Die grüne Krabbenspinne ist im Original nur vier Millimeter groß. Foto: Valentin Gutekunst

Die Nahaufnahmen von Valentin Gutekunst, die zurzeit im Remshaldener Rathaus zu sehen sind, zeigen die Artenvielfalt vor der eigenen Haustüre auf beeindruckende Weise – und sind ein Plädoyer für deren Schutz.

Remshalden - Bei dem Anblick des Marienkäfers, der mit ausgeklappten Deck- und schwirrenden Flügeln einen Hochstart hinlegt, scheint die Luft von einem angestrengten sonoren Brummen erfüllt. Etwas furchteinflößend wird der Betrachter von den aus tausenden Einzelaugen zusammengesetzten riesigen Sehorganen einer bärtigen Stubenfliege ins Visier genommen. Eher hypnotisch wirkt der Blick aus den acht tiefschwarzen Augen der Rindenspringspinne. Auch sie trägt Bart, und das am ganzen Körper. Jedes Haar ist einzeln zu erkennen.

Valentin Gutekunst will die Vielfalt der Natur aufzeigen

Die Makrofotografien von Valentin Gutekunst, zurzeit großformatig über drei Etagen verteilt im Rathaus in Remshalden zu bewundern, sind absolute Hingucker. Sie gehen nicht nur in Details, die dem menschlichen Auge sonst verborgen bleiben, sie zeigen auch in ihrer Gesamtheit Ausschnitte aus der heimischen Flora und Fauna, die im Alltag verloren gegangen sind. „Man muss nicht in die Tropen fliegen, die Vielfalt vor der eigenen Haustüre ist so groß und exotisch. Man muss nur genauer hinschauen“, sagt der 33-jährige Diplom-Biologe. Gleichwohl weiß er auch, dass diese Vielfalt immer mehr verloren geht und das fein ziselierte Gefüge der Natur auseinander zu brechen droht.

Deshalb aber sei wichtig, aufzuzeigen, was etwa eine artenreiche Wiese ausmache, „denn wenn wir nicht wissen, was uns verloren geht, wird sich keiner für den Artenschutz einsetzen“, sagt Gutekunst. Dass dieser mit Hochdruck vorangetrieben werden müsse, sei schon ein Gebot des Eigennutzes, sagt der junge Mann, der im Remstal aufgewachsen ist. „Es geht nicht darum, Schmetterling XY zu erhalten, sondern um unsere eigene Lebensgrundlage.“ Die Natur decke den Menschen jeden Tag den Tisch, doch die Grundlage für sauberes Wasser oder fruchtbare Böden sei ein stabiles System, das nur mit Vielfalt an Tieren und Pflanzen funktioniere. Diese gehe aber immer mehr verloren. „Eine Welt ohne Spinnen würden wir nicht überleben“, nennt Gutekunst ein Beispiel, „jedes Insekt spielt in dem Gefüge der Natur seine Rolle.“

Die Makro-Fotos bekamen eine Auszeichnung von den Vereinten Nationen

Dafür, wie er die biologische Vielfalt en Detail porträtiert, ist er vor vier Jahren – damals noch Biologiestudent – von den Vereinten Nationen ausgezeichnet worden. Gepackt habe ihn das „Makrofieber“ vor etwa sechs Jahren. Mittlerweile rückt er Magerrasen-Perlmuttfaltern, Buckeltanzfliegen, Schwalbenschwanz-Raupen oder simplen Schneeflocken ganz nahe und entdeckt immer wieder neue Details. Eines seiner Lieblingsmotive ist das Bild einer farbenfrohen Goldwespe, die kleiner als eine Cent-Münze ist, sich unter der Lupe aber als „fliegender Edelstein“ entpuppt. Diese Einblicke machten für ihn das Leben reicher, sagt Gutekunst.

Fasziniert hätten ihn übrigens nicht nur die neuen Einblicke, sondern dass man diese auch mit vergleichsweise einfachen Mitteln erhalten könne. „Makrofotografie ist kein Hexenwerk“, sagt Gutekunst. Man müsse keine sündhaft teure Ausrüstung kaufen. Mit einer Nahlinse auf einem Standardobjektiv komme man schon ziemlich dicht an das Objekt heran. Möglich sei auch, mit Hilfe eines Adapters ein normales Objektiv verkehrt herum auf die Kamera zu schrauben. Ansonsten gelte vor allem: Genauer hinsehen, Geduld haben und dann schnell sein. Wenn man etwa eine Biene beim Nickerchen auf einem Grashalm entdecke: sofort loslegen.

Sein Wissen gibt Valentin Gutekunst auf dem Onlineportal makro-treff.de weiter, das er zusammen mit dem Naturfotografen Roland Günter betreibt, außerdem ist er Mitherausgeber einer einschlägigen Zeitschrift und veranstaltet Webinare sowie Coachings.

Ein „Voyeur“ beobachtet das Liebesspiel

Beeindruckende Bilder sensibilisieren für die Belange der Natur, davon ist Valentin Gutekunst überzeugt: „Wenn das mehr machen würden, hätten wir die ganze Problematik nicht.“ Manches Detail entdeckt allerdings auch er selbst erst auf den zweiten oder dritten Blick, wenn er die Motive an seinem Computer bearbeitet, wo die Fotos meist aus mehreren Einzelaufnahmen zusammengesetzt werden. So bemerkte er etwa bei einem Bild, das er in Grunbach aufgenommen hatte, dass sein Kameraauge nicht das einzige war, das ein Fliegenpaar bei einem intimen Moment beobachtete: Nur wenige Zentimeter den grünen Pflanzenstängel hinunter saß eine gut getarnte Wanze, die das Treiben über ihr ebenfalls aufmerksam zu verfolgen schien. Auch dieser „Voyeur“ ist jetzt in der Ausstellung im Remshaldener Rathaus zu sehen.

Die Ausstellung in Remshalden ist noch bis Mitte November zu sehen

Faszination heimische Natur - Kleines groß herausgebracht“ ist noch bis zum 15. November zu den üblichen Öffnungszeiten im Rathaus in Remshalden, Marktplatz 1, zu sehen. Am 13. Oktober verbindet Gutekunst eine Führung durch die Ausstellung von 16 Uhr an mit einem Vortrag über Makrofotografie. Bei der Finissage am 15. November berichtet Roland Günter über die „Wunderwelt Wiese“. Führungen für Schulklassen können per E-Mail unter vgutekunst@gmail.com angefragt werden.

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