Vermisste Kinder: Inga aus Stendal (oben links) – vermisst seit 2. Mai 2015. Manuel aus Berlin (oben rechts) – vermisst seit 24. Juli 1993. Seike (unten links) aus Drelsdorf – vermisst seit 5. August 1993. Hilal aus Hamburg (unten rechts) – vermisst seit 27. Januar 1999. Foto: dpa

In Kalifornien waren 13 Geschwister monatelang verschwunden. Ihre eigenen Eltern hielten sie gefangen. Sie bekamen kaum zu essen, einige waren angekettet. Ein extremer und besonders grausamer Kriminalfall. Auch in Deutschland werden hunderte Kinder und Jugendliche vermisst.

Stuttgart - Monatelang waren sie spurlos verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt: 13 Geschwister im Alter von zwei bis 29 Jahren aus Perris, eine 70 000-Einwohner-Stadt zwei Stunden südöstlich von Los Angeles. Die Eltern hatten sie in ihrem „Horrorhaus“ mit Vorhängeschlössern an ihre Betten gekettet, gefangen gehalten.

Eines der unterernährten, verwahrlosten Opfer habe sich selbst befreien können und den Notruf gewählt, teilte die Polizei in Riverside County (US-Bundesstaat Kalifornien) jetzt mit. Der 57-jährige Vater David Turpin und seine 49-jährige Ehefrau Louise wurden wegen Folter und Kindeswohlgefährdung festgenommen.

Vermisstendatei der Polizei

Immer wieder werden Kinder von Angehörigen oder Fremden mitunter jahrelang eingesperrt und missbraucht. Nur die aufsehenerregendsten Fälle werden publik. In Deutschland werden vermisste Kinder und Jugendliche in der Vermisstenstatistik des Bundeskriminalamtes (BKA) und der Kriminalämter der Länder (LKA) erfasst.

Mehr als 100 000 Kinder und Jugendliche werden nach Angaben der Initiative Vermisste Kinder in Hamburg jedes Jahr in Deutschland als vermisst gemeldet. Die Hälfte der Fälle klärt sich laut BKA innerhalb der ersten Woche auf, nach einem Monat sind 80 Prozent gelöst. Nur etwa drei Prozent der Vermissten sind nach einem Jahr noch verschwunden.

Das BKA hat in seiner Vermisstendatei („Vermisste/Unbekannte Tote“/Vermi/Utot) insgesamt 1869 ungeklärte Fälle zu vermissten Kindern (bis zum 13. Lebensjahr, Stand: Mai 2017) erfasst. „Dramatische Fälle, die unaufgeklärt bleiben, bewegen sich im Jahresmittel im niedrigen ein- bis zweistelligen Bereich“, sagt Daniel Kroll von der Initiative Vermisste Kinder. Die allermeisten Jugendlichen tauchten binnen kürzester Zeit wieder auf. Doch in vielen Fälle tappt die Polizei im Dunkeln.

Zwischen Hoffen und Bangen

Die Eltern leben zwischen Hoffen und Bangen – wochenlang, jahrelang. Manchmal bekommen sie nie Gewissheit, was mit ihren Söhnen und Töchtern geschehen ist. Maria-Brigitte Henselmann ist eines dieser vermissten Kinder. Im Mai 2013 verschwand die damals 13-jährige aus Freiburg. Die Polizei vermutet, dass sie mit einem Mann namens Bernhard Haase unterwegs ist, den sie beim Chatten im Internet kennenlernte. Bis heute fehlt von dem Mädchen jede Spur (in dem Facebook-Eintrag der Internetseite „Bitte findet Maria“ ist ein Fahndungsfoto des BKA zu sehen).

Täglich 200 bis 300 neue Fahndungen

Täglich werden in der Fahndungsdatei des BKA in Wiesbaden 200 bis 300 Fahndungen neu erfasst oder gelöscht. Bei Nichtaufklärung bleibt die Fahndung 30 Jahre bestehen. Die Polizei ist europaweit vernetzt: Europol, BKA und LKAs gehen jedem Hinweis nach.

