Gabor Sipos und Andreas Gulde suchen das Gespräch mit den Fahrgästen. Foto: STZN/Weingand

Die Polizei hat an einem Aktionstag an Bahnhöfen und in Regionalzügen zum Thema Zivilcourage informiert. Dafür gab es unter den Fahrgästen viel Lob – aber auch Kritik.

Stuttgart/Aalen - Kaum sind sie eingestiegen, schon ziehen Polizeihauptkommissar Gabor Sipos und sein Kollege Andreas Gulde die Blicke der Fahrgäste auf sich. „Keine Angst, das ist keine Fahrkartenkontrolle“, lockert Sipos die Stimmung auf. Zwei Polizisten in Uniform, nachmittags in einem Regionalexpress von Stuttgart nach Aalen – das scheint einige der Passagiere zumindest genug zu interessieren, dass sie kurz von ihren Handys aufschauen.

Die Polizei hat am Donnerstag an Ständen im Stuttgarter Hauptbahnhof, aber auch direkt in Regionalzügen Flyer zum Thema Zivilcourage verteilt. Für den Sicherheitstag im Rahmen der „Aktion tu was“ hatten sich mehrere Präsidien mit dem VVS, der SSB, der DB Regio und den Zugbetreibern Abellio und Go-Ahead zusammengetan.

Hilfe im Ernstfall ist Pflicht

Wegschauen und nichts tun – im Ernstfall kann das für Opfer von Gewalttaten schlimme Folgen haben. Genau diesem Verhalten soll die Informationskampagne entgegenwirken. Die beiden Polizisten und ihre Flyer erklären den Fahrgästen, wie sie reagieren können, wenn sie mitbekommen, dass andere Menschen in Bus oder Bahn belästigt oder angegriffen werden.

Zu helfen sei Pflicht – das machen die Polizisten deutlich. Dabei ist es Sipos und Gulde besonders wichtig, dass mit Hilfe keinesfalls besonders heldenhaftes Verhalten gemeint ist. „Niemand soll sich selbst gefährden“, mahnt Sipos. Wer sich mit einer gewalttätigen Gruppe konfrontiert sieht, solle möglichst nicht selbst eingreifen, sondern über den Notruf die Polizei alarmieren.

Straftaten im ÖPNV sind auf einem Fünf-Jahres-Hoch

Helfen könnten Umstehende auch, indem sie andere Menschen auf die Situation aufmerksam machen. Denn eine Gruppe kann den oder die Täter vielleicht eher einschüchtern oder notfalls sogar überwältigen als ein Einzelner. Der Flyer, den die Polizisten verteilen, rät auch: Lässt sich eine Straftat trotz Allem nicht verhindern, ist es besonders wichtig, sich um mögliche Opfer zu kümmern – und der Polizei im Nachgang als Zeuge bei ihrer Ermittlung zu helfen.

„Wenn Sie in so einer Situation sind, dann freuen Sie sich auch wenn Ihnen geholfen wird“, meint Sipos. Dass jeder, der „ein Handy hat, die Polizei alarmiert“, könne man schon erwarten.

Die Zahl der Straftaten in Zügen und Bahnen haben 2018 in Baden-Württemberg ein Fünf-Jahres-Hoch erreicht. Und oft, erzählt Sipos, erreichten Notrufe die Behörden zu spät oder überhaupt nicht. „Statt dessen werden oft reißerische Videos gemacht“, sagt er. Um die Täter zu ermitteln, sei es auch wichtig, auf Zeugenaussagen zurückgreifen zu können.

Auf einem der Flyer gibt Miss Germany Tipps

Zumindest teilweise stoßen die beiden Polizisten bei den Fahrgästen auch auf Interesse. Manche haben Fragen, andere geben ihnen ungefragt Tipps. Tunichtgute, erzählt ein Herr über siebzig, hätte man zu seiner Zeit einfach verprügelt, „bis se bluad gsoichd hend.“ Sipos und Gulde beenden das Gespräch rasch, aber freundlich. Einen Flyer will der Senior nicht – im Gegensatz zu anderen Zuhörern. „Extra für Frauen“, preist Sipos das Faltblatt mit den Sicherheitstipps der Polizistin und Miss Germany, Nadine Berneis, an.

Eines davon geht an die 23-jährige Ellen Rössner aus Schorndorf. Auch sie würde sich in der Bahn manchmal unwohl fühlen, erzählt sie. „Besonders, wenn ich mit Freunden in Stuttgart war und nachts allein zurückfahren muss.“ Die Aktion der Polizei finde sie gut.

Von anderer Seite kommt jedoch Kritik: „Ich würde mir wünschen, dass Sie nicht mittags um drei hier durchlaufen, sondern am Abend“, findet eine Frau, die sagt, sie fühle sich oft unsicher. „Wir tun unser Bestes“, beteuert Sipos – und schließlich seien ja auch abends Beamte unterwegs. „Natürlich würde ich mir auch wünschen, dass es mehr wären.“

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