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Vier Jahre nach Entdeckung des Massengrabs von KZ-Häftlingen am Stuttgarter Flughafen hat die Staatsanwaltschaft 32 der 34 Toten identifiziert.

Stuttgart - Vier Jahre nach Entdeckung des Massengrabs von KZ-Häftlingen am Stuttgarter Flughafen hat die Staatsanwaltschaft 32 der 34 Toten identifiziert. Damit wären die letzten Rätsel um die Nazi-Gräuel auf den Fildern gelöst, denen insgesamt 119 Menschen zum Opfer fielen.

Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft hat das letzte Kapitel über schrecklichen Vorgänge zwischen November 1944 und Januar 1945 in einem Arbeitslager am Flughafen geschlossen. Die Ermittlungen wegen Mordes werden eingestellt. "Es gibt keine Anhaltspunkte für die vorsätzliche Tötung von Häftlingen", heißt es. Der damalige Lagerführer René R., ein SS-Unterscharführer, ist 2003 gestorben, kann nicht mehr strafrechtlich verfolgt werden. Mutmaßlich waren die meisten Opfer an einer Fleckfieberepidemie gestorben.

Gleichzeitig warten die Ermittler mit einer historischen Sensation auf: Die 119 Zwangsarbeiter, die in den kalten Winterwochen in dem Konzentrationslager Echterdingen zu Tode kamen, sind offenbar identifiziert. "Wir können mit großer Wahrscheinlichkeit bei 32 der 34 Toten, die auf dem US Airfield in einem Massengrab gefunden wurden, sagen, wer sie waren", sagt Oberstaatsanwalt Bernhard Häußler.

Bisher waren nur die ersten 19 Toten namentlich bekannt, die 1944 im Krematorium Esslingen verbrannt worden waren. 66 Leichen, die nach Kriegsende 1945 in einem Massengrab im Bernhäuser Forst in Leinfelden-Stetten nach Kriegsende gefunden worden waren, blieben dagegen ohne Namen. Sie wurden am Ebershaldenfriedhof in Esslingen bestattet. Neuen Auftrieb bekamen die Nachforschungen, als am 19. September 2005 bei Baggerarbeiten auf dem US Airfield die sterblichen Überreste von 34 Zwangsarbeitern entdeckt wurden.

Der Fund sorgte für internationales Aufsehen, die Staatsanwaltschaft nahm erneut Ermittlungen wegen Mordes auf. Von November bis Januar gab es auf dem Gelände des heutigen US Airfield ein Lager für 600 jüdische Zwangsarbeiter aus 17 Nationen. Sie sollten die Start-und-Lande-Bahn des militärisch genutzten Flugplatzes instand setzen und Verbindungswege zur Autobahn bauen. Die Opfer kamen abgemagert und krank aus anderen Konzentrationslagern, mussten in Bernhausen in den Steinbruch.

Die meisten Häftlinge wurden später in die Lager nach Vaihingen/Enz, Bergen-Belsen, Buchenwald und Dachau gebracht. 119 blieben zurück. Fehlende Hygiene, Minustemperaturen - eine Krankheit, berichten Überlebende, habe den sicheren Tod bedeutet. Die Liste der Opfer wurde vom Bürgermeister vernichtet, als zum Kriegsende die französischen Truppen anrückten.

Ausgangspunkt ist die Namensliste der 600 Lagerinsassen, die für zwei Monate aus anderen Konzentrationslagern nach Echterdingen transportiert wurden. Mit Personen- und Sterbedaten in den Archiven der Zentralstelle zur Verfolgung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg und in der Dokumentationsstätte der Opfer des Holocaust, Yad Vashem in Jerusalem, kamen die Ermittler dann einen großen Schritt weiter, als sie Luftaufnahmen der Alliierten Luftwaffe aus jener Zeit auswerten konnten.

"Die Bilder zeigen am 26. Dezember 1944 eine ausgehobene Grube", sagt Oberstaatsanwalt Häußler. Der Vergleich der Sterbedaten der 600 Insassen, die zwischen dem zweiten Weihnachtsfeiertag und der Schließung des Lagers am 21. Januar 1945 zu Tode kamen, offenbart 33 Namen - bei 34 gefundenen Skeletten. "Bei zwei Opfern ist die Identität nicht eindeutig", sagt Häußler. Bei 32 aber schon. Landesrabbiner Natanel Wurmser ist indes skeptisch. "Es gibt viele Unsicherheiten", sagt er auf Anfrage unserer Zeitung, "das muss man genau untersuchen." Eine Zuordnung sei schwierig.

Die Pläne einer KZ-Gedenkstätte am Rande des US Airfield scheinen nach jahrelanger Stagnation nun doch voranzukommen. "Die Bauarbeiten an der Echterdinger Straße sollen im Frühjahr 2010 beginnen", sagt Filderstadts Bürgermeister Andreas Koch. Nach dem derzeitigen Stand der Dinge dürfte die Gedenkstätte der Landshuter Künstlerin Dagmar Pachtner Ende April fertiggestellt sein. Die Einweihung soll, in Abstimmung mit jüdischen Organisationen, im Mai stattfinden. "Die Finanzierung steht auch", betont Koch. Die Kosten für das Projekt haben sich mit den Jahren von 70.000 auf 120.000 Euro erhöht.

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