OB Kuhn hat ein Personalproblem – und ein Vertrauensproblem mit dem Gemeinderat. Foto: dpa

Finanzbürgermeister Michael Föll geht, Sozialbürgermeister Werner Wölfle kehrt vielleicht nicht zurück: Um OB Kuhn wird es einsam im Stuttgarter Rathaus, konstatiert Lokalchef Holger Gayer.

Stuttgart - Es ist ohne Zweifel das Ende einer Ära: Michael Föll verlässt an diesem Sonntag, vermutlich am späten Abend und mit einer letzten Zigarette zum Abschied, das Stuttgarter Rathaus. 30 Jahre lang hat der Christdemokrat das Geschehen in der Stadt geprägt. 1989 wurde er erstmals in den Gemeinderat gewählt, von 1998 bis 2003 führte er die CDU-Fraktion, seit 2004 wirkt er als Erster Bürgermeister und ist dabei so mächtig geworden, dass selbst der stets aufs eigene Erscheinungsbild achtende Oberbürgermeister rasch erkannt hat, dass er Föll besser zum Freund haben sollte, falls er irgendetwas erreichen will. Und tatsächlich haben Fritz Kuhn und Michael Föll im Laufe der Zeit eine Art von Vertrauen zueinander entwickelt, das selten ist in diesem Geschäft: Der eine hat dem anderen sein Feld gelassen, die großen Entscheidungen haben sie im Einklang getroffen. Auch deswegen ist Fölls Wechsel zu Kultusministerin Susanne Eisenmann ein herber Verlust für Kuhn.

Dieser wiegt umso schwerer, als gleichzeitig eine zweite Ära im Rathaus zu Ende geht – allerdings nicht mit einer Sause wie für Föll, sondern mit haufenweise zerschlagenem Porzellan. Seit Anfang dieser Woche ist Sozialbürgermeister Werner Wölfle krankgeschrieben. Ob er vor seinem geplanten Eintritt in den Ruhestand im August 2019 noch einmal ins Rathaus zurückkehren wird, ist ungewiss. Der Klinikum-Skandal klebt so sehr an seinen Kleidern, dass selbst – oder vielmehr: vor allem – Fritz Kuhn größtmöglichen Abstand zu seinem Parteifreund hält.

Wölfles späte Ankunft in seinem Heimathafen

Dabei liest sich Wölfles Lebenslauf auf den ersten Blick kaum weniger beeindruckend als jener von Föll: 1994 wurde der Grüne erstmals in den Gemeinderat gewählt, von 1996 bis 2011 war er Chef seiner Fraktion, ehe er an der Bürgermeisterbank Platz nahm – zuerst zuständig für Verwaltung und Krankenhäuser, seit 2016 verantwortlich für Soziales. Doch so sehr sich Wölfle über die späte Ankunft in seinem Heimathafen, dem Sozialen, gefreut hat, so wenig ist es ihm seither gelungen, sich aus dem Sumpf des Klinikum-Skandals freizuschwimmen. In seine Amtszeit als Krankenhausbürgermeister fallen dubiose Geschäfte, die dem langjährigen Leiter der Auslandsabteilung, Andreas Braun, einige Monate Untersuchungshaft beschert haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt zudem gegen weitere Verantwortungsträger – und seit wenigen Tagen auch gegen Werner Wölfle. Spätestens jetzt hätte er zurücktreten müssen, um weiteren Schaden von der Stadt abzuwenden. Dass er es nicht getan hat, dürfte auch mit der Frage nach seinen Pensionsansprüchen zu tun haben. Doch das Amt des Bürgermeisters ist kein Versorgungsposten. Das hätte früher (und in anderen Konstellationen) kaum jemand lauter gerufen als Werner Wölfle.

Kuhn und Föll können sich im Klinikum-Skandal nicht freisprechen

Und doch wäre es zu kurz gesprungen, wenn man nun ihn allein für den Skandal verantwortlich machte. Nach wie vor ist ungeklärt, welche Rolle Wölfles Vorgänger Klaus-Peter Murawski spielte. Auch Kuhn und Föll können sich keinesfalls freisprechen. Beide haben es, zusammen mit Wölfle, versäumt, den Gemeinderat rechtzeitig über das wahre Ausmaß des Skandals zu informieren. Das ist keine lässliche Lappalie, sondern ein Verhalten, das viele Stadträte verständlicherweise als Vertrauensbruch werten. Diesen zu kitten, dürfte Kuhn schwerfallen: Zum einen befinden sich die Parteien im Wahlkampf und haben daher – mit Ausnahme der Grünen – größtes Interesse, sich gegen den OB zu positionieren. Zum anderen sind Kuhn seine wichtigsten Mitstreiter abhandengekommen. Ohne Föll und Wölfle dürfte es einsam werden um den Oberbürgermeister: Der eine fehlt als Ratgeber, der andere als Sündenbock.

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