Vorne ein Rätsel, dahinter die Siegessäule – im Fluxus gibt’s jetzt Kunst. Foto: Sascha Maier

Das Fluxus hat für einen Monat abseits von Kommerz ein vielseitiges Programm auf die Beine gestellt. Es beginnt mit Kunst und endet mit einem ... das wollte der Student zunächst nicht verraten.

Stuttgart - Der Kunststudent, der am Samstagabend im neuen Aktionsraum im Fluxus an der Calwer Passage stand und seinen Namen – er ist ja heute als Kunstwerk hier – nicht preisgeben will, rechnet damit, womöglich reich zu werden. Denn die meisten, die zur Vernissage der ersten Etappe des temporären Kunstraum-Projekts gekommen sind, interessieren sich dafür, was sich der Mann da unter den Pullover gesteckt hat. Jedenfalls beult der Gegenstand den Pulli ganz schön aus, und da er nach der Performance für den Alltag wohl kaum noch zu gebrauchen sein wird, will der Student ihn für viel Geld verkaufen. So ist jedenfalls der Plan.

Ebenfalls namenlos ist das Künstlerkollektiv von der Kunstakademie Stuttgart, das sich für die Ausstellung verantwortlich fühlt, die bis Donnerstagabend zu sehen ist und auf den etwas sperrigen Namen „All the things you could be by now if you wouldn‘t descend into chaos“ hört. Das bedeutet auf Deutsch etwa: All die Dinge, die du von nun an sein könntest, wenn du dabei nicht ins Chaos abdriften würdest. Dahinter verbirgt sich die Idee, konsumierbare Gegenstände und die Beziehungen von Menschen zu diesen zu zeigen. So sind alle Exponate aus den Läden der Einkaufspassage – auch der Gegenstand unter dem Pulli des des Kunststudenten.

„Neben der ästhetischen Komponente interessiert uns vor allem die soziale“, erklärt Dirk Reimes von der Kunstakademie. „Zum Beispiel möchten wir zeigen, wie sich Menschen mit Gegenständen identifizieren, als Statussymbole oder fast als Fetisch.“ Es geht auch um die sexuelle Bedeutung, mit der Objekte belegt sein können.

Statussymbole und Fetische

Ein Beispiel: Artikel aus einem Deko-Laden sind aufgetürmt. Etwa Jahreskalender, ganz oben steht ein Plastikkürbis, der vielleicht eine Küche verschönern könnte. „Das sind ganz normale Gegenstände, wie man sie in jeder Wohnung findet“, sagt Reimes. Durch ihre Anordnung ähneln sie aber zum Beispiel der Siegessäule – und sollen so zeigen, dass sie im Auge des Betrachters, der sich mit den einzelnen Stücken umgeben will, mehr sein können als Wand- oder Küchenschmuck.

Es folgt ein Kindersachenladen

Der Fluxus-Projektleiter Hannes Steim hofft, die Passage mit dem Aktionsraum zu beleben. Er nennt ihn aber auch „Luxus-Hobby“, denn Geld verdient wird dort nicht. Nach den Kunststudenten spielen dort Studenten der Musikhochschule ein 24-Stunden-Konzert mit wechselnder Besetzung; es folgt eine Fotoausstellung des jung verstorbenen Berliner Fotografen Oliver Rath. Weitere Programmpunkte sind ein Kindertheater mit Flüchtlingen und eine sogenannte „Fuck-Up-Night“, in der die Referenten erzählen, wie sie mit irgendetwas krachend gescheitert sind. Danach – am 1. Mai – wird ein Kindersachenladen einziehen. „Wir freuen uns, ein vielseitiges Programm auf die Beine gestellt zu haben“, sagt Steim.

Bleibt nur noch zu klären, was der Kunststudent unter seinem Pulli hat, das solche Beulen verursacht. Verraten will er es nicht – aber er bietet an, den Neugierigen etwas auf die Hand zu malen, was einen Hinweis liefern könnte. Etwas ungelenk und sichtlich durch den Gegenstand eingeschränkt, kritzelt er mit der linken Hand drauf los. Es könnte ein Klappstuhl sein. Ein Klappstuhl? Der junge Student lächelt und nickt zustimmend. Vielleicht ist die Auflösung ein bisschen enttäuschend. Aber den gewünschten Effekt hat der Student erzielt und demonstriert, was ein Klappstuhl bei Menschen an Neugier auslösen kann.

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