Alle werdenden Eltern hoffen, dass alles gut geht. Wenn diese Erwartung nicht erfüllt wird, geraten Eltern in einen Gewissenskonflikt: Sie fragen sich, ob das Kind geboren werden soll oder nicht. Foto: dpa

Die Methoden der vorgeburtlichen Untersuchungen werden immer besser – dennoch werden manche Fehlbildungen und Behinderungen erst spät sichtbar. Wie Eltern und Ärzte mit der schwierigen Frage umgehen, wann ein Kind ein lebenswertes Leben erwartet.

Stuttgart - „Meinst du, er kann mal alleine sitzen? Alleine essen? Alleine duschen?“, fragt Astrid ihren Mann. Astrid ist im sechsten Monat schwanger. Vor wenigen Tagen hat sie erfahren, dass ihr ungeborenes Kind mit ziemlicher Sicherheit behindert auf die Welt kommen wird. Bei dem Embryo wurde ein Downsyndrom festgestellt. Nach dem ersten Schock ist sich das Paar sicher: Okay, wir versuchen es. Doch dann zeigt sich, dass das kleine Herz des Kindes sich nicht richtig entwickelt. Es müsste sofort nach der Geburt mehrfach operiert werden. Große Operationen an einem winzigen Körper – nur schwer vorstellbar für die Eltern, die immer hilfloser werden: „Ich möchte konkret wissen, was wir jetzt tun können“, unterbricht Astrid den Kardiologen, der den Ablauf erklären will. Dieser schaut sie an und sagt: „Sie können überhaupt nichts tun!“

Eltern müssen sich fragen, ob das Kind geboren werden soll oder nicht

In dem Film „24 Wochen“ zeigt sich der zermürbende Kampf, dem Eltern ausgesetzt sind, die nicht zu den statistisch berechneten 95 Prozent gehören, deren Kinder gesund zur Welt kommen. Julia Jentsch spielt die erfolgreiche Kabarettistin Astrid, die mit ihrem Mann und Manager Markus, verkörpert von Bjarne Mädel, ihr zweite Kind erwartet – und wie alle werdenden Eltern hofft, dass auch dieses Mal alles gut geht. Als diese Erwartung nicht erfüllt wird, geraten die Eltern in einen Gewissenskonflikt: Sie fragen sich, ob das Kind geboren werden soll oder nicht.

Es war ein Zeitungsartikel, der die Regisseurin Anne Zohra Berrachedauf dieses Thema gebracht hat. „Ein Arzt erzählte von seiner Arbeit, bei der er auch Spätabtreibungen durchführt – und er wurde in dem Bericht ziemlich zerrissen“, sagt die 33-Jährige. Das machte die damalige Studentin der Filmakademie Baden-Württemberg GmbH in Ludwigsburg neugierig. „Ich fand das paradox: Die heutige Medizin erlaubt uns, schon sehr früh herauszufinden, was im Bauch der Mutter vor sich geht. Und jeder will bestätigt bekommen, dass alles seinen ganz normalen Verlauf nimmt. Doch was ist, wenn dies nicht der Fall ist? Darüber wird dann nicht gesprochen.“

Die Zahl der Abtreibungen in Deutschland ist leicht gestiegen

Dabei geht es nicht nur um die Problematik der eigentlichen Spätabtreibung: Von ihr spricht man, wenn das Kind – würde es geboren – theoretisch lebensfähig wäre. Das ist nach der 22. oder 23. Woche der Fall. Es geht auch ganz allgemein um den Umgang mit der Diagnose und der Frage: Inwieweit sind Eltern in der Lage, sich um ein solches Kind zu kümmern?

Die Zahl der Abtreibungen in Deutschland ist in der ersten Jahreshälfte leicht gestiegen. Insgesamt ließen bis Ende Juni rund 51 200 Frauen einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Das war eine Zunahme von 0,8 Prozent im Vergleich zu den ersten sechs Monaten des Vorjahres. Wie viele Spätabtreibungen dabei waren, ist nicht bekannt. Das liegt an der Gesetzeslage. Demnach dürfen Spätabtreibungen vorgenommen werden, wenn klar ist, dass das Kind mit einer Behinderung sowie mit oder ohne Fehlbildung zur Welt kommen wird. Und wenn sowohl die seelische als auch die körperliche Gesundheit der Mutter beeinträchtigt wird. Das herauszufinden, ist Aufgabe des Arztes, der die Diagnose gestellt hat und desjenigen, der den Abbruch vornehmen wird.

