Gemeinsam sind wir unschlagbar. Foto: dpa

Allein Fußball schauen ist nur der halbe Spaß. Erst in der Masse ist der Genuss wirklich komplett.

Stuttgart - Im Rudel glotzen bringt ganz neue Erkenntnisse, fördert die Zwischenmenschlichkeit und sorgt für reichlich Triebabfuhr.

1. Freiheit des Ausdrucks

„Tor für den VfB!“ Die Freude muss raus. Passiert schließlich nicht oft, dass Stuttgart trifft. 20 Sekunden lang den Boden anschreien, die Wand, den Fernseher, was auch immer. Hauptsache, Jubel. Zu Hause wäre längst die Ehefrau angetrabt und hätte genervt darauf hingewiesen, dass der Nachwuchs schläft, die Nachbarn sehr geräuschempfindlich sind – und Fußball nur ein Spiel ist. In der Sportsbar fällt das Gebrüll nicht auf, schließlich sind auch alle an­deren damit beschäftigt, den Boden, die Wand oder eben den Fernseher anzuschreien.

2. Neue Freunde

So ein Fußballspiel will gründlich analysiert werden. Und da die Kicker im Fernsehen eher angebetet werden denn interviewt, muss der Fan selbst ran. Das fällt in Gesellschaft deutlich leichter. Allein ist eine Diskussion über Sinn und Unsinn des Videoschiedsrichters oder die Frage, ob der Innenverteidiger mit der Hand zum Ball gegangen oder ihm der Ball an die Hand gesprungen ist, nicht ganz so ergiebig.

3. Alte Freunde

Sie wollten Ihren alten Kumpel schon lange mal anrufen, scheuen sich aber, weil Sie ihn dann nach seiner verkorksten Ehe fragen müssen? Ein gemeinsamer Fußballabend in der Sportsbar ist ein erster Schritt, sich wieder anzunähern. Die Öffentlichkeit sorgt dafür, dass jegliche Diskussion über Xanthippe unterbleibt. Dafür ist dann beim nächsten Treffen noch genügend Zeit.

4. Geballte Kompetenz

So viel Bundestrainer auf einem Haufen sieht man nur beim Public Viewing während einer Welt- oder Europameisterschaft. „Der hat doch keine Ahnung“, erklärt der erste Experte und legt los. Einfach mal reinhören. Mag auch die Hälfte völliger Schwachsinn sein, unterhaltsam ist es auf jeden Fall. Meistens jedenfalls.

5. Alles geben

Die Schlange vor dem Bierstand ist ewig, die TV-Experten sind nicht zu verstehen, das entscheidende Tor fällt ausgerechnet dann, als der Hüne vor einem aufsteht. Und der Platzregen in Spielhälfte zwei hätte auch nicht sein müssen. Warum nicht? Immerhin hat nach einem solchen Spiel voller Hindernisse auch der Fan in der allerletzten Reihe das Gefühl, alles gegeben zu haben.

6. Geteiltes Glück

So ein Sieg muss gefeiert werden. Die Gleichgesinnten müssen nicht mühsam gesucht werden, sie stehen alle bereits an der Bar, sind leicht angezündet und mindestens genauso daran interessiert, den Erfolg zu zelebrieren. Auch eine Niederlage lässt sich in Gesellschaft deutlich besser verarbeiten.

7. Freiheit der Ausdrucksweise

Auf dem Fußballplatz ist kein Platz für das Florett, da muss schon die Keule mitgenommen werden. Wenn der Schiri Mist pfeift, ist er eben blind und nicht anders begabt. Sofern Sie auf Affenlaute und sonstigen rassistischen Unfug verzichten, können Sie beim Public Vie­wing wirklich alles sagen, ohne dass jemand Notizen macht oder den Unsinn, den Sie da im Eifer des Gefechts verzapfen, ernst nimmt. Je gewitzter Sie den Gegner schmähen, desto besser. Statt hochgezogener Augenbrauen ernten Sie Gelächter.

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