Frank (Jürgen Vogel) wird von der Witwe Ayantu (Sayat Demissie) aufgenommen. Foto: ARD

Ein Bankräuber mit Herz, sein Anwalt mit Skrupeln, dazu tolle Bilder aus Afrika – die Schirach-Verfilmung „Der weiße Äthiopier“ hat alles, was eine Schnulze braucht. Trotzdem ist es ein gelungenes Stück Fernsehen zum Nachdenken über Klischees und Vorurteile.

Stuttgart - Wann immer das Fernsehen nach Afrika reist, folgt die Handlung vier Grundregeln: Der Kontinent wird wunderschön, aber schwer gebeutelt dargestellt. Die Bewohner sind daher entweder Elendsopfer oder Accessoires reisender Weißer. Was sie drittens bettelarm, aber bestens gelaunt macht. Und Länder gibt es nicht, nur Afrika, vom ZDF gern um „Eine Reise durch . . .“ oder „Eine Liebe in . . .“ ergänzt. Schon deshalb lässt „Der weiße Äthiopier“ aufhorchen. Und das ist erst der Titel: Wer das ARD-Drama sieht, kommt aus dem Aufhorchen kaum raus. Der Regisseur Tim Trageser zeigt den wunderschönen, schwer gebeutelten, oft verelendeten, gern bereisten, bettelarmen, bestens gelaunten Staat am Horn, wie er zwischen Nachrichtentristesse und Schnulzenseligkeit selten zu sehen ist. Was wiederum einiges mit Deutschland zu tun hat.

Dort hockt der Bankräuber Michalka in einer Fußgängerzone und lässt sich widerstandslos festnehmen. Für die Justiz ein klarer Fall: Gleich nach Beginn des gelockerten Vollzugs einer langen Haftstrafe hat der Wiederholungstäter wieder zugeschlagen. Sein Pflichtverteidiger will sich nicht viel Mühe machen. Was könne man da schon rausholen? „Ein paar Wochen weniger vielleicht“ als jene neun Jahre, die der Staatsanwalt fordern wird – gäbe es nicht die Referendarin des Topanwalts, der Michalkas Fall nahe geht. Zu Recht: Beim Versuch, die Motive zu ergründen, offenbart sich nicht nur ein Verbrecher von verstockter Sanftmut. Seine Biografie führt uns durch den emotionalen Winter der Wirtschaftswundergesellschaft in den Sommer der äthiopischen Seele und zurück.

Jürgen Vogel ragt heraus

Das Waisenkind, führt die junge Juristin vor Gericht aus, war sein Leben lang Opfer einer Gewaltspirale, die das reaktionäre Nachkriegsgemeinwesen einst durchdrungen hat wie die Schläge des Vaters den Willen von Frau und Sohn. Und so ging es für Michalka weiter: Männergewalt in der Schule, Männergewalt im Job, Männergewalt überall, bis er selbst männergewalttätig wird, eine Bank überfällt, mit der Beute das Weite sucht und in Äthiopien landet. Dort achtet man ihn dafür, was er tut, statt ihn für das, was er ist, zu verachten. Michalka beginnt zu leben, zu lieben, zu teilen. Erstmals. Bis ihn die Vergangenheit einholt. Nach einer Visumüberprüfung zurück in Deutschland, wird ihm der Prozess für den ersten Banküberfall gemacht, auf dessen ausgesetzte Haft nun der zweite folgt. Und weil das Happy End darin von Beginn an mitschwingt, wäre der Film nicht viel mehr als ein süffiges Melodram der Marke Degeto, die hier ihre Finger im Spiel hat. Doch weil Ferdinand von Schirachs Vorlage wie üblich aus dem Fundus seiner bizarren Fälle schöpft, ist das meiste an der Verfilmung erstaunlich real. Wofür auch ein herausragendes Ensemble Verantwortung trägt. Allen voran Jürgen Vogel.

Im Spiel der Ellenbogen

Er spielt den mitunter jähzornigen, im Grunde aber herzensguten Desperado, der, vom Leben gebeutelt, die Sprache verloren hat, mit physisch am Bildschirm zu spürender Hingabe. Die Stimme des stotternden Außenseiters übernimmt vor Gericht daher Paula Kalenberg als Zeugin, deren betont lieblicher Name Sophie Kleinschmidt ebenso wie das aufdringlich sonnige Gemüt schön mit ihrer Kämpfernatur kontrastiert. Das zieht zuerst die resolute Richterin (Nina Proll) und zuletzt sogar den zynischen Staatsanwalt (Robert Gwisdek) in den Bann. Die zentrale Figur jedoch ist Michalkas Anwalt, raumgreifend dargestellt von Thomas Thieme.

Während sein Klient die Objekte des westlich-zivilisierten Systems permanenter Optimierung verkörpert, ist dieser Dr. Weilandt sein handelndes Subjekt, also Täter. Doch gefesselt vom Eifer der Mitarbeiterin, wird nicht nur sein altes Feuer für die Gerechtigkeit neu entfacht; am Beispiel des Opfers der Umstände in seiner Obhut reflektiert er endlich mal sein eigenes Handeln im Spiel der Ellenbogen. Und so ist es am Rechtsanwalt, die Unwucht zwischen vermeintlich unterentwickeltem Afrika und vermeintlich überlegenem Europa auszutarieren. Dafür vernachlässigt er dann ein Millionenmandat.

Das Verdienst dieses Gerichtsfilms mit Romanzenteil ist es dabei, dieses Austarieren nicht zu überziehen. Auch in Afrika gibt es Habgier, Neid, Intrigen, Gewalt, wie auch hierzulande nicht alles bloß Gewinnstreben ist. Die Moral von der Geschicht’ geht dennoch an alle rassistischen Schreihälse da draußen: Menschen fern unserer Wohlstandszone wollen wie wir selbst bloß bestmöglich leben, am liebsten zu Hause. Und das ist im Zweifel nicht bei uns, wo die Herzen oft so kalt sind wie das Wetter im Winter, sondern dort, wo man geliebt wird, wo man lieben darf. Selten war eine ­Message im Film so schön.

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