Ideen muss man haben, auch als Schiri: Senad Jerkovic mit seinem Kartensatz Foto: Baumann

Zur Ausstattung eines Fußball-Schiedsrichters gehören Trikot mit Hose und Stutzen, ein Block samt Kuli, eine Pfeife sowie eine Gelbe und Rote Karte. Hat man etwas vergessen, ist Improvisation gefragt. Senad Jerkovic hatte einen Geistesblitz.

Stuttgart - An diesem trüben Samstagnachmittag im Dezember ist Senad Jerkovic bestens vorbereitet. Eine ganze Tüte voll mit mehreren Sätzen Gelber und Roter Karten hat der Schiedsrichter vor dem Bezirksliga-Duell zwischen dem VfL Winterbach und dem SV Allmersbach in seinem Auto deponiert. Sicher ist sicher. Schließlich will der Referee nicht noch einmal auf seinen ganz besonderen Kartentrick zurückgreifen müssen. Mit einem unüblichen Kartenspiel hat er es nicht nur auf die Facebook-Seite der Fußball-Zeitschrift „11 Freunde“ und auf über 10 000 Klicks geschafft, sondern auch zu einem kleinen Medienstar gebracht. Quer durch die Republik schmunzelten Fußballfans über den Referee aus Göppingen. Als Zauberkünstler ist der 46-Jährige allerdings nicht in Erscheinung getreten – schon eher als spontaner Improvisator wider Willen.

Was war passiert? Der Referee der Schiedsrichtergruppe Göppingen war für die Partie in der Kreisliga B zwischen dem TSV Berkheim III und dem TSV Harthausen eingeteilt. „Normalerweise kontrolliere ich meine Sporttasche immer doppelt, aber an dem Tag hat mich mein Sohn abgelenkt“, sagt Senad Jerkovic. In der Schiedsrichterkabine bemerkte er dann seinen Fauxpas – in der Tasche fehlten seine Pfeife und der Kartensatz. Seit sieben Jahren ist er als Unparteiischer tätig und pfeift in der Bezirksliga, Kreisliga A und Kreisliga B. Doch so was ist dem erfahrenen Mann noch nie passiert.

Mit einer Pfeife konnte ihm der Heimatverein aushelfen, Karten waren im Clubheim allerdings lediglich für Skat aufzutreiben. Eine gelbe und rote hatten sie nicht. „Laut Statuten hätte ich im Spiel die Verwarnungen auch mündlich aussprechen können“, erzählt Senad Jerkovic. Aber weil sich ein Schiedsrichter gerade in den Niederungen des Fußballs Autorität verschaffen muss, wählte er eine ganz andere Variante. Beim Blick in seine Geldbörse fand er die Lösung für sein Problem: Seine EC-Karte ersetzte die Rote, und der Personalausweis passte farblich als Gelbe Karte. „Das war klasse, er hat sich nicht irritieren lassen. Da sieht man, dass man als Schiri spontan, clever und immer auf Lösungen bedacht ist“, sagt Bundesliga-Schiri Knut Kircher.

Ein Lob aus berufenem Munde, schließlich war der 45-Jährige aus dem Bereich des Württembergischen Fußballverbandes (WFV) 2012 Schiedsrichter des Jahres. Ähnlich humorvoll kommentiert auch WFV-Pressesprecher Heiner Baumeister den Vorfall: „Wir finden es pfiffig, wenn ein Schiri so reagiert.“ Gebraucht hat Senad Jerkovic die falschen Karten gleich mehrmals – sechsmal zog er den Personalausweis, und auch die Ampelkarte kam zum Einsatz. Geendet hat die Partie 1:4. Doch das Ergebnis war Nebensache. Selbst die Berkheimer nahmen die Niederlage gelassen – zu sehr hatte das Kartenthema die Lachmuskeln strapaziert.

Senad Jerkovic kam mit 21 Jahren von Bosnien nach Deutschland und suchte sofort Kontakt zum 1. FC Celik Göppingen, wo er bis 1998 Fußball spielte. Jetzt tritt er bei den Alten Herren des TB Holzheim noch gegen den Ball. Seine Schusseligkeit war bei seinen Teamkollegen ein Dauerbrenner. „Zuletzt ging es in den Medien ja oft nur um Gewalt gegen Schiedsrichter, wenn aus den unteren Ligen berichtet wurde. Das war endlich mal was zum Lachen“, sagt Senad Jerkovic. Auch er hatte den Fall eines Kollegen verfolgt, der bei einem Spiel von Slaven Möhringen von Spielern verletzt worden war. Der zweifache Familienvater, der 15 bis 20 Spiele im Jahr leitet, hat selbst keine negativen Erfahrungen gemacht. Das liegt wohl auch daran, dass er mit einer Größe von 1,88 Metern und seiner Art des Auftretens jede Menge Respekt ausstrahlt.

In seinem Beruf als Betriebsleiter einer Kantine in Eislingen ist er daran gewöhnt, Menschen zu führen, und das überträgt sich auf den Job des Schiedsrichters. Senad Jerkovic hätte dennoch einen Wunsch. „Es wäre toll, wenn wir auch unterhalb der Verbandsliga Schiedsrichter-Assistenten hätten“, sagt er. Es wird vorerst ein Traum bleiben. „Diese Ideen gibt es schon lange, kann aber aufgrund der geringen Zahl der Schiedsrichter leider noch nicht umgesetzt werden“, sagt Knut Kircher. Aber vielleicht hat jemand bald eine ausgefallene Idee.

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