliches Phänomen“ sei. Banksy sei ein „Unternehmerkünstler“, so Graw, deshalb stecke im Namen auch Bank. So selbstkritisch sie die Thesen des Podiums hinterfragte, erlaubte sie sich zuletzt einen Affront gegen das Publikum. Es gebe Tendenzen, den Experten zu misstrauen, wie es auch Trump tue, sagte sie – und stellte damit letztlich all jene auf eine Stufe mit dem US-Präsidenten, die sich ihre eigene Meinung über Kunst bilden wollen.

Gemessen am Zwischenapplaus lagen die Sympathien an dem Abend bei Christiane Lange, die sich ungewohnt offensiv als Anwältin der Besucher präsentierte. „Wir müssen für mehr als drei Prozent der Gesellschaft relevant sein“, sagte sie. Das Podium hatte sie gegen sich, das letzte Wort aber hatte das Publikum: „Ich finde den Ansatz ziemlich cool“, so eine junge Frau. Ihr sei durch Banksy klar geworden, „was die Staatsgalerie zu bieten hat“.

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