Manchen Kindern könnte mit einer OP geholfen werden – aber diese können schiefgehen

In der Frauenklinik des Klinikums Stuttgart werden solche Schwangerschaftsabbrüche bis zur 22. Woche und darüber hinaus vorgenommen. Laut dem Chefarzt der Gynäkologie, Professor Ulrich Karck, der auch die Regisseurin Berrached medizinisch beraten hat, sind das 30 bis 40 Eingriffe im Jahr. In der Regel sind die Patientinnen Frauen, die – wie im Film – ein Kind erwarten, das neben einer genetisch bedingten Behinderung auch eine Organveränderung aufweist, etwa einen Herzfehler. Oder aber es sind Kinder mit schweren Fehlbildungen. „Natürlich gibt es Fälle, bei denen man dem Kind mit nachfolgenden Operationen helfen könnte“, sagt Karck. Aber diese Eingriffe sind riskant und nicht immer erfolgreich. „Auch wenn man sich für ein solch behindertes Kind entscheidet, ist es ein sehr belastender Weg – für die Eltern und für das Kind.“

Grundsätzlich erlauben es die modernen Methoden der vorgeburtlichen Untersuchungen den Ärzten, sich schon früh ein immer besseres Bild von dem ungeborenen Leben zu machen. „Ist der Arzt erfahren und lässt die technische Ausstattung es zu, können 80 Prozent der organischen Fehlbildungen schon in der 14. Schwangerschaftswoche erkannt werden“, sagt Ulrich Karck.

Gewissheit bringt die Kombination Bluttest und Ultraschalluntersuchung

Gendefekte wiederum sind in den Ultraschallaufnahmen der frühen Schwangerschaft nicht unbedingt sichtbar. Nackenfaltenmessungen, die auf ein mögliches Downsyndrom hinweisen, stellen nur ein mögliches Risiko dar. Genauer ist da der sogenannte Pränatest: ein Test, der zwischen 350 und 500 Euro kostet und mit einer 99-prozentigen Sicherheit verspricht, Gendefekte des Kindes im Blut der Mutter zu detektieren. „Allerdings deckt der Test bislang nur Trisomien ab“, sagt Karck. Ob das Kind also wirklich gesund zur Welt kommen wird oder nicht, lässt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit erst in der 19. und 20. Schwangerschaftswoche sagen.

Auch die Filmmutter Astrid bekommt in dieser Zeit die Diagnose gestellt. Und merkt nach und nach, dass sie sich ein Leben mit einem womöglich schwerstbehinderten Kind nicht zutraut. Ihr wird daraufhin eine ärztliche Indikation zur Beendigung der Schwangerschaft bewilligt.

Bevor die Fehlgeburt eingeleitet wird, müssen Fristen eingehalten werden

Drei Tage lang können die Eltern ihre Entscheidung nochmals überdenken, bevor sie die Indikation ausgehändigt bekommen, sagt Ulrich Karck. Nach einer weiteren Frist wird bei der Frau die Fehlgeburt eingeleitet. „Wir verabreichen Medikamente, die dazu führen, dass sich der Muttermund weitet, die Fruchtwasserblase springt und es zu einem Ausstoß des Embryos kommt“, sagt Karck. Oft ist noch ein operativer Eingriff nötig, um den Mutterkuchen herauszulösen. Der Prozess dauert meist 24 bis 36 Stunden.

Einen Fetozid, also ein mittels Medikamenten eingeleiteter Herzstillstand des Embryos, lehnt Ulrich Karck ab. „Wir haben uns bewusst dagegen entschieden“, sagt er. „Dies ist eine Grenze, die mein Team und ich nicht überschreiten können und wollen.“

Ärzte raten Eltern, sich von ihrem toten Kind zu verabschieden

Im Film wird diese Grenze überschritten, denn der Fötus von Astrid ist schon an der Grenze der Lebensfähigkeit. Es folgt eine stille Geburt, und so nennt man diese Geburten auch. Anschließend hält Astrid das tote Kind in den Armen. Im Klinikum Stuttgart raten die Ärzte den Eltern dazu, sich so vom Kind zu verabschieden – um es loslassen zu können. „Wir haben die Rückmeldung bekommen, dass es so für die Eltern etwas leichter wird, dieses Erlebnis zu verarbeiten“, sagt Ulrich Karck.

