Schlecky Silberstein und Christina Schlag treten jetzt im Ersten an. Foto: rbb/Steinberger Silberstein GmbH

Seit viereinhalb Jahren gibt es die Satiresendung „Browser Ballett“ beim Jugendkanal funk: Nicht jeder hat das gemerkt. Nun kommen die preisgekrönten Lästereien ins Erste – und starten mit einer feinen Sendung.

Stuttgart - Halt, nicht gleich wegzappen, auch wenn’s doof anfängt: Der Einstieg ins Debüt der Satiresendung „Browser Ballett“ im Ersten ist leider suboptimal. Moderator Schlecky Silberstein tritt salbungsvoll vors angebliche Kleinstudiopublikum und macht das Ganze als segnender Priester zu einer Art Gottesdienst. Da haben wir ein Prachtexemplar für die Sammelkiste mit Gagblindgängern.

Hohe Erwartung macht nervös

Ein wenig ist die „Wie kommen wir bloß rein in diese Nummer“-Nervosität der Macher aber auch verständlich. Seit viereinhalb Jahren gibt es das „Browser Ballett“ schon, 2019 hat das Format einen Grimme-Preis gewonnen. Aber es gehört zum Angebot des netzbasierten öffentlich-rechtlichen Jung-und-Frech-Kanals funk, der in der Wahrnehmung vieler Ü-30-Menschen nicht so recht angekommen ist. Die „heute show“ mit Oliver Welke und das „ZDF Magazin Royale“ mit Jan Böhmermann haben da ganz andere Reichweiten und sorgen ganz anders für Gesprächsstoff.

Nun will die ARD sichtlich nicht weiter abgehängt werden und holt das von Schlecky Silberstein und Christina Schlag moderierte Satiremagazin ins Hauptprogramm. An diesem Donnerstag, den 3. Dezember 2020, ist das Debüt um 23.35 Uhr im Ersten zu sehen und kann vorab bereits in der Mediathek abgerufen werden. Einerseits lastet die Erwartung auf den Machern, so viel viralen Wirbel wie Welke und Böhmermann auszulösen, andererseits ist das Misstrauen der ARD-Granden zu spüren, ob das denn funktionieren wird. Zaghaft kündigt man vorerst nur zwei Ausgaben des „Browser Ballets“ im Ersten an.

Lebkuchen mit Glasscherben

Auf Silbersteins verquälte Priesternummer folgt zum Glück eine tolle Sendung, mit der typischen Mischung aus spitzer Boshaftigkeit, respektloser Klarsicht und fröhlicher Alberei. Der Sketch „Weihnachten in Zeiten von Corona“ etwa könnte in ein paar Jahren schon genügen, damit wir uns korrekt an den ganzen Irrsinn dieser Festsaison erinnern. Zwei Generationen, getrennt durch einen ausgeklappten Meterstab, dessen letztes Glied man schüttelt, weil ein Händedruck die Hygieneregeln verletzen würde. Oma ist per Webcam zugeschaltet, aber auf dem Laptopbildschirm zerrt und wirbelt ein Bildbrei wie Müsli im Mixer umher, und als Gesprächsbeitrag kommen nur Fetzen der verzweifelten Frage „Hört Ihr mich?“ an.

Bei denen, die in einem Raum beieinander sein dürfen, ist die Weihnachtsstimmung aber sowieso nur so bekömmlich wie ein Lebkuchen voller Glasscherben. Papa ist Coronaleugner, zieht den verhassten „Merkel-Lappen“ allenfalls vor den Mund, keinesfalls aber über die Nase, und fabuliert vom Gates-Chip, der uns allen ins Gehirn gepflanzt werden solle. Wer braucht für so ein Krippenbild noch Ochs’ und Esel?

Quotenerregte und Friedrich Merz

Die Chinafreunde, die in der roten Weltmacht den besseren Partner als in den USA sehen, bekommen ebenso ihr Fett ab wie übererregte Frauenquotenwächterinnen, die jeden weiteren Mann in sichtbarer Position als persönliche Kränkung empfinden. In einem gefakten Interview mit Friedrich Merz teilen Schlag und Silberstein gleich nach zwei Seiten aus. Es wird zwar ziemlich klar, dass sie den realen Merz nicht wählen würden. Aber diese vorsätzlich ruckelnd, zitternd und bildhüpfend Wort um Halbsatz aus einem „Tagesthemen“-Interview zusammengestückelte Collage macht auch darauf aufmerksam, dass Bewegtbilder keinen Beweiswert mehr haben. Echte Deepfake-Videos lassen Prominente viel eleganter Dinge sagen, die sie nie in den Mund genommen haben.

Am Ende kommt Silberstein noch mal auf seinen Gottesdienst-Gag vom Anfang zurück, aber auch das läuft dann besser. Mit Wenn’s-denn-sein-muss-Gesten nesteln die Studiogäste die Rundfunkgebühr für den Kollektenbeutel aus der Tasche. Das war schon wieder eine sehr pfiffige Sendung: Die ARD gibt ihr hoffentlich mehr Chancen, bekannt zu werden, als diese und die nächste Ausgabe.

Ausstrahlung: Im Ersten, 3. Dezember, 23.35 Uhr. Bereits vorab in der Mediathek des Senders abrufbar.

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