In der BKA-Vermisstenstelle wird jedes Schicksal detalliert erfasst. Wenn sich die Spuren im Nichts verlieren, müssen die Ermittler davon ausgehen, dass der Minderjährige verunglückt oder einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen ist.

Manchmal findet man die Leiche. Dann können die Angehörigen zumindest ihr Familienmitglied beerdigen und Abschied nehmen. Einige Vermisste tauchen aber nie wieder auf, weil sie in einem Baggersee ertrunken oder in einem Steinbruch verschüttet worden sind. Der Familie bleibt nichts außer Erinnerungen.

Wie eine Vermissten-Fahndung abläuft

In der Polizeidienstvorschrift (PDV) 389 „Vermisste, unbekannte Tote, unbekannte hilflose Personen“ ist genau geregelt, wie bei Vermisstenmeldungen vorzugehen ist. Minderjährige dürfen demnach ihren Aufenthaltsort nicht selbst bestimmen. Bei ihnen wird grundsätzlich von einer Gefahr für Leib und Leben ausgegangen. Wenn erforderlich, läuft eine Großfahndung an. Reicht das Personal einer Dienststelle nicht aus, wird die Hilfe der Bereitschafts- und Bundespolizei angefordert. Hunderte Beamte durchkämmen dann die Gegend, in der ein Minderjähriger verloren gegangen ist oder vermutet wird.

Mit modernsten kriminologischen Methoden wird heute nach Vermissten gefahndet. Enorm belastend für viele Familien ist das „Age processing“, ein aus den USA stammendes Fahndungsverfahren: Fotos von dauerhaft vermissten Kindern werden am Computer an das tatsächliche Alter der Verschwundenen angepasst und so ein aktualisiertes Fahndungsfoto erstellt. Die Eltern sehen ihr vermisstes Kind auf dem Bildschirm älter werden. Sollte das verschwundene Kind nach Jahren tatsächlich noch leben, hätte sich sein Aussehen frappierend verändert.

Spektakuläre Vermisstenfälle

August 2009

Die argentinische Polizei nimmt in der Provinz Corrientes einen 74-Jährigen fest, der seine drei Töchter und drei der sieben Inzestkinder, die er mit der heute 29-jährigen Tochter hatte, über mehr als 15 Jahre sexuell missbraucht haben soll. In den Medien erhält der Mann den Beinamen „Schakal von Corrientes“.

März 2009

In Turin in Italien wird eine 34-Jährige nach 22 Jahren Gefangenschaft befreit. Die Frau wurde 25 Jahre lang von ihrem Vater und ihrem Bruder vergewaltigt, mit zwölf Jahren sperrten diese das Opfer in eine dunkle Kammer und missbrauchten das Mädchen immer wieder. Das Opfer durfte das Zimmer zwar verlassen, war laut Staatsanwaltschaft aber psychisch vom Vater abhängig. Der 41-jährige Bruder soll auch seine eigenen vier Töchter vergewaltigt und misshandelt haben.

Januar 2009

Bei der Entbindung im Krankenhaus fliegt auf, dass eine 15-Jährige aus Ptuj (Pettau) in Slowenien von ihrem Vater geschwängert und jahrelang sexuell missbraucht worden ist. Der Mann sperrte das schwangere Mädchen im Haus ein.

September 2008

Eine 21-Jährige in Polen zeigt ihren Vater an, der sie sechs Jahre lang eingesperrt, missbraucht und zweimal geschwängert haben soll. Der 45-Jährige hielt seine Tochter offenbar jahrelang in einem Raum ohne Türklinke gefangen. Die Kinder brachte die Frau im Spital zur Welt, sie wurden zur Adoption freigegeben.

Mai 2008

In Argentinien überführt die Polizei einen 69-Jährigen wegen jahrelangem Missbrauch an einer seiner Töchter. Der argentinische Sexualtäter, der in den Medien als „Monster von Mendoza“ bezeichnet wird, sperrte seine Tochter zwischen deren elftem und 22. Lebensjahr in seinem Haus ein und zeugte mit ihr zwei Kinder.

