Die Schanze von Oberstdorf hat Freund erfolgreich hinter sich gelassen. Foto: dpa

Skispringen ist Psychologie – umso wichtiger war der Sieg von Severin Freund im Auftaktspringen der 64. Vierschanzentournee in Oberstdorf. Mit Blick auf die Gesamtwertung – und die Bewältigung der Vergangenheit.

Oberstdorf - Nach großen Siegen werden selbst die kleinsten Details interessant. Also lauschte Severin Freund am Dienstagabend in Oberstdorf der Frage, was er denn so höre, wenn er nach einem Erfolg wie dem gerade erreichten die riesigen Kopfhörer auf die Ohren lege. Der Skispringer, der die noblen Teile um den Hals gelegt hatte, grinste kurz, weil er wusste, dass die Banalität der Antwort die Fragestellerin sicher enttäuschen würde. Dann sagte er: „Die habe ich nur um den Hals, damit ich sie nicht verliere.“ Und weiter: „Ich ziehe nach dem Springen immer genau dasselbe an wie vorher – dann weiß ich, dass ich nichts vergessen habe.“ Seine Mutter ist vermutlich stolz auf so viel Cleverness und Ordnungssinn. Aber nicht nur sie.

Auch am Tag nach Freunds emotionalem Sieg zum Start der 64. Vierschanzentournee kannte die Zufriedenheit im deutschen Lager kaum Grenzen. Der 27-Jährige hatte nach seinem Erfolg am Abend im Teamhotel noch eine Runde Bier spendiert, dann ging’s schnell in die Koje. „Man muss Kraft sparen“, mahnte Bundestrainer Werner Schuster, der seinem Schützling am Mittwoch denn auch ein ausgiebiges Frühstück gönnte. Er selbst dagegen stand schon wieder Rede und Antwort – und gewährte einen Einblick in die Psychologie des Skispringens.

„Es ist der Reiz des Spitzensports, dass der Grat schmal ist“, sinnierte Schuster – und verpasste es nicht zu erwähnen, dass seine Schützlinge seit Jahren nicht nur gegen die Gesetze der Schwerkraft und die Konkurrenz zu kämpfen hätten, sondern eben auch mit den Vergleichen mit ihren Vorgängern. Es gab Dieter Thoma und Jens Weißflog, es gab vor allem Martin Schmitt und Sven Hannawald und deren Erfolge vor gar nicht allzu langer Zeit. „Wir versuchen uns seit Jahren von der Vorgängergeneration zu emanzipieren“, erklärte Schuster und deutete an, dass dieser Prozess trotz beachtlicher Erfolge wie Olympia-Gold 2014 noch nicht abgeschlossen ist. Denn da ist ja noch die Sache mit der Vierschanzentournee.

Seit 2002 wartete man auf einen Einzelsieg, bevor Richard Freitag Anfang 2015 in Innsbruck gewann. Ebenfalls seit 2002 wartete man auf einen Sieg beim Auftaktspringen – den holte nun Severin Freund, der hinterher zufrieden meinte: „Wir räumen mit unseren Altlasten auf.“ Fehlt eigentlich nur noch der Gesamtsieg, den zuletzt Sven Hannawald 2001/02 holte. Die Voraussetzungen immerhin sind geschaffen.

Das Neujahrsspringen ist bereits ausverkauft

Rein faktisch, weil Freund mit einem kleinen Vorsprung in das zweite Springen an diesem Donnerstag und Freitag (je 14 Uhr/ZDF und Eurosport) in Garmisch-Partenkirchen geht. Sportlich, weil er zu alter Form zurückgefunden hat. „Ich wusste, dass das schnell gehen kann, denn die Vorarbeit war gut, das Potenzial ist da.“ Und natürlich psychologisch. „Der Abend in Oberstdorf war unglaublich grandios“, sagte Freund, „es passt sehr gut, dass ich mit diesem positiven Gefühl hier weggehen kann. Ich denke, dass es damit in Garmisch leichter wird als in den vergangenen Jahren.“

Zuletzt mussten die deutschen Vielflieger beim Neujahrsspringen meist schon Schadenbegrenzung betreiben, am Mittwochvormittag aber reisten sie mit breiter Brust zur zweiten Tourneestation. Nicht nur, weil Severin Freund als Führender auf die neue Olympiaschanze steigt, sondern weil Schusters Jungs im zweiten Durchgang des Auftaktspringens als Team überzeugten.

Als Stephan Leyhe, Andreas Wellinger und Andreas Wank und wenig später Richard Freitag gute Sprünge abgeliefert hatten, habe das auch Severin Freund beflügelt, meinte der Bundestrainer: „Sie waren die Eisbrecher.“ Team-Olympiasieger Wank betonte diesen Teamgedanken: „Sevi fällt es auch leichter, wenn er ein starkes Team um sich hat.“ Als der Leader noch auf der Schanze stand und die anderen die Fans zum Jubeln brachten, sei „eine emotionale Welle“ oben angekommen. Noch so ein kleiner, aber am Ende womöglich entscheidender Vorteil. Der auch in Garmisch wirken soll.

Das Neujahrsspringen ist bereits ausverkauft, die deutschen Fans sind heiß auf die neue Adler-Generation. Zwar gilt die Olympiaschanze nicht als Lieblingssportstätte von Severin Freund, „aber er ist dort zuletzt immer besser und im Sommer auch mit großem Vorsprung deutscher Meister geworden“, erinnerte Schuster, der zwar noch nicht vom Gesamtsieg spricht, aber ein klares Ziel für die kommenden Tage ausgegeben hat – vor allem im Rennen mit dem bisherigen Tournee-Favoriten Peter Prevc aus Slowenien, der in Oberstdorf Dritter geworden war. „Wenn man ihn schlagen will“, sagte Schuster, „muss man den Druck aufrechterhalten.“ Sportlich – und selbstverständlich auch psychologisch. Also sagte der Bundestrainer in Richtung der Konkurrenz auch: „Sie müssen nachlegen. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit für Fehler.“

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