Die Polizei meldet 308 Fälle von Gewalt gegen Kinder und 126 Fälle sexuellen Missbrauchs. Die Dunkelziffer liegt bei Foto: dpa

Das Kinderschutzzentrum plagen viele Probleme, seine Adresse am Straßenstrich gehört genauso dazu wie sein bevorstehender Umzug, aber Geldmangel ist das größte.

S-Mitte - Gewalt tradiert sich. So formuliert es Karin Gäbel-Jazdi. Das ist eine etwas höfliche Umschreibung für die Tatsache, dass Kinder, die verprügelt werden, als Eltern wiederum ihre Kinder prügeln. Was für den Hang zur Gewalttätigkeit bedeutsamer ist als Einkommen oder gesellschaftlicher Status. „Wir haben auch viele wohlsituierte Familien aus der oberen Mittelschicht“, sagt Gäbel-Jazdi.

Sie leitet das Kinderschutzzentrum an der Pfarrstraße. Die Adresse ist eines ihrer Probleme. Ein Eingang, den nur das Züblin-Parkhaus vom Straßenstrich trennt, ist das Gegenteil des Idealfalls für eine Institution, die Kinder berät, außerdem manche Mutter, die selbst auf dem Strich stand. Dass diese Adresse in naher Zukunft wechseln wird, ist ein anderes ihrer Probleme, das aktuell größte: dem Kinderschutzzentrum fehlt Geld. Kommt bis zum Jahresende keines in die Kasse, wird Gäbel-Jazdi Entlassungen unterschreiben müssen.

17 Mitarbeiter hören täglich Geschichten, die empfindsame Gemüter nicht hören wollen. Körperliche Gewalt: 48. Sexualisierte Gewalt: 24. Psychische Gewalt: 35. Häusliche Gewalt: 57. Das sind ein paar der Fallzahlen des Jahres 2014. Manchmal „ist es schrecklich für uns“, sagt Gäbel-Jazdi. Dann nämlich, wenn ein Kind das Angebot nutzt, am Telefon seine Geschichte zu erzählen, ohne seinen Namen zu sagen. Was nicht häufig geschieht, aber es geschieht. Dann legt ein Kind auf, das eben noch erzählt hat, wie es gequält wird. Was in der stummen Leitung bleibt, ist die Ungewissheit, ob es sich je wieder melden wird.

Misshandelte Kinder werden misshandelnde Eltern

Gäbel-Jazdis Probleme beginnen aber zuvor, beim Grundsatz: „Wenn Kinder von Gewalt betroffen sind, entwickeln sie psychische Erkrankungen“, sagt sie. Das gilt für etwa 60 Prozent. Allerdings zahlt keine Krankenkasse die Therapie eines Patienten, der wahrscheinlich erkranken wird. Sie zahlt erst, wenn die Krankheit ausbricht. Die Lücke dazwischen füllt das Kinderschutzzentrum. „Das leistet sonst niemand in Stuttgart“, sagt Gäbel-Jazdi. Und wenn das Kinderschutzzentrum es nicht leistet, werden eben aus misshandelten Kindern wiederum misshandelnde Eltern.

17 Mitarbeiter haben im vergangenen Jahr 369 Familien betreut, mit Kindern, Müttern, Vätern gesprochen, beruhigt, beraten und therapiert. Dies möglichst, bevor die Gewalt ausbrach. Der Bedarf dürfte weitaus höher sein. Die Polizei meldete 308 Fälle von Gewalt gegen Kinder oder Jugendliche und 126 Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern. Insbesondere bei letzterem dürfte die tatsächliche Zahl deutlich höher liegen. Das Bundeskriminalamt schätzt die Dunkelziffer auf 1:15. Was wohlgemerkt die niedrigste Schätzung ist.

Mit den Flüchtlingen kommen neue Aufgaben

Ein paar 10 000 Euro fehlen dem Kinderschutzzentrum, damit die Arbeit weitergehen kann wie bisher. Obwohl mit Gewissheit neue Aufgaben hinzukommen, wie auf so viele wegen des Flüchtlingsstroms. Etliche Flüchtlingskinder haben andere Gewaltexzesse erlebt als jeder Deutsche. Die Finanzierung des Zentrums ist bunt statt gesichert. Zuschüsse sind ebenso unentbehrlich wie Spenden. Allein, dass ein Unternehmerpaar in den Ruhestand ging, das jährlich überwies, wird in der Kasse spürbar. Und grundsätzlich, „sind die Spenden in diesem Jahr deutlich zurückgegangen“, sagt Gäbel-Jazdi.

Das mag auch daran liegen, dass sie viel Zeit für eine Erfolgsmeldung verbraucht hat, Zeit, in der kein Geld erbeten werden konnte. Es ist die Meldung, dass die Adresse wechselt. In wohl zwei Jahren wird das Kinderschutzzentrum in ein Haus an der Alexanderstraße umziehen. Abgesehen von der Lage am Straßenstrich – der bisherige Bau ist inzwischen zu klein geworden.

Allerdings hat die neue Adresse auch ihre Probleme. Das Haus muss saniert und umgebaut werden, aufwendig. Weil es denkmalgeschützt ist, werden die Arbeiten Millionen kosten. Aber es war, trotz zwei Jahre währender Suche, „das einzige Haus im Zentrum, das wir überhaupt gefunden haben“, sagt Gäbel-Jazdi. Eine Adresse am Stadtrand kam allein schon nicht in Frage, weil viele der betreuten Familien auf Bus und Bahn angewiesen sind. Falls der Denkmalschutz keine neuen Hürden aufstellt und falls am Bau keine neuen Probleme auftauchen, können die Kinderschützer schon Mitte 2017 umziehen. Offen ist eben die Frage, ob sie dann noch 17 sein werden.

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