Aus der Sommerschule heraus starten Kinder leichter in das Schuljahr. Foto:  

In wenigen Tagen enden die Sommerferien. Vor allem für Kinder mit Sprach- und Rechenschwächen fällt der Unterricht schwer. In den Sommerschulen, wie in Herrenberg, erhalten sie Unterstützung.

Herrenberg - Das Lesen fällt Noemi noch etwas schwer. Mit einem Stift in der Hand fährt sie Silbe für Silbe eine Zeile in ihrem Buch ab, murmelt den Text leise vor sich hin: „A-ber dann stö-ört ein La-u-b-fr-o-sch sei-ne Ruh und fra-agt ih-n: Wer bi-s-t d-u?“ „Schon ganz gut“, sagt ihre Lehrerin Ina Jung, die sich in die Hocke neben sie gesetzt hat und ihr für einen Moment zuhört. „Das wird immer besser“, lobt sie und richtet sich wieder auf. Noemi lächelt und beginnt den nächsten Satz.

In wenigen Tagen kommt die Siebenjährige in die dritte Klasse. Eine Woche vorher sitzt sie in einem Klassenraum der Herrenberger Vogt-Heß-Gemeinschaftsschule und schiebt Extrastunden. Zusammen mit 26 Mitschülern nimmt sie an der „Sommerschule“ des Landes Baden-Württemberg teil, zu der Eltern ihre Kinder an ausgewählten Schulen anmelden können. Das Bildungsprojekt findet zum neunten Mal statt, in diesem Jahr erstmals auch für Grundschüler. Es soll vor allem Schüler mit Lese- und Rechenschwierigkeiten fördern. Studien zeigen, dass sich die Bildungsunterschiede vor allem in den jungen Jahren festsetzen. Die Sommerschulen sollen da helfen.

Selbstvertrauen Stärken, Angst nehmen

„Wir wollen das Selbstvertrauen der Kinder stärken und ihnen den Schulstart erleichtern“, sagt die Lehrerin Jung in der Pause, nachdem die Kinder zum Vespern aus dem Raum gelaufen sind.

Von Montag bis Freitag findet in der Gemeinschaftsschule am Vormittag Unterricht statt, nach dem gemeinsamen Mittagessen veranstalten die Kooperationspartner des Sportvereins VfL Herrenberg und der Verein für Jugendhilfe Sportspiele mit Ball oder Turnübungen in der Sporthalle.

Die Kinder sind in drei Gruppen mit acht Kindern aufgeteilt. In jeder Gruppe sind sowohl Dritt- als auch Viertklässler. Festgeschriebene Stundenpläne gibt es nicht, die drei Lehrer versuchen eher, mit Themenschwerpunkten den Schülern die Berührungsängste vor den Grundfertigkeiten des Rechnens und Schreibens zu nehmen. „Die Kinder sollen eine Lernatmosphäre vorfinden, in der sie nicht die Angst haben zu versagen, sondern unbekannte Dinge ausprobieren und ansprechen können“, erklärt Ina Jung.

Dazu hat sie zum Beispiel Wörter auf die Tafel geschrieben, die die Kinder im Text vorher gelesen haben und sich anschließend gegenseitig erklären sollten. „Meeresgrund“, steht da, aber auch „Nilpferd“ und „Qualle“. Das Lernniveau der Schüler ist sehr unterschiedlich, das wird nach wenigen Minuten deutlich. Ein Junge mit einem einrasierten Blitz in der Frisur rattert nahezu fehlerfrei die Sätze im Text herunter. Ein anderer mit kurzer Hose verwechselt selbst beim Sprechen mit den Kameraden die Artikel. Mehr als die Hälfte der Kinder hat einen Migrationshintergrund, haben doch viele aus dieser Gruppe vor allem einen „Sprachförderbedarf“, wie es in der Einladung an die Eltern heißt. Grundsätzlich steht die Teilnahme jedoch jedem Kind offen.

Positive Studienergebnisse

„Natürlich ist es nicht möglich, innerhalb einer Woche alle Lerndefizite der Schüler aufzuholen“, sagt Detlef Schmidt-Glöckler, der Rektor der Gemeinschaftsschule. Trotzdem sei die Sommerschule ein „sehr gutes Projekt“, um wichtige Fähigkeiten zu lernen. Etwa Selbsteinschätzung oder Sozialverhalten beim gemeinsamen Mittagessen.

Zu einem ähnlichen Bild kommen auch die Wissenschaftler der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg. In einer Studie haben sie vor etwa sechs Jahren die Folgen für die Teilnehmer getestet und ein überaus positives Ergebnis beschrieben: Bei einem Drittel der Schüler sollen sich die schulischen Leistungen langfristig verbessert haben. Bei vielen sei die Lernmotivation „enorm“ gestiegen und habe sich auch danach auf einem „deutlich höheren Niveau“ gehalten. Kein Wunder also, dass sich das Bildungsministerium in Baden-Württemberg viel von dem Konzept verspricht und die teilnehmenden Schulen mit zusätzlichem Geld für Mahlzeiten und Personal fördert.

Auch die Schüler loben die Sommerschule. Die kleine Noemi mag besonders die Spiele am Nachmittag, aber auch die Klassen seien nicht so schlecht. „Ich freue mich, wenn die richtige Schule beginnt“, sagt sie dann.

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