Mobbing ist in vielen Klassenzimmern Alltag: Schikanen von Mitschülern können jeden treffen Foto: dpa

Die einen können sich schlecht konzentrieren, die anderen terrorisieren ihre Mitschüler: Schulsozialarbeiter kümmern sich schon um die sechs- bis zehnjährigen Grundschüler. In Hemmingen geraten auch die Eltern verstärkt in den Fokus.

Hemmingen - Finn ist verzweifelt. Seit Wochen zwingen Klassenkameraden den Zehnjährigen, dass er ihnen die Hausaufgaben erledigt und sein Taschengeld gibt. Weigert er sich, schubsen und schlagen sie ihn. Finn schweigt aus Angst – und erzählt seinen Eltern erst Monate später davon, als sie hartnäckig wissen wollen, wo sein Geld bleibe. Fassungslos suchen sie das Gespräch mit der Schule.

Schikane, Traumata, Verwahrlosung

Mobbing ist schon in der Grundschule so brisant wie verbreitet. Dass Schüler Mitschüler schikanieren – wiederholt und regelmäßig – ist eine Baustelle von vielen, mit denen sich auch Gregor Adam täglich beschäftigt: Der Schulsozialarbeiter an der Hemminger Grundschule(262 Schüler) berichtet zudem von Mädchen und Jungen, die sich streiten, in der Klasse, auf dem Schulweg oder Pausenhof aggressiv verhalten oder Traumata haben.

Andere Kinder klagen über Probleme mit den Eltern, werden vernachlässigt, misshandelt, sexuell belästigt oder erleben mit, wie ein Elternteil schwer erkrankt oder gar stirbt. „Vielen Kindern fehlt auch die nötige Begleitung, Anleitung und Erziehung, um im Schul- und Lebensalltag zurechtzukommen, sich an Regeln zu halten oder etwa Hilfe bei den Hausaufgaben zu erhalten“, sagt Gregor Adam. Gründe dafür seien überforderte Eltern. Familien „hätten teils intensiven Unterstützungsbedarf“ bei der Erziehung oder um ihren Alltag zu strukturieren.

Mehr Aufwand, um ganze Klassen zu betreuen

Also sitzen vor Gregor Adam Kinder wie Erwachsene: Voriges Schulhalbjahr hatte er mit 46 Schülern 91 Gespräche – im Halbjahr zuvor waren es 61 Gespräche mit 39 Schülern. „Ein ordentliches Niveau“, findet der Sozialpädagoge. Doch er hätte wohl noch mehr Gespräche führen können: Auf ganz 2018 bezogen stellt er zwar einen Rückgang um gut 15 Prozent zum Vorjahr fest – was sich aber „klar“ mit dem zeitlich größeren Aufwand für die Projektarbeit erklären lasse: „Das gibt weniger Raum, um bei Bedarf permanent ansprechbar zu sein“, sagt der 39-Jährige. Er arbeitet eng mit den Lehrern zusammen und macht neben jener Einzelfallhilfe auch Projekte mit ganzen Klassen.

Immer öfter muss Gregor Adam erzieherische Entwicklungen anstoßen. Das klappe nur mit den Eltern. Die Zahl der Elterngespräche stieg daher von neun auf 26. Sie seien nötig, wenn sich „größere erzieherische oder persönliche Schwierigkeiten andeuten, bei denen breiter auf das Kind eingewirkt werden soll“. Dies gelte gerade bei Kindern, die sich mit dem Unterrichtsalltag schwertäten, etwa wegen fehlender Sprachkenntnisse. Oft seien die Eltern dankbar für einen „vertrauensvollen Blick von außen auf die Situation der Kinder“, sagt Adam, der mit seiner 50-Prozent-Stelle jede Woche 22,5 Stunden vor Ort ist. Aktuell reiche das aus.

Andernorts wird aufgestockt

Was nicht selbstverständlich ist: An vielen Schulen wächst der Bedarf nach Schulsozialarbeitern stetig – vergangenes Jahr hat aus diesem Grund zum Beispiel Korntal-Münchingen die Stelle der Schulsozialarbeiterin am Korntaler Gymnasium aufgestockt – und mittlerweile haben auch Grundschulen zunehmend Interesse. Das ermittelten der Kommunalverband für Jugend und Soziales (KVJS) und der Städtetag. Derzeit bieten knapp 40 Prozent der öffentlichen Grundschulen im Land Schulsozialarbeit an. Das hält Gregor Adam für wichtig und richtig: So könnten Lehrer früh darauf achten, welche Schüler einmal schwierig werden könnten – und rechtzeitig gegensteuern.

Prognose: Bedarf steigt weiter

Aus Sicht des Sozialministeriums Baden-Württemberg leistet Schulsozialarbeit eine „wertvolle Unterstützung ergänzend zum Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schule und hat positive Auswirkungen auf das Schulleben insgesamt“. Sie trage zur „Stabilisierung des Schulerfolgs, zur Eingliederung in die Arbeitswelt und zur gesellschaftlichen Integration“ bei.

Seit 2012 beteiligt sich das Land wieder an den Kosten, momentan übernimmt es ein Drittel. Der Zuschuss pro Vollzeitstelle beträgt 16 700 Euro. Das Förderprogramm werde „außerordentlich gut angenommen“, teilt das Ministerium mit – weshalb es die Förderung im Jahr 2014 von 15 auf 25 Millionen Euro jährlich anhob. Der Städtetag prognostiziert, dass „erheblich mehr Grundschulen“ Bedarf anmelden und fordert doppelt so hohe Zuschüsse. Auch Andreas Stoch, der Chef der Landes-SPD und frühere Kultusminister, setzt sich für mehr Förderung ein. Hemmingen erhält Landesmittel von 8350 Euro im Jahr, den Löwenanteil von 16 200 Euro stemmt die Gemeinde als Arbeitgeber – weil sie der Schulträger ist – selbst.

Tipps für Eltern

Eltern sollten hellhörig werden, wenn ihre Kinder ungewöhnlich aggressiv sind und sich weniger sagen lassen. „Auffällig ist es immer, wenn das Kind sich zunehmend konträr zu sonst verhält“, sagt der Schulsozialarbeiter Gregor Adam. Auch bei schlechter werdenden Noten sollten Eltern das Gespräch mit ihrem Kind, mit Lehrern oder Sozialarbeitern suchen.

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