Der viertürige Mercedes-AMG GT feierte im März auf dem Autosalon in Genf Premiere und soll 2018 in Serie gehen. Foto: dpa

AMG-Chef Tobias Moers hat die Daimler-Tochter in den vergangenen Jahren zu Bestwerten getrieben. Die Affalterbacher Sportwagenschmiede hat 2016 fast 100 000 Autos verkauft. Dieses Jahr feiert das Unternehmen den 50. Geburtstag.

Affalterbach - Der Affalterbacher Sportwagenbauer AMG will nach einer stürmischen Entwicklung in den vergangenen Jahren sein Geschäft derzeit nicht weiter im großen Stil ausbauen. „Drei Jahre hintereinander hat AMG jeweils um mehr als 40 Prozent zugelegt und das Absatzvolumen vervielfacht“, sagt AMG-Chef Tobias Moers im Gespräch mit unserer Zeitung. „Wir sind weltweit in einer guten Position und reden derzeit nicht über neue Wachstumsziele“, ergänzt er. AMG sei „auf Kurs und hat eine Menge hochinteressanter Produkte in der Pipeline“. 2016 hat die 100-prozentige Tochter des Autokonzerns Daimler, die 1500 Mitarbeiter beschäftigt, fast 100 000 Fahrzeuge verkauft. Gerade die Einsteiger-Modelle A, CLA und GLA laufen laut Moers gut. Insgesamt gibt es über 50 Modelle von AMG, die sich unter anderem durch stärkere Motoren und eine sportlichere Ausstattung von den Serienfahrzeugen unterscheiden.

Viertüriger AMG GT kommt 2018

Bei AMG in Affalterbach, etwa 20 Kilometer vom Daimler-Hauptsitz in Stuttgart-Untertürkheim entfernt, werden sportliche Hochleistungsmotoren entwickelt und gebaut. Weitere Motorenstandorte sind Kölleda und Mannheim. Die Fahrzeuge, nach der AMG-Philosophie „die leistungsstärksten Serienmodelle von Mercedes“, werden an den jeweiligen Mercedes-Benz-Standorten produziert. Dorthin werden auch die Motoren geliefert.

Der Mercedes-Benz SLS AMG ist das erste Fahrzeug, das 2009 komplett in Affalterbach entwickelt wurde. Der AMG GT (2014) ist das zweite Auto in Eigenregie. Der Supersportler, von dem es ein Coupé – Startpreis 117 000 Euro – und eine offene Version gibt, wird in Sindelfingen gebaut. Der viertürige AMG GT mit Hybridantrieb (Benzin- und Elektromotor) wurde im März auf dem Autosalon in Genf als Concept Car vorgestellt und geht im kommenden Jahr in ähnlicher Form in Serie, wie Moers sagt.

Vom Spezialitätenanbieter zum Spezialisten im Konzern

Das Unternehmen ist von Hans Werner Aufrecht und Erhard Melcher in Großaspach vor fünfzig Jahren als Ingenieur- und Konstruktionsbüro gegründet worden und über die Jahrzehnte kontinuierlich gewachsen. Aus den Anfangsbuchstaben der Nachnamen und der Gemeinde entstand der Firmenname. Die Anforderungen an das Unternehmen hätten sich über die Jahrzehnte „massiv verändert“, erläutert Moers, seit 2013 AMG-Chef. Der wohl spürbarsten Einschnitt in der Firmengeschichte war für ihn „ein Stückweit ein Durchbruch für die Marke AMG“: Die Übernahme der Anteilsmehrheit durch Daimler 1999 hat das Unternehmen vom Spezialitätenanbieter zum Spezialisten innerhalb eines Weltkonzerns gemacht. AMG in ländlicher Umgebung im Kreis Ludwigsburg, klein und fein, mit einem überschaubaren Werksgelände und der Stuttgarter Autobauer mit weltweit zwei Millionen verkauften Autos der Marke Mercedes-Benz und Werken so groß wie Kleinstädte – da scheint klar zu sein, wer bestellt und wer zu liefern hat.

Ohne Daimler hätte es die weltweite Expansion so nicht gegeben

Doch Moers, Jahrgang 1966 und sein bisheriges Arbeitsleben ausnahmslos bei AMG tätig, sagt mit Nachdruck, „beide Partner begegnen sich auf Augenhöhe“. AMG habe große Freiheiten und immer die Chance, sich neue Wege zu suchen. „AMG besitzt eine große kreative Eigenständigkeit“, sagt Moers. Die Übernahme durch Daimler habe dem Unternehmen sogar mehr Freiheiten beschert. „Wir können festlegen, wie sich unsere Produkte definieren“, erzählt der AMG-Chef selbstbewusst und macht das an einem Beispiel deutlich: Für das E-Klasse-Modell AMG E63 habe das Team in Affalterbach ein eigenes, komplett neues Allrad-System entwickelt. Zwar muss der Daimler-Vorstand für jede neue Ausrichtung bei seiner Tochter grünes Licht geben, dem Vernehmen nach hat er zu den Ideen aus Affalterbach aber noch nicht allzu oft nein gesagt.

