Alina Arslan weiß sich zu wehren – immer mehr Frauen belegen Selbstverteidigungskurse. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Kickboxen, Judo oder Krav Maga – Selbstverteidigung steht bei Frauen seit Silvester hoch im Kurs. Doch seriöse Anbieter warnen davor, Teilnehmer in falsche Sicherheit zu wiegen.

Stuttgart - Der Angreifer packt Alina Arslan am Hals. Sie greift blitzschnell seinen Arm und dreht ihn auf den Rücken. Nun hat sie die bedrohliche Situation im Griff. „Nicht so fest, das tut weh“, ruft der Angreifer. Es handelt sich um Trainer Jens Fedler von der Kampfsportakademie in Stuttgart-Vaihingen, und die bedrohliche Situation ist nur simuliert. Doch auf diese Weise lernt Alina Arslan, mit gefährlichen Situationen umzugehen. „Seit ich vor drei Jahren mit Kampfsport angefangen habe, fühle ich mich selbstbewusster und stärker“, sagt die 42-Jährige, die kürzlich Deutsche Meisterin im Kickboxen geworden ist.

Eine selbstbewusste Ausstrahlung haben und sich selbst verteidigen können – seit den Übergriffen in der Silvesternacht in Köln, Stuttgart und anderen Großstädten wollen sich viele Frauen wieder sicherer fühlen. Egal ob Kickboxen, Karate, Judo, Taekwondo, Krav Maga oder Mutter-Tochter-Selbstverteidigungskurse – alle Anbieter können von einer gestiegenen Nachfrage berichten. 114 Menschen wurden in dieser Nacht in Stuttgart Opfer von Straftaten, 97 von ihnen waren Frauen. Die Vorstellung, von Männern umringt, betatscht und beklaut zu werden, lässt viele Frauen aktiv werden.

„Seit den Vorfällen in der Silvesternacht konnten auch wir eine erhöhte Nachfrage an Selbstverteidigungskursen, beziehungsweise am Kampfsporttraining für Frauen im Allgemeinen feststellen“, sagt Ertekin Arslan, der die Kampfsportakademie mit vier Filialen in der Region gegründet hat. Mit Zahlen kann er das nicht belegen, denn zum Jahresbeginn würden sich ohnehin mehr neue Mitglieder anmelden. Doch allein im Februar verzeichnet die Akademie mit 18 Anmeldungen in der Filiale in Vaihingen deutlich mehr Anmeldungen als sonst. Die Frauen, die sich zum Jahresbeginn angemeldet hatten, sind bisher auch dabei geblieben. Generell trainieren in der Akademie 60 Prozent Frauen.

„Wenn man überlegt, ist es zu spät“

Um dem Bedarf gerecht zu werden, bietet Arslan in der Filiale in Nürtingen einen auf vier Sonntage verteilten Einsteigerkurs für Frauen an. „Damit sollen erste Grundlagen für eine effektive Selbstverteidigung geschaffen werden“, sagt er. Dennoch sei auch hier für alle Teilnehmer wichtig, das Gelernte in Zukunft weiter zu trainieren und zu vertiefen. Denn nur so werde die Kampftechnik zum Reflex: „Wenn man sich überlegen muss, was man tun soll, ist es zu spät.“

Auch die Kleinen lernen hier, wie sie sich in gefährlichen Situationen helfen können. „Das fängt schon damit an, dass auch Dreijährige wissen, wie ihre Eltern heißen und wo sie wohnen“, so Arslan. Auch für Erwachsene gilt: Die beste Selbstverteidigung ist, erst gar nicht in gefährliche Situationen zu geraten. „Man muss realistisch bleiben. Wird man wie an Silvester von mehreren Menschen umringt, hilft auch jahrelange Kampfsporterfahrung wenig“, sagt Arslan. Deshalb lernen die Teilnehmer der Grundlagen-Kurse, wie sie solche Situationen vermeiden können.

Angebote waren schnell ausgebucht

Auch die Volkshochschule (VHS) Stuttgart hat auf den hohen Bedarf mit zusätzlichen Angeboten reagiert: „Die Selbstverteidigungskurse und ein Zusatzangebot waren zum Jahresbeginn sehr schnell ausgebucht“, sagt Sprecherin Elvira Schuster.

„Wenige freie Plätze stehen aktuell noch in einem zusätzlichen Selbstverteidigungskurs für Frauen in Bad Cannstatt zur Verfügung.“ Die VHS bietet auch einen Krav-Maga-Kurs an – eine effiziente Selbstverteidigungsart, die ursprünglich israelische Sicherheitskräfte entwickelten.

Krav Maga kommt aus Israel

Diese Art der Selbstverteidigung können Teilnehmer auch von Julia Wiedenbruch im Stuttgarter Trainingszentrum lernen. Krav Maga bietet ein optimales Konzept für Menschen, denen es vor allem um einfache Selbstverteidigungstechniken und weniger um artistische Elemente geht. Ein Konzept, das gerade körperlich schwächeren Frauen oder Männern die Chance bietet, eine Bedrohung unbeschadet zu überstehen. Auch Julia Wiedenbruch bekommt seit Silvester sehr viele Anfragen. „Dabei haben wir keine Werbung gemacht, wir wollten nicht aus einer traurigen Situation Profit schlagen“, sagt sie. Trotzdem melden sich zahlreiche neue Teilnehmer vor allem für das Mugging-Wochenendseminar an, das eigentlich für Fortgeschrittene konzipiert wurde. „Darin trainieren wir überraschende Angriffsszenarien, die in einem Park oder einer Kneipe passieren können.“ Doch auch sie betont, dass Selbstverteidigung nicht an einem Wochenende gelernt werden kann: „Es ist unseriös und auch gefährlich, den Teilnehmern so etwas zu vermitteln“, sagt sie. Ebenso rät sie von Pfeffersprays ab, die den Nutzern ein falsches Gefühl von Sicherheit vermitteln. „Ein Pfefferspray kann vom Angreifer entwendet werden und verschafft ihm damit noch einen größeren Vorteil.“

Vor diesem Hintergrund ist auch die Antragsflut zum Kleinen Waffenschein mit Skepsis zu betrachten. Täglich werden bei der Stadt bis zu 15 Anträge gestellt. Der Schein erlaubt das verdeckte Führen von Schreckschuss-, Reizstoff- und Signalwaffen. Julia Wiedenbruch ist sicher, dass es bessere Möglichkeit gibt: „Selbstverteidigung beginnt im Kopf.“ Wer selbstbewusst auftrete und mit offenen Augen durchs Leben gehe, wird seltener zum Opfer.

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