Als Überflieger bekannt, nun aber erstmal abgetaucht: der österreichische Skispringer Gregor Schlierenzauer Foto:  

Gregor Schlierenzauer war schon als Teenager ein Seriensieger, derzeit steht seine Zukunft als Skispringer allerdings in den Sternen. Dem Österreicher, so heißt es, fehlt wenige Tage vor dem Start der Vierschanzentournee der innere Antrieb.

Engelberg - Der Weltcup in Engelberg, ein bisschen Ruhe an Weihnachten, dann der Start der Vierschanzentournee in Oberstdorf – so ist der normale Gang der Dinge für die weltbesten Skispringer. Einige wenige von ihnen zählen vor dem ersten Höhepunkt der Saison dann auch noch zu den Favoriten des Schanzen-Vierkampfs in Deutschland und Österreich. Gregor Schlierenzauer gehörte schon oft dazu. Doch in diesem Jahr ist alles anders.

Gedanken über eine Rolle als Favorit muss sich Gregor Schlierenzauer derzeit keine machen. Noch ist nicht einmal sicher, ob der zweimalige Tourneesieger überhaupt mitspringen wird, wenn am 28. Dezember in Oberstdorf die Qualifikation ansteht. In Engelberg fehlte der 25-Jährige jedenfalls erneut bei einem Weltcupspringen – und nicht einmal sein Trainer Heinz Kuttin konnte eine Prognose abgeben für die nächsten Tage. „Ich würde es gerne sagen, ich kann’s aber nicht“, sagte er bereits am Freitag in Engelberg. Was er sagen konnte: Schlierenzauer habe um diese Auszeit gebeten. „Gregor möchte jetzt einfach Ruhe und Abstand haben“, erläuterte Kuttin und fügte an: „Er ist derzeit weg von den Schanzen.“ Trainer und Athlet seien aber in Kontakt.

Es ist nicht die erste Pause, die sich der zehnfache Weltmeister in dieser Saison nimmt. Bereits nach dem Auftakt in Klingenthal reiste der Medaillen- und Titelsammler alleine mit Co-Trainer Harald Rodlauer statt nach Kuusamo nach Lillehammer, um zu trainieren. Doch liegt’s wirklich daran? „Gregor ist körperlich top“, sagte Coach Kuttin, „ich glaube auch nicht, dass er irgendein technisches Problem hat.“ Dem Athleten fehle vielmehr der innere Antrieb. Und nach einer kurzen Pause ergänzt er: „Er ist in medizinischer Behandlung.“ Kuttin versuchte mit allen rhetorischen Finessen nicht von einer Burnout-Erkrankung zu sprechen, auch wenn in der Beschreibung vieles darauf hindeutete: „Ich bin kein Arzt, ich kann das nicht beurteilen.“

Erinnerungen an Sven Hannawald werden wach

Schon einmal musste ein erfolgreicher Skispringer seine Karriere wegen eines Burnout-Syndrom beenden: Sven Hannawald. Der Deutsche ist ähnlich gestrickt wie Schlierenzauer. Beide sind absolute Perfektionisten, beide werden von unbändigem Ehrgeiz getrieben, beide sind unheimlich sensibel. Und beide haben Außergewöhnliches geleistet. Schlierenzauer tauchte mit 16 Jahren als wahres Wunderkind im Weltcup auf, ist mit 53 Erfolgen in Einzelspringen Rekord-Weltcupsieger. Hannawald war es bei der 50. Vierschanzentournee 2001/2002 als erstem Springer gelungen alle vier Wettbewerbe zu gewinnen. Ständig wurden sie an diesen Erfolgen gemessen, ständig haben sie sich an diesen Erfolgen gemessen. Irgendwann ist der Spaß am Sport bei beiden verloren gegangen.

Hannawald hat sich damals in Therapie begeben, ist nie wieder auf eine Schanze zurückgekehrt. Bei Schlierenzauer ist die Zukunft noch offen. Zunächst die bei der Vierschanzentournee. Bis zuletzt will Kuttin seinem Springer die Möglichkeit einer Rückkehr offen lassen. „Ich muss mich erst bei der Mannschaftsführersitzung entscheiden“, sagt der Trainer. Die findet am kommenden Sonntag um 18 Uhr im Kurhaus von Oberstdorf statt.

Sicher haben mehrere Faktoren zur aktuellen Situation beigetragen. Bereits seit einigen Jahren hat Gregor Schlierenzauer, ein polarisierender Sportler, sein privates Team aufgebaut. Angeführt von Markus Prock. Der ehemalige Weltklasse-Rodler ist nicht nur sein Onkel, sondern auch sein Manager. Dazu gehört auch Markus Maurberger als Trainer. Ebenfalls dabei: Andreas Lotz als Vertrauensarzt.

Mit diesem Kreis wird Gregor Schlierenzauer auch besprechen, ob eine Teilnahme an der Vierschanzentournee sinnvoll ist. Cheftrainer Heinz Kuttin ist außen vor. „Gregor gibt die Steps vor, die Entscheidung muss er von sich aus treffen“, erklärt er. Es wird keine leichte Entscheidung sein.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: