Spätlingsmarkt ist, wenn man gerne ins Landratsamt geht. Foto: factum/Granville

Wenn Behördengänge zum Vergnüngen werden – dann ist wieder Spätlingsmarkt im Landratsamt. Den gab es schon, als Handgemachtes aus der Region noch kein Selbstläufer war.

Ludwigsburg - Hildegard Rebholz steht hinter einem kleinen Stand mit Kämmen. Große Dauerwellenkämme und kleine; große Griffkämme und kleine; Kämme aus Esche, aus Ahorn, Nussbaum oder Buche, mit aufwendigen Intarsien oder ohne. Alle handgefertigt, keiner teuer. Dass es so was noch gibt? Ja, gibt es noch, belehrt Hildegard Rebholz, die ihr Alter mit „unter hundert“ angibt. Die Kämme sind gefertigt vom Gatten, ebenfalls „unter hundert“, in Oberstenfeld. Verkauft von ihr auf dem Spätlingsmarkt, dem einzigen Markt, den sie beehrt. Warum? „Der ist gut.“

Karl Trinkner, 69, ist aus Löchgau. Honig verkauft er, und Met. Karl Trinkner hat zu einer Zeit mit dem Imkern begonnen, als Imkern noch weit davon entfernt war, so in zu sein wie jetzt, da Vereine sich vor Nachwuchs kaum retten können. Andere Märkte als den Spätlingsmarkt besucht er nicht. „So ein Ambiente gibt es nur hier.“

Viele sind schon seit 20 Jahren dabei

„So eine Plattform findet man selten“, sagt Annegret Aisenbrey, die für den Auhof aus Affalterbach Feines aus Ei verkauft. Spätzle etwa, mit Bärlauch, mit Kürbis, oder nackig. Suppennudeln, Spiralnudeln, breite Nudeln. Likör, auch mit Schokolade. Alles von eigenen Hühnern, skandalfrei gehalten – wie sie den Kunden erklärt, die dieses Jahr eine Jubiläumstasche bekommen. Weil der Auhof seit 20 Jahren auf dem Spätlingsmarkt dabei ist.

Spätlingsmarkt ist, wenn Behördengänge plötzlich gerne gegangen werden. Wenn die Flure des Landratsamts nach Holz duften, nach Lavendel oder Fleischkäse. Spätlingsmarkt ist, wenn sich das Kreishaus in ein Markthaus verwandelt. Auf allen neun Ebenen plus dem Atrium im Neubau gibt es Köstlichkeiten und Kunstfertigkeiten von Erzeugern aus dem Landkreis Ludwigsburg, aus den Partnerkreisen in Sachsen und Ungarn und von den befreundeten Regionen in Frankreich, Italien und Israel. Alles selbst erzeugt, keine Handelsware, aber auch keine Hobbyware.

Würde der Spätlingsmarkt heute erfunden, bekäme er womöglich einen dieser Namen, in denen die Begriffe Genuss oder Manufaktur oder Lust auftauchen. Und womöglich würden die beteppichten Flure und betonierten Wände des Kreishauses als nicht stylish genug für einen Showroom empfunden. Aber das kann dem Spätlingsmarkt köstlich egal sein. Den Namen hat der Landrat Rainer Haas längst markenrechtlich schützen lassen, und die Besucher strömen trotz zig anderer Genuss-Lust-Manufaktur-Events – an die 9000 pro Tag. „Wir treffen den Nerv der Bevölkerung“, sagt Anja Loths, die den Markt organisiert. Spätlingsmarkt, könnte man auch sagen, ist unnachahmliche Landkreislust.

Wann der Apfelsaft gesund ist

Schon mal eine Rubinette gekostet? Den apfeligen Unterschied zum Pinova bemerkt, oder zum Braeburn? Kann man rausfinden auf dem Markt. Mal Gedanken darüber gemacht, warum Chiasamen aus Mexiko als Superfood boomen, Leinsamen von daheim aber nicht, obwohl sie auch super sind? Kann man lernen im Kreishaus. Wie man überhaupt viel mitnimmt, auch wenn man nichts kauft. Die Sache mit den Zusammenhängen vor allem.

Gesunden Apfelsaft zum Beispiel gibt es nur, wenn es was zum Ernten gibt. Wenn Insekten die Blüten bestäuben, wenn die Bäume auf den Streuobstwiesen gepflegt werden, und wenn das Klima nicht außer Rand und Band gerät. Feines Fleisch muss nicht mit vielen Abgasen vom anderen Ende der Welt kommen, leckeres Gemüse nicht unbedingt aus dem warmen Süden anreisen. Schmeichelnde Seifen, schmückende Tücher, schmissige Schalen – gibt es nicht nur auf der grünen Wiese und im Internet. Gibt es alles auch daheim. „Ländle first“ ist auf einem Plakat zu lesen.

Genießen und bummeln an 78 Ständen

Die Idee zum Spätlingsmarkt hatten Mitte der 1990er Jahre der Bauernverband, die Landfrauen, die Bäcker- und die Metzgerinnung. Sie suchten nach einer Möglichkeit, ihre Produkte in einem ansprechenden Ambiente zu präsentieren. Der Landrat, ganz Wirtschaftsförderer, war sofort Feuer und Flamme – und 1996 fand der erste Markt statt, damals noch als Bauernmarkt. Sieben Stände waren zur Premiere im Erdgeschoss aufgebaut, im Jahr darauf wurde schon das Geschoss darüber besiedelt, und so ging es immer weiter. „Das wurde ein Selbstläufer“, sagt Anja Loths, die dieses Mal 78 Standbetreiber untergebracht hat. Anfragen gab es mehr, und das bestimmt nicht nur, weil für die Stände keine Miete bezahlt werden muss.

An einem Tisch auf Ebene sieben sitzen zwei Herren und trinken Bier aus Sachsen. „Schmeckt!“ Die Gattinnen haben sie zum Shoppen geschickt, sagen die Herren. Eine Dame aus Marbach erfreut sich – nachdem sie fast eine Stunde lang einen Parkplatz gesucht hat – an einer sächsischen Kartoffelsuppe, Käse aus Bergamo und einem Schaumwein aus der Felsengartenkellerei. Ein Ehepaar geht zielstrebig zum Stand mit dem Lavendelhonig aus der Provence. Er sei der Grund für die Anreise aus Waiblingen. „Au revoir“ sagt der Herr zum Abschied. Ja, sehr wahrscheinlich, dass es ein Wiedersehen gibt.

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