April 2008

Ein Inzestfall in Amstetten in Österreich sorgt weltweit für Aufsehen: Eine 42-jährige Frau wird nach 24 Jahren Gefangenschaft im winzigen Keller ihres Vaters Josef Fritzl befreit. Der 74-Jährige misshandelte und vergewaltigte seine Tochter jahrelang und zeugte mit ihr sieben Kinder. Diese brachte die Frau ohne ärztliche Hilfe im Verlies zur Welt, drei davon lebten mit ihm und seiner Ehefrau in Freiheit, drei mit der Mutter in Gefangenschaft, ein Baby starb.

Fritzl wurde wegen Mordes, Vergewaltigung, Freiheitsentzug, schwerer Nötigung, Sklavenhandels, und Inzest angeklagt. Das Landgericht St. Pölten verurteilte ihn zu lebenslanger Haft mit anschließender Verwahrung in einer Anstalt für „geistig abnorme Rechtsbrechee“.

März 2007

Die südafrikanische Polizei befreit zwei Mädchen aus einem Erdloch, von denen eines mehr als zwei Jahre in der Gewalt ihres Peinigers war. Nach Angaben der Ermittler waren die beiden Kinder im Alter von vier und 14 Jahren Opfer eines Serientriebtäters. Der Mann hat behauptet, er sei der Vater der Mädchen.

September 2006

In Ungarn wird der Fall einer 27-Jährigen bekannt, die 13 Jahre lang von ihrem Vater, einem Gefängniswärter, gefangen gehalten und sexuell missbraucht wurde. Vor den Augen ihrer schwer kranken Mutter hatte der Vater sie regelmäßig vergewaltigt. Erst als der Mann starb, endete das Martyrium der Frau aus Budapest.

August 2006

Die 18 Jahre alte Wienerin Natascha Kampusch taucht nach acht Jahren wieder auf. Das Mädchen war im Alter von zehn Jahren auf dem Schulweg entführt und in einem Verlies unter der Garage seines Kidnappers Wolfgang Priklopil in Strasshof in Niederösterreich eingesperrt worden. Kampusch gelang in einem unbeobachteten Moment die Flucht, der Täter nahm sich am selben Tag das Leben.

Juni 2001

Ein achtjähriges Mädchen wird im US-Bundesstaat Texas vier Jahre lang von den Eltern in einem Kasten eingesperrt. Die Polizei findet das halb verhungerte Kind in einem rund 180 mal 80 Zentimeter großen Möbelstück in ihrem Elternhauses bei Dallas gefunden. Das Mädchen wiegt nur 12,5 Kilogramm, ist von Läusen übersät und liegt inmitten von Unrat, Urin und Kot.

Februar 2001

Eine 27-jährige Österreicherin, die als 18-Jährige in Linz von einer Pflegefamilie aufgenommen worden war, wird nach neun Jahren Gefangenschaft und Missbrauch durch ihren Pflegevater befreit. Sie lebte in einem Besenkammerl ohne Bett. Die junge Frau muss Zeitungen austragen, den Lohn dafür kassiert die Pflegefamilie.

August 1996

80 Tage lang wird Sabine Dardenne im Keller des Hauses von Marc Dutroux in Marcinelle gefangen gehalten, bis die Polizei ihr Martyrium beendet. Die damals Zwölfjährige war auf dem Weg zur Schule gewesen, als sie der belgische Kinderschänder zusammen mit einem Komplizen vom Fahrrad riss.

Juli 1996

Der Fall „Maria K.“ wird bekannt: Ein Wiener Ehepaar hielt ihre geistig etwas zurückgebliebene 23-jährige Adoptivtochter „wie ein Tier“ in einer sargähnlichen Holzkiste in einem nicht beheizten Abstellraum. Schon im Alter von 15 wird das Mädchen mit mehreren unbehandelten Knochenbrüchen und Erfrierungen ins Spital eingeliefert. Maria K. muss das gesamte Jahr im Garten leben.

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