Jonas Nay und Maria Schrader arbeiten in „Deutschland 86“ wieder für den Sieg des Sozialismus Foto: Amazon Prime Video

Amazon Prime Video hat die RTL-Serie „Deutschland 83“ vor dem Aus gerettet und macht nun in „Deutschland 86“ zunächst Afrika zum Schauplatz des Kalten Krieges. Und Anke Engelke darf jetzt auch mitspielen.

London - Es braucht keine Betonwände, keinen Stacheldraht und keine Todeszone, um ein Volk zu spalten. Im Jahr 1986 sind der Osten und der Westen Deutschlands tatsächlich noch durch eine Mauer voneinander getrennt. Aber auch durch andere Länder geht damals ein Riss : Zum Beispiel durch Südafrika, das von einem weißen Apartheidsregime regiert wird, das Schwarze zu Menschen zweiter Klasse erklärt. Dass „Deutschland 86“, die Fortsetzung des deutsch-deutschen Spionagedramas „Deutschland 83“, im Land der Rassentrennung beginnt, ist deshalb ein perfider Drehbuchkniff.

Fluchtpunkt Kleinmachnow

In Südafrika wird der Ostspion Martin (Jonas Nay), der sich vor dem BND und der CIA in Angola versteckt hat, jedenfalls wieder auf seine Tante Lenora (Maria Schrader) treffen. Die will mit illegalen Waffengeschäften, die angeschlagene Wirtschaft des Arbeiter- und Bauernstaats stützen. Spoäter wird die Handlung auch Station in Paris und West-Berlin machen, bevor es schließlich zurück in die DDR geht – nach Kleinmachnow, wo die Story vor drei Jahren ihren Anfang nahm.

Im Jahr 2015 war das Spionage-Drama „Deutschland 83“ das Beste, was dem deutschen Fernsehen passierte konnte. Zwischen Kaltem Krieg und Neuer Deutschen Welle, zwischen Kleinmachnow und Bonn irrte der Grenzsoldat Martin als schusseliger DDR-James-Bond wider Willen umher. Während Martin bald schon glückselig staunend seinem ersten Walkman lauschte, waren die Kollegen in der HVA-Zentrale ratlos, was sie mit einem aus dem Safe des Nato-Chefanalysten geklauten Ding, das sich Floppy Disc nannte, machen sollten.

Anke Engelke ist neu im Ensemble

„Deutschland 83“ war ein wunderbar nüchtern erzähltes, liebevoll ausgestattetes Zeitstück, das einen knuffigen 80er-Soundtrack und tolle Schauspieler zu bieten hatte: Maria Schrader als biestige HVA-Führungsoffizierin zum Beispiel oder Ulrich Noethen als Generalmajor, der schon mal, wenn er mit US-Generälen über die Stationierung der Pershings diskutiert, von seiner resoluten Frau unterbrochen wird, weil sie wichtigere Aufgaben im Haushalt für ihn hat. Endlich gab es mal wieder eine deutsche Serie von internationalem Format zu sehen.

Doch dann folgte das böse Erwachen. Da traute sich mit RTL ein bisher nicht unbedingt für anspruchsvolle Unterhaltung bekannter Privatsender endlich mal was, strahlte zur besten Sendezeit eine vom internationalen Publikum und den Kritikern bereits bejubelte Fernsehserie aus – und keiner schaltete ein. Und das, obwohl die Serie schon ein paar Monate zuvor im US-Fernsehen zu sehen gewesen und in Paris als „beste Serie der Welt“ ausgezeichnet worden war.

Nach dem „Deutschland 83“-Quoten­debakel auf RTL hätte man versucht sein können, Deutschland als TV-Standort endgültig abzuschreiben. Doch überraschenderweise schalteten die Produzenten nicht auf Zynismus. Mit „Deutschland 83“ begann eine Offensive der deutschen Qualitätsserien, die maßgeblich von Streamingdiensten und dem Pay-TV initiiert wurde. Netflix legte mit seiner ersten deutschen Eigenproduktion, der Mysteryserie „Dark“, nach. Sky bescherte seinen zahlenden Zuschauern das Neuköllner Gangsterdrama „4 Blocks“ sowie in Kooperation mit der ARD das 1920er-Jahre-Krimispektakel „Babylon Berlin“. Und Amazon Prime Video sorgt nun dafür, dass „Deutschland 83“ trotz der schlechten Quoten von 2015 weitergeht. Seit Freitag ist die zweite Staffel der Serie bei Amazon Prime abrufbar.

„Deutschland 86“ lebt wie der Vorgänger vom Retrocharme, der Lust am 80er-Zeitgeist und an skurrilen Figuren. Neu im Ensemble sind zum Beispiel Anke Engelke, Fritzi Haberlandt und Lavina Wilson.

Der Eiserne Vorhang bekommt Löcher

Anna Winger, die Autorin von „Deutschland 83“, die nun auch zusammen mit ihrem Mann Jörg Winger „Deutschland 86“ geschrieben hat, betrachtet die erste Staffel der Serie als eine Art Entwicklungsroman: „Der DDR-Grenzsoldat Martin Rauch ist zwar zu Beginn ein miserabler Spion, aber er entwickelt sich schnell. Vor allem aber erzählen wir eine Coming-of-Age-Story, die an ,Alice im Wunderland’ erinnert. Da ist der nette Junge, der in eine fremde Welt hineingeworfen wird und versucht, den Weg nach Hause wiederzufinden.“ In „Deutschland 83“ ging es um den Tanz auf dem Vulkan, die nukleare Bedrohung, die allgegenwärtig war. In „Deutschland 86“ erlebt man den Sozialismus in der Krise: die DDR gerät zunehmend in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Seit 1985 ist in der UdSSR Michail Gorbatschow an der Macht und der Eiserne Vorhang bekommt die ersten Löcher.

Achtung, Spoiler: 1989 fällt die Mauer

Anna Winger ist Amerikanerin, lebt erst seit 16 Jahren in Deutschland, fängt aber in ihrer Story erstaunlich lebensnah und präzise den Zeitgeist von damals ein. „Meine Grundidee war, eine Geschichte zu schreiben, die 1983, 1986 und 1989 spielt“, sagt sie. Und sie habe – Achtung, Spoiler, warnt Winger – von Anfang an gewusst, wie die Geschichte ausgehen werde: die Berliner Mauer falle. „Als wir mit Hans Otto Bräutigam sprachen, der in den 80er Jahren Leiter der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik bei der DDR war, sagte er, dass im Jahr 1983 tatsächlich ein Prozess in Gang kam, der schließlich zur Wiedervereinigung führte.“

Tatsächlich kann sie jetzt diese Geschichte zu Ende erzählen. Als Winger vor wenigen Tagen bei einem Amazon-Prime-Video-Event in London „Deutschland 86“ präsentierte, bestätigte Georgia Brown, die Europa-Chefin der Originalproduktionen von Amazon Prime Video, dass „Deutschland 89“, also eine dritte und letzte Staffel der Serie, bereits in Vorbereitung ist – und die Mauer endlich fallen wird.

Alle zehn Episoden von „Deutschland 86“ sind seit Freitag, 19. Oktober, bei Amazon Prime verfügbar.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: