Romeo weiß, wo es langgeht. Foto: Erne

Schneeschuhtouren: Einen präparierten Weg gibt es nicht, dafür Berge, Bäume, Schnee. Und Stille.

Mit uns drei schwerfälligen Urlaubern, die im abgeschiedenen Valposchiavo ein paar Wintertage ohne Pistenlärm und Partymeilen verbringen wollen, ist er unterwegs zur Alp Grüm, durch die tiefverschneite Stille im Schatten des Piz Palü und des Bernina.

Schwer atmend und schwitzend keuchen wir hinter unserem Bergführer drein, ständig bemüht, mit den breiten Kunststoffflächen unter unseren Füßen nicht über Flechten und Lärchenzweige zu stolpern und das Gleichgewicht am Hang nicht zu verlieren. Aber ohne diese Schneeschuhe würden wir hier keinen Meter weit kommen und kläglich einsinken. Einen präparierten Weg gibt es nicht, dafür Berge, Bäume, Schnee. Und Stille. Keine Autos, keine Menschen, keine Zivilisation. Um die können wir mit unseren Gehhilfen einen großen Bogen machen. Nur ein paar Gämsen begegnen uns, die gegenüber am Hang zeigen, wie elegant und mühelos Vierbeiner über die glatte Schräge hüpfen können.

Romeo hält kurz an, um uns die Spuren eines Schneehasen und eines Fuchses im makellosen Weiß zu zeigen. Eine willkommene Verschnaufpause. Schneeschuhwandern kann zwar jeder, Kondition und Trittsicherheit sind aber trotzdem gefragt, zumindest bei dieser etwas anspruchsvolleren Tour querfeldein. Rund sieben Kilometer und 400 Höhenmeter beschert uns der Weg hinauf zur Alp Grüm – das hat es in sich. Wir keuchen weiter den Steilhang hinauf und sind froh, als der endlich auf einem Hochplateau endet. Vor uns liegt die verschneite Fläche des Palü-Sees, überragt vom imposanten Palügletscher, dessen bräunlich-weiße Eisfelder seit Jahren auf dem Rückzug sind.

Hier oben erwarten uns wieder erste Zeichen der Zivilisation wie die Galerien und Lawinenverbauungen der Berninabahn und die Steingebäude des Wasserkraftwerks der Rätia Energie. Aber die Boten des Trubels in den Wintersportorten gleich um die Ecke erleben wir erst oben auf der Alp Grüm, wo wir uns im Bahnhofs-Buffet bei einer Gerstensuppe und einem appetitlichen Blick auf Bergriesen von unseren Strapazen erholen. Die Ruh ist hin, als der kleine rote Zug, der "trenino rosso", wie die Italiener den Bernina Express liebevoll nennen, anhält. Wie auf Kommando ergießen sich elegant gekleidete Menschen mit riesigen Sonnenbrillen und unpassendem Schuhwerk aus den Waggons, fotografieren sich schnatternd vor der berauschenden Gletscherkulisse und flüchten dann vor dem scharfen Wind zurück in die Wagen. "Mailänder!", sagt Alberto, der Schaffner, lakonisch, und trinkt ungerührt einen Espresso am Tresen. Die Ausflügler aus Italien wollen nur kurz in St. Moritz ein Chüpli Champagner trinken, Schaufenster und Promis gucken und dann wieder nach Hause zuckeln. Als die Lampe an der Wand rot aufleuchtet, winkt uns Alberto zu und klettert in den Zug. Ein Pfiff, und wir können wieder ungestört Romeos Schilderungen lauschen, der uns von der umweltfreundlichen Nutzung der Wasserkraft hier oben für Ökostrom erzählt, vom umstrittenen Staudammprojekt, vom im Schnee versunkenen Dorf Cavaglia, das nur im Sommer lebt und das, wie das gesamte Tal, im Winter nur selten vom Tourismus gestreift wird.

Obwohl neugierige Fremde hier vieles finden würden, was andernorts längst verloren gegangen ist: ein gemächlicher Lebensstil, der noch weitgehend unbeeindruckt ist vom Tourismus und der vom nahen Italien mehr beeinflusst wird als von den Eidgenossen jenseits der hohen Berge. Hier treffen Weltabgeschiedenheit auf Weltoffenheit und ein lebendiges Kultur- und Vereinsleben (100 Vereine kommen auf knapp 5000 Einwohner) auf moderne Technologien. Das Städtchen Poschiavo wäre einen längeren Besuch wert und ist für die meisten doch nur eine Bahnstation. Wer aussteigt, findet viele sehenswerte Palazzi und eine südländische Piazza, eine feine Sammlung von Malerei der Romantik in der prachtvollen Casa Console, die Handweberei "Tessitura", das Beinhaus, das Kulturzentrum im Alten Frauenkloster, das Spagnolen Viertel der ausgewanderten Zuckerbäcker, die Casa Tomé und vieles mehr – wer zudem gute Küche schätzt und mit Menschen ins Gespräch kommen will, der ist im Puschlaver Winter richtig. Zumal Romeo wenigstens drei Wochen lang jeden Tag eine andere Schneeschuhtour anbieten kann.

Wir beenden unsere Tour mit einem Besuch der Gletschermühlen, gleich hinter Cavaglia. Hier hat ein Verein, in dem auch Romeo aktiv ist, die "marmitte dei giganti", die Töpfe der Riesen ausgegraben und Besuchern zugänglich gemacht. Im Winter sind die trichterförmigen Schlünde, die ein gigantischer Gletscher in der Eiszeit kunstvoll ins Gestein geschabt hat, zum Teil mit Schnee und bizarren Eisskulpturen bedeckt, aber einige Trichter lassen tief ins Innere blicken. Auch der Blick ins Tal machen den kleinen Abstecher zum Höhepunkt des Tages: die Bergamasker Alpen, Poschiavo, der See von Le Prese – das ganze Tal liegt prachtvoll ausgebreitet zu unseren Füßen, von der Sonne in ein bläuliches Flirren getaucht.

Ins Tal zurück bringt uns der rote Zug, der im kleinen Bahnhof von Cavaglia nur auf Knopfdruck hält. Ohne Romeo hätten wir das Schild "Fermata su riciesta" übersehen und uns im beheizten Warteraum gewundert, dass der Zugführer nur freundlich winkend vorbeifährt. Auf der Fahrt staunen wir über die Kunst der Bahnbauingenieure und die grandiose Landschaft, die sich durch die spektakulären Kehren der Streckenführung immer wieder von einer anderen, noch schöneren Seite zeigt.

Für den nächsten Tag kündigt uns Romeo eine weitere stille Schönheit an, die wir mit unseren Schneeschuhen erobern werden: querfeldein durchs Val da Camp zum Lagh da Saoseo auf 2028 Meter Höhe will er uns führen, am eisüberwachsenen Bachlauf entlang, durch Arvenwälder zu einem Märchensee und weiter bis zum Rifugio Saoseo, wo Bruno mit seiner Familie wirtschaftet und uns das einheimische Leibgericht Caprun zubereiten wird. Romeo lacht, nicht die großen Eroberungen, sondern die kleinen Abenteuer und Genüsse machen den Winter im Valposchiavo so attraktiv.

Info Anreise: Mit der Rhätischen Bahn ab Chur über Landquart und Samedan nach Poschiavo. Wer den perfekten Ausblick im Bernina Express genießen möchte, bucht einen Platz im Panoramawagen. Mit einem Swiss-Pass kann der Zug zur Anreise für die Schneeschuhtouren unbegrenzt genutzt werden. Auskünfte unter http://www.swisstravelsystem.ch.

Literatur: Corina Lanfranchi: Das Puschlav. Wanderungen zwischen Gletscherseen und Kastanienwälder, Rotpunktverlag; Wolfgang Hildesheimer: Wo wir uns wohlfühlen. Mitteilungen aus Italien und Poschiavo. Insel Verlag.

Auskünfte zu Schneeschuhtouren, Wanderungen, Architekturrundgang durch Poschiavo, Museen und Unterkünften beim Tourismusverein Valposchiavo (direkt im Bahnhof), Tel. 00 41 / 81 / 8 44 05 71, http://www.valposchiavo.ch und bei Schweiz Tourismus, kostenlose Hotline 00 800 / 100 200 31, im Internet http://www.myswitzerland.com.

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