Klar ist aber auch: Ohne die Stuttgarter hätte es die weltweite Expansion so nicht gegeben. „Was wären wir ohne die Produktionswerke von Mercedes-Benz“, so der AMG-Chef. Dabei werden die AMG-Fahrzeuge in den Mercedes-Werken nicht in eigenen Produktionslinien gefertigt; die Autos mit ihren speziellen Bauteilen und Anforderungen laufen „in den Serienlinien mit“, erläutert Moers. Nicht immer nur zur Freude der Mercedes-Mitarbeiter am Band, wie zu hören ist. Denn der Wechsel zwischen „normalen“ Modellen und AMG-Fahrzeugen verlangt noch mehr Aufmerksamkeit. Mischfertigung nennt sich das, wenn beispielsweise beim Bau der E-Klasse in Sindelfingen zwischendurch ein AMG-Modell auftaucht. Der AMG-Kunde holt sein Fahrzeug in der Regel beim Mercedes-Händler ab, Käufer in Deutschland können sich das Auto auch nach Affalterbach bringen lassen.

In Australien die meisten AMG-Fahrzeuge pro Kopf

Nicht nur die Produktionsmöglichkeiten an den Mercedes-Standorten, sondern auch ein laut Moers größeres und besseres Vertriebsnetz haben dazu beigetragen, dass AMG bei den Verkäufen die deutsche Konkurrenz bei den besonders sportlichen Wagen hinter sich gelassen hat. Die ebenfalls firmeneigene Gesellschaft BMW M Power beispielsweise ist in den vergangenen Jahren ebenfalls gewachsen, bei den Verkaufszahlen reicht BMW mit seinen sportlichen Modellen aber nicht an die Affalterbacher heran. Etwa 56 000 Autos mit dem M im Namen hat BMW 2016 nach eigenen Angaben verkauft. „Wir haben das breiteste Angebot im Sportwagen- und Performance-Segment“, sagt Moers selbstbewusst. AMG-Fahrzeuge kann man bei jedem Mercedes-Händler erwerben, weltweit gibt es zudem 400 Mercedes-Zentren, an denen auch AMG mit Autos vertreten ist; ein eigenes Verkaufszentrum unterhalten die Affalterbacher in Japan; Dubai und Sydney sollen folgen. Absolut gesehen sind die USA mit etwa 25 Prozent des Absatzes der größte Markt für AMG, weitere wichtige Länder sind Deutschland, Großbritannien, China, Japan und Australien. Auf dem fünften Kontinent gibt es sogar die meisten AMG-Fahrzeuge pro Kopf.

Etwa 200 Mechaniker in Affalterbach bauen die Motoren

Die große Freiheit, die Daimler den Affalterbachern angesichts der erfolgreichen Entwicklung lässt, bedeutet auch eine große finanzielle Verantwortung. „Wir sind komplett dafür verantwortlich, dass unsere Autos entsprechend Gewinn abwerfen“, sagt Moers deutlich. Was das in Euro bedeutet, gibt AMG nicht bekannt. Nur soviel: AMG trage positiv zum Gesamtergebnis der Mercedes-Benz-Pkw-Sparte bei.

Auch die Zahl der Motoren, die das Werk in Affalterbach verlassen, wird geheim gehalten. Die Triebwerke werden im Zwei-Schichtbetrieb von etwa 200 Mechanikern, darunter fünf Frauen, zusammengebaut nach dem Prinzip „ein Mechaniker – ein Motor“. Ein Mitarbeiter fertigt in seiner Schicht täglich zwei Motoren und beginnt mit dem dritten. An peinlich sauberen, hochtechnisierten Arbeitsplätzen startet ein Mechaniker mit einem leeren Motorblock – der kommt von Mercedes – und schraubt Station für Station den Motor zusammen: Kolben, Kurbelwelle, Zylinder – alles wird mit ruhiger Hand eingesetzt. „Die Mechaniker werden nicht nach Schnelligkeit bezahlt“, sagt eine AMG-Mitarbeiterin beim Rundgang durch die Halle, die bei AMG Motorenmanufaktur heißt. Menschliche Fehler sind so gut wie ausgeschlossen: Die Werkzeuge sind mit einem Zentralrechner verbunden, das Drehmoment, mit dem Schrauben angezogen werden, ist vorgegeben. Selbst wenn der Mechaniker wollte, könnte er keine Umdrehung zu viel machen. Das Werkzeug schaltet automatisch ab. Welcher Mechaniker für den Motor wortwörtlich verantwortlich zeichnet, erfährt der AMG-Fahrer, wenn er die Haube öffnet: Eine Plakette mit der Unterschrift des Mechanikers ziert gut sichtbar den Motor.

Fahrdynamik und der satte Klang seines Benzinmotors sind dem AMG-Fahrer sehr wichtig, wie Moers sagt. Alternative Antriebe seien aber auch für seine Fahrzeuge ein Muss. Vollautomatisiertes Fahren ist bei den Affalterbachern ebenfalls ein Thema – und kann eines Tages zum Einsatz kommen, wenn sich AMG-Kunden auf der Rennstrecke ausprobieren: So könne ein vollautomatisierter Bolide auf dem Rundkurs zum Beispiel die Ideallinie vorgeben.

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