Wie im Traum: Andreas Wellinger wird Olympiasieger. Foto: Getty Images AsiaPac

Andreas Wellinger holt Gold auf der Normalschanze. Ein emotionaler Moment – nicht nur für den Athleten. Im Deutschen Haus wurde bis in die Morgenstunden gefeiert.

Pyeongchang - Am Ende eines ebenso eiskalten wie emotionalen Wettkampfs machte sich Andreas Wellinger auf den Weg zur Materialkontrolle. Die wenigen Zuschauer, die bis zur Entscheidung um 0.20 Uhr ausgeharrt hatten, waren längst weg, der Olympiasieger hatte das Skisprungstadion in Pyeongchang für sich alleine – fast zumindest. Denn am Ausgang harrten zwei Dutzend frierende südkoreanische Helferinnen aus, die nur eines wollten: Mit Wellinger jubeln, ihn anhimmeln und hochleben lassen. Der sympathische Bayer klatschte jede von ihnen ab, machte ein paar Selfies, strahlte. Man merkte: Es war ihm eine Ehre. Und einer der vielen besonderen Momente eines Abends, den er wohl nie vergessen wird.

Noch ahnt der 22-Jährige nicht, was es heißt, Olympiasieger zu sein. Was auf ihn einströmen wird, wer alles an seinem sensationellen Erfolg teilhaben will. Sorgen muss man sich deshalb nicht um ihn machen. Wellinger ist ein positiver, intelligenter, hellwacher Typ, der weiß, was er will – und sich auch dieser neuen Herausforderung stellen wird. Selbst wenn er sich im Moment seines Triumphs damit noch nicht beschäftigen wollte: „Es wird ein paar Wochen dauern, bis ich realisiert habe, was mir da gelungen ist. Und jetzt brauche ich ein Weißbier.“

Feier bis in den Morgen

Anschließend glänzte der Gold-Junge auch beim Feiern. Um weit nach 2 Uhr kam er im Deutschen Haus an, köpfte mit Laura Dahlmeier eine Magnumflasche Sekt. Die Gäste waren von dem Olympiasieger-Duo begeistert, worüber sich auch Bundestrainer Werner Schuster freute – schließlich hatten er und seine Jungs das Mannschafts-Gold 2014 in Sotschi noch bei den Österreichern begießen müssen, weil das Deutsche Haus schon zugemacht hatte. „Diesmal war es ein extrem herzlicher Empfang“, meinte Schuster, „es ist wichtig, wenn man an so einem Tag nicht irgendwo in einem Zimmer eine Flasche Whisky aufmachen muss.“ Das goldige Fest ging bis mindestens 5 Uhr, so genau wusste das am Tag danach niemand mehr. Es war auch nicht wichtig, schließlich steht der nächste Einsatz, dann von der Großschanze, erst am Samstag an. Bis dahin sind hoffentlich alle wieder fit.

Schuster ist ein Coach, der Skispringen ganz nüchtern analysiert. Normalerweise. Doch diesmal war alles anders. Auch der Österreicher, der seit zehn Jahren Bundestrainer ist, wurde von der Woge der Begeisterung mitgerissen. Erst war Wellinger völlig überwältigt und ließ, nachdem er mit einem Schanzenrekord von 113,5 Metern im zweiten Durchgang von Rang fünf zum Sieg gesprungen war, den Tränen freien Lauf. Und dann hüpfte Schuster wie aufgezogen durch den Zielbereich. Zum einen, weil dieser Olympiasieg auch seine Arbeit gekrönt hat. Zum anderen, weil Schuster tolle Perspektiven für Wellinger sieht. Bei den verbleibenden zwei olympischen Springen (Einzel und Team von der Großschanze), aber auch darüber hinaus. Und das stimmte ihn extrem euphorisch.

Große Erwartungen an Wellinger

Der Bundestrainer traut Wellinger zu, eine Ära zu prägen. Vielleicht nicht alleine, aber als einer der wichtigsten Protagonisten. „Er ist erst 22, und er hat noch nicht alles gewonnen“, meinte Schuster, „er ist noch hungrig auf den Gesamtweltcupsieg, eines Tages. Und er hat sicher auch das Zeug, Rang eins bei der Tournee zu holen. Wenn er gesund bleibt und nicht total den Querlauf bekommt, ist er hoffentlich noch bis zur WM 2021 in Oberstdorf im Rennen. Und vielleicht sogar darüber hinaus.“

Auch damit muss ein Olympiasieger umgehen können: dass die Erwartungen nicht kleiner werden. Doch Wellinger hat in Pyeongchang bewiesen, dass er dem Druck standhalten kann. Er war einer der großen Favoriten, ließ sich auch vom Wind, der Kälte und einem schwächeren ersten Versuch nicht aus der Ruhe bringen. Zudem hatte er das Glück, im zweiten Durchgang gute Bedingungen zu haben, anders als zum Beispiel Simon Ammann. Der Schweizer musste sechsmal auf den Absprungbalken der Normalschanze rutschen, eher er nach zehn Minuten im eisigen Wind endlich springen konnte. Er war zwar verärgert, nahm das Wetterchaos aber mit Humor: „Beinahe wäre ich auf dem Balken festgefroren. Ich hatte damit gerechnet, dass sich meine Beine beim Absprung nicht mehr bewegen.“

Emotionalster Olympiasieger 2018?

Wellinger war ein paar Minuten später dran, zeigte den besten Sprung des Wettkampfs. Dann folgten die wohl längsten Minuten seines Lebens. Doch keiner der vier verbliebenen Konkurrenten, darunter die Mitfavoriten Richard Freitag (9.) und Kamil Stoch (4.), kam an den Ruhpoldinger heran. Geschweige denn an ihm vorbei. „Mein Kopf war leer, mein Körper voller Adrenalin“, beschrieb Wellinger die Wartezeit, ehe sein Sieg vor den Norwegern Johann Andre Forfang und Robert Johansson feststand, „ich wusste gar nicht, wie mir geschieht – und dabei sind mir die Tränen rausgesprungen.“

Wellinger, so viel ist sicher, hat beste Chancen auf den Titel „Emotionalster Olympiasieger 2018“. Auch deshalb freuten sich alle mit ihm. Nicht nur die Volunteers in Südkorea. Auch auf dem Handy des Athleten ging Glückwunsch um Glückwunsch ein. „Es funktioniert nicht mehr“, sagte er mit einem Lachen, „es ist einfach explodiert.“ Andreas Wellinger kann es verschmerzen. Schließlich ist es nicht seine, sondern die Aufgabe seiner Konkurrenten, den Anschluss wiederherzustellen. Am Samstag auf der Großschanze.

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