Nicht alle kommen damit klar. Die Regisseurin Berrached, die im Vorfeld mit vielen Paaren gesprochen hat, die sich für eine Spätabtreibung entschieden hatten, sagt: „Viele müssen sich lange psychologisch betreuen lassen.“ Häufig geht die Beziehung auseinander. Nur in wenigen Fällen hat Berrached erlebt, dass sich das Paar wieder neu begegnen kann – und daraus ein neues Kind entsteht. Im Film war dies Berrached aber nicht so wichtig. Ihr geht es eher um die Frage, wie die Öffentlichkeit mit dem Thema Spätabtreibung umgehen sollte. „Das Tabuisieren“, sagt sie, „soll ein Ende haben.“

Ist mein Kind gesund? – Das gibt es an vorgeburtlichen Untersuchungen

Pränatale Diagnostik

Zur pränatalen Diagnostik rät der Arzt der Schwangeren beispielsweise meist, wenn sie älter als 35 Jahre ist, es in ihrer Familie Erbkrankheiten gibt oder sie bereits ein Kind mit genetischem Defekt oder einer angeborenen Stoffwechselerkrankung hat. Zu den Defekten, die mittels pränataler Diagnostik festgestellt werden können, zählen unter anderem die Trisomie 21 (Downsyndrom), Fehlverteilungen der Geschlechtschromosomen (Turner-Syndrom, Klinefelter-Syndrom), offener Rücken (Spina bifida) und Anenzephalie. Schäden, die während der Entwicklung des Babys im Mutterleib auftreten oder deren genetische Ursache noch nicht bekannt ist, bleiben unentdeckt.

Nackentransparenzmessung: Unter Nackentransparenz (NT) versteht man die mittels Ultraschall darstellbare Flüssigkeitsansammlung unter der Haut des kindlichen Nackens. Ist diese vergrößert, so ist das Risiko für eine Chromosomenstörung (etwa Trisomie 21) oder eine Fehlbildung wie Herzfehler erhöht. Die Untersuchung erfolgt zwischen der 11. und 14. Schwangerschaftswoche. Sie ist keine Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung.

Amniozentese (Fruchtwasseruntersuchung): Für Frauen über 35 Jahren wird die Untersuchung von den Krankenkassen erstattet. Eine Amniozentese wird in der Regel zwischen der 15. und 18. Schwangerschaftswoche durchgeführt. Unter Ultraschallkon­trolle durchsticht der Arzt mit einer dünnen Kanüle die Bauchdecke und saugt etwas Fruchtwasser ab, in dem kindliche Zellen schwimmen. Die in ihnen enthaltenen Chromosomen werden auf Anzahl und Struktur hin untersucht. Die Befunde sind sehr genau, allerdings kommt es bei einem Prozent der Fälle zur Fehlgeburt.

Chorionzottenbiopsie: Mit einer Biopsienadel wird durch die Bauchdecke der Schwangeren Gewebe der Chorionzotten (kindlicher Teil der Plazenta) entnommen. Diese Zellen werden daraufhin untersucht, ob die Chromosomen des Kindes Veränderungen aufweisen – unter anderem Trisomien sowie Stoffwechselerkrankungen. Die Diagnose ist unsicherer als bei der Amniozentese. Die Untersuchung findet zwischen der 11. und 13. Schwangerschaftswoche statt. Das Risiko einer Fehlgeburt ist mit ein bis zwei Prozent etwas höher als bei einer Fruchtwasseruntersuchung.

Plazentabiopsie: Im Gegensatz zur Chorionzottenbiopsie werden hier Zellen aus dem voll entwickelten Mutterkuchen entnommen. Die Untersuchung wird also zu einem späteren Zeitpunkt in der Schwangerschaft durchgeführt. (wa)

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