Sechs Grad für den Weißwein, 16 Grad für den Roten: Claus-Peter Giffhorn steht vor seinem Weinklimaschrank. Auch der muss raus. Foto: factum/Granville

Das Wirtsehepaar Claus-Peter und Monika Giffhorn hört nach 31 Jahren im Gasthaus Hirsch auf. Nun verkaufen sie das Inventar an Stammgäste, Schnäppchenjäger und Trödelfans. Teuerstes Stück ist ein Weinklimaschrank.

Sindelfingen - Punkt 11 Uhr sollte er beginnen: der Ausverkauf im Hirsch in der Sindelfinger Ziegelstraße. Doch bereits am frühen Vormittag strichen Neugierige ums Gasthaus herum. „Also hab ich schon um 10.15 Uhr aufgemacht“, sagt Claus-Peter Giffhorn (64). Teller. Gläser, Servietten, Kerzenständer und die gesamte Deko: alles muss raus. Nach fast 31 Jahren haben Giffhorn und seine Frau Monika das Lokal im historischen Hirschen aufgegeben. „Die Knie, die Bandscheibe“, sagt der Wirt. Alleine könnten seine Frau und er den Betrieb nicht mehr stemmen. „Die Söhne sind zwar beide Gastronomen, wollen aber nicht in die Selbstständigkeit. Und gutes Personal zu finden wird immer schwerer.“

Viele Stammgäste bedauern den Abschied. Und so mancher will sich ein Andenken an die schönen Stunden hier mit nach Hause nehmen. Zum Beispiel eines der Hirschgeweihe, die bisher die Wände der Gaststube schmückten. „Wie viel soll das kosten?“, fragt der Sindelfinger Wolfgang Marx. „50 Euro“, antwortet der Wirt. Der Kunde legt das Geweih wieder auf den Tisch. „Man kann mit mir handeln“, ermuntert Giffhorn. Marx hebt vier Finger. Der Gastwirt nickt. Für 40 Euro trägt Wolfgang Marx stolz das mächtige Geweih aus dem Gasthaus. Als Zugabe gibt es sogar noch ein kleines Rehbockgeweih. Marx’ Frau Moni schaut wenig begeistert. „Ich halt nicht viel davon. Ob er das bei uns aufhängt, das müssen wir erst noch verhandeln“, sagt sie.

Wein geht besonders gut

Am Tresen ordert derweil ein Kunde bei Monika Giffhorn „zwei Flaschen Barolo“. Ehemann Claus-Peter marschiert in den Weinkeller, um das Gewünschte zu holen. Der Bestand in den Regalen ist schon sehr ausgedünnt. „Der Wein geht sehr gut“, sagt er. Und das, obwohl die Giffhorns ihn nicht billig verscherbeln. „Der Einstandspreis, also unser Einkaufspreis plus Mehrwertsteuer. Darunter geb ich nichts ab. Dann trinke ich ihn lieber selbst“, sagt die Wirtin.

Richtige Schnäppchen kann man hingegen beim Geschirr und bei der Deko machen: Ein Euro kostet ein Teller, egal ob groß oder klein. Fünf Euro zahlt Bernhard Merk von der Sindelfinger Feuerwehr für einen riesigen Schneebesen. „Ich bin bei uns bei Festen der Küchenchef. Das kann ich gut gebrauchen“, sagt er und packt gleich noch einige große Schüsseln ein zum Stückpreis von einem Euro.

Deko für die Hochzeitstafel

Andere Kunden kaufen für bevorstehende Feiern ein, so wie die Mutter und ihre Tochter, die lindgrüne Stoffservietten und Dekostücke für die Hochzeitstafel der Tochter aussuchen. Ihren Namen wollen die beiden Sindelfingerinnen nicht nennen. „Sonst werden wir ständig nach dem Hochzeitstermin gefragt.“

Bis das meiste verkauft ist, wollen die Giffhorns ihren Flohmarkt betreiben. Ihr wertvollstes Stück – der Weinklimaschrank für 1500 Euro – ist noch zu haben. Was am Ende übrig bleibt, will das Wirtspaar an die Sozialstation abgeben. „Etwas Geschirr behalten wir auch für uns“, sagt Monika Giffhorn. Ende April müssen sie raus aus dem Haus, in dem sie momentan auch wohnen. Eine neue Wohnung, nur 100 Meter entfernt, haben sie bereits gefunden. Im Mai steht erst einmal Urlaub auf dem Programm. Und danach? „Wir arbeiten weiter, aber als Angestellte bei Kollegen. Das ist weniger stressig“, sagt Claus-Peter Giffhorn. Sechs-Tage-Wochen mit Arbeit von morgens 9 Uhr bis in den späten Abend soll es nun nicht mehr geben.

Wie es im Traditionslokal Hirsch weitergeht, steht noch in den Sternen. Das Gebäude gehört der Stadt. Eine Neuverpachtung hat sie noch nicht ausgeschrieben. „Im Moment überprüfen wir den Sanierungsbedarf“, sagt die Stadtsprecherin Nadine Izquierdo. Geplant sei allerdings, den Hirsch, der seit 300 Jahren ein Gasthaus ist, weiter als solches zu betreiben. „Wir müssen aber erst die Sanierung klären.“

Bier und Jazz

Historie
In alten Sindelfinger Schriften wird 1711 erstmals ein Gasthaus mit Brauerei an Stelle des heutigen Hirschen erwähnt. 1865 brannte es komplett nieder. Daraufhin wurde das heutige Gebäude erstellt. Bis 1904 gehörte zum Gasthof eine Brauerei. Zum Anziehungspunkt für junge Leute wurde das Lokal nach dem zweiten Weltkrieg. Im legendären HirschKeller, einem der wenigen In-Lokale in Sindelfingen in dieser Zeit, gab es Jazzkonzerte und Tanzveranstaltungen.

Rettung
Anfang der 1960er Jahre erwarb die Stadt das Gebäude. Die damaligen Stadplaner wollten es abreißen für eine neue moderne Bebauung. Eine Bürgerinitiative verhinderte den Abriss des Gebäudes, das zusammen mit der dahinter liegenden Martinskirche und der alten Realschule ein geschichtsträchtiges Ensemble bildet. Seither wird das Haus immer wieder an neue Gastwirte verpachtet. Die letzten 31 Jahre führte Claus-Peter Giffhorn mit seiner Frau das Restaurant mit Schwerpunkt auf deutscher saisonaler Küche.

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