Die Trachten werden wie einst mit viel Liebe zum Detail in Handarbeit gefertigt. Getragen werden sie aber nur zu besonderen Anlässen. Foto: factum/Granville

Dirndl und Lederhosen erobern seit Jahren zunehmend die Volksfeste. Das findet der Vorsitzende des Trachtenvereins Bietigheim toll – schließlich wird sein Verein dadurch mit anderen Augen gesehen.

Bietigheim-Bissingen - Bunte und lange Kleider, altertümliche Tänze, volkstümliche Musik: Das ist die Welt des Trachtenvereins Bietigheim. Gegründet wurde der Verein 1951. Damals noch als Bayern- und Heimatverein Enzian. „Viele Bayern kamen um die Jahrhundertwende und nach dem Zweiten Weltkrieg nach Baden-Württemberg zur Arbeit“, sagt Gunter Dlabal, der Vorsitzende des Trachtenvereins. „In dem Verein pflegten sie ihre Heimattraditionen wie Schuhplatteln, Volkstänze und bayrische Blasmusik.“

Mitte der 1960er Jahre kamen immer mehr einheimische Mitglieder hinzu. Der Verein wurde darauf in Trachtenverein Bietigheim umbenannt, die Mitglieder begannen, sich auf ihre württembergische Vergangenheit zu besinnen. „Wir haben auf unseren Dachböden und in den Museen nach alten Fotos gesucht, um die Tracht der Bietigheim-Bissinger möglichst detailgetreu nachbilden zu können“, sagt Dlabal.

Sogar das Staatsarchiv in Ludwigsburg habe dem Verein „seinen Kleiderschrank geöffnet“, damit die Mitglieder die württembergischen Trachten möglichst genau nachnähen konnten. „Alles ist bei uns in Handarbeit gefertigt“, sagt Dlabal. Einige Kleidungsstücke würden zwar von Schneiderinnen hergestellt, viele Details verschönern die Mitglieder aber selbst. „So wie früher“, sagt Dlabal. „Da haben sich die Familien an kalten Wintertagen getroffen. Die Männer haben Karten gespielt, die Frauen gestickt und ihre Kleider verschönert.“

Trachten nur an besonderen Tagen

Rund 100 Mitglieder hat der Trachtenverein heute, davon etwa sieben Tanzpaare und 20 Blasmusiker. Etwa 75 sind aktiv dabei, tragen die Tracht, tanzen und musizieren mit, sagt Dlabal, der auch Vizepräsident des deutschen Trachtenvereins und im Vorstand des südwestdeutschen Gauverbands der Heimat- und Trachtenvereine ist. „Neue Tänze bringen wir auch immer aus dem Ausland mit.“ Denn regelmäßig trifft sich der Verein mit anderen Trachtenvereinen, aus ganz Deutschland und auch aus dem Ausland.

Bei den Tanzproben tragen die Mitglieder allerdings eher Jeans und T-Shirt als Trachtenrock und Bluse. „Das ist viel bequemer“, sagt Dlabal. „In der Tracht benimmt man sich anders“, sagt Dlabal. Man gehe aufrechter, vor Stolz, dass man so ein feines und schönes Gewand anhabe, sagt Gunter Dlabal. „Das ist, wie wenn man als Mann einen Anzug oder als Frau ein Abend- oder gar Brautkleid trägt.“ Die Tracht sei daher für besondere Ereignisse und Auftritte gedacht. Und davon gibt es während des Jahres einige.

Im Herbst ist die Hochsaison

Die Hochsaison für den Verein sei im Herbst, wenn die Tanz- und Musikgruppe des Trachtenvereins bei Heimatfesten wie dem Markgröninger Schäferlauf oder dem Bietigheim-Bissinger Pferdemarkt auftrete. Auch bei den Heimattagen Baden-Württemberg sei der Auftritt des Vereins bereits ein fester Programmpunkt, sagt der Vorsitzende. Und beim Festumzug anlässlich des Cannstatter Wasensdürfe der Verein auch nicht fehlen. „Was für die Karnevalsvereine die Zeit von Heilige Drei Könige bis Rosenmontag ist, ist für uns die Zeit von August bis Oktober, sagt Dlabal. Das Veranstaltungsjahr beginnt allerdings bereits an Drei König: Seit 40 Jahren holt der Verein am 6. Januar die Bewohner der Altenheime in Bietigheim-Bissingen zu sich ins Vereinsheim. Dort gibt es dann Kaffee und Kuchen, ein kleines Programm mit Tanz und Musik. „Das ist eine lang gehegte Tradition bei uns“, sagt Dlabal.

Trachten sind wieder cool

Stolz erzählt er auch vom Altersquerschnitt seines Vereins. „Wir sind ein Familienverein“, sagt Gunter Dlabal. „Wo sonst erlebt man, dass der Opa mit seiner Enkelin auf der Bühne tanzt?“ Alle Generationen seien bei ihnen vertreten. Nicht mehr so einfach sei es allerdings mit der Jugendarbeit: Weil die Jugendlichen oft zum Studium oder für die Ausbildung wegzögen. „Das ist wohl ein Problem, das viele Vereine haben“, sagt Dlabal.

Am Bild des Vereins liege es jedenfalls nicht, dass die Jugendlichen nicht mehr so oft in den Verein kommen. Die Einstellung zu Trachten habe sich in den letzten Jahren zum Positiven entwickelt, sagt Dlabal. „Wenn ich meinen Arbeitskollegen früher von meinem Hobby erzählt habe, haben die mich schief angeschaut“, sagt er. „Heute finden das die Menschen eher toll.“ Schließlich habe inzwischen fast jeder ein Dirndl oder eine Lederhose im Schrank hängen, sagt Dlabal. „Trachtenvereine werden dadurch mit anderen Augen betrachtet und eher akzeptiert“, sagt er.

Auch die Fußball WM in Deutschland 2006 habe dazu beigetragen, dass die Deutschen wieder die Fahne rausgeholt haben und regionaltypische Kleidung wieder vom Dachboden geholt wurde. „Es ist wichtig, dass sich jemand darum kümmert und die alten Traditionen aufrecht erhält“, sagt Dlabal. „Schließlich wollen wir unser Kulturgut nicht verlieren.“

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