Wikileaks-Aktivistin Sarah Harrison setzt sich für besseren Datenschutz ein. Sie saß 39 Tage lang zusammen mit Edward Snowden am Flughafen in Moskau fest Foto: dpa

Am Rande der weltweit wichtigsten Konferenz der Cloud- und Hosting-Industrie WHD.global in Rust spricht Sarah Harrison über ihr Leben in Berlin und sagt, was beim Thema Datenschutz besser werden muss.

Frau Harrison, wie enttäuscht sind Sie, dass die Menschen in Deutschland so gleichgültig sind in Bezug auf Edward Snowdens Enthüllungen zur Massenüberwachung?
Enttäuschend ist das schon. Meine Idealvorstellung wäre natürlich gewesen, dass die Menschen nach den Enthüllungen sofort auf die Straße gehen, um eine Veränderung zu fordern. Aber es ist klar, dass dies unrealistisch ist. Allerdings haben die Enthüllungen beispielsweise in einigen rechtlichen Fällen dazu geführt, dass Dinge bewiesen werden konnten, für die es bis dahin keine Belege gab. Einige Veränderungen wurden auch erzwungen. Vodafone hat in einem Transparenz-Bericht offengelegt, in welchen Ländern der Konzern einen ungehinderten Zugriff auf die Gespräche seiner Kunden gewährleisten muss.
Trotzdem sagen mehr als 76 Prozent der Deutschen, dass sie ihr Verhalten aufgrund der Enthüllungen nicht verändert haben.
Das stimmt. Menschen, die mit empfindlichen Informationen zu tun haben, wie etwa Journalisten, haben allerdings viel geändert. Sie können auf der Grundlage der Enthüllungen besser Vorsichtsmaßnahmen ergreifen als früher.
Die meisten Menschen sagen: Ich habe keine sensiblen Informationen. Überwachung macht mir nichts aus, denn ich habe nichts zu verbergen.
Darum ist das Wichtigste immer noch die Aufklärung. Denn das Problem ist: Jeder hat etwas zu verbergen.
Es wird aber nicht jeder zur Zielperson des amerikanischen Geheimdienstes NSA werden.
Das ist richtig. Und man muss auch aufpassen, dass man nicht paranoid wird, wenn man beschließt, das Thema Datenschutz ernst zu nehmen und sich besser zu schützen. Aber je mehr Information man über sich preisgibt, desto mehr Kontrolle verliert man. Und wir wissen nicht, wer die Information bekommt, was er damit macht und was diese Information in der Zukunft bedeuten wird.
Was meinen Sie damit?
Erinnern wir uns an den Zweiten Weltkrieg. Zuvor war es unwichtig, welcher Religion jemand angehört. Während der Judenverfolgung jedoch hat diese Information plötzlich eine Bedeutung bekommen, die über Leben und Tod entschieden hat.
Die großen E-Mail-Anbieter hierzulande werben seit einiger Zeit mit dem Slogan „E-Mail made in Germany“ und Verschlüsselungen. Bringt das überhaupt was?
Angefangen von der Herstellung von Hardware über Bereitstellung von Internetdienstleistungen ist in der gesamten IT-Branche unglaublich viel in den USA zen­tralisiert. Also ausgerechnet innerhalb einer Gerichtsbarkeit, die im Hinblick auf Datenschutz problematisch ist. Insofern ist es auf jeden Fall gut, wenn sich Verbraucher hin zu nichtamerikanischen Anbietern orientieren.
Was bringt das?
Es ist für die NSA schwieriger, die Ermächtigung für Durchsuchungen und Beschlagnahmen zu bekommen für Institutionen innerhalb der Europäischen Union. Es müssen nicht zwingend deutsche Anbieter sein, aber als EU-Bürger würde ich mich durchaus nach Anbietern in der EU umschauen und prüfen, welche Rechte ich als Verbraucher in der entsprechenden Gerichtsbarkeit habe, wenn meine Daten missbraucht werden.
Auf Ihr Google-Konto haben sich die amerikanischen Behörden Zugriff verschafft. Warum schreibt ausgerechnet eine Wikileaks-Aktivistin ihre Mails über Google?
Meinen Google-Account habe ich weit vor meiner Zeit bei Wikileaks angelegt. Dort waren vor allem private Mails wie Nachrichten an meine Verwandten und an meine Freunde. Der Vorfall zeigt, dass die amerikanischen Untersuchungsbehörden wie auf einem Angelausflug einfach alles nehmen, was sie kriegen können. Ich frage mich, warum Nachrichten, die ich 2007 an meine Mutter geschrieben habe, für die Behörden relevant sein sollen.
Hätte Google sich anders verhalten sollen?
Wenn Google den Beschluss bekommt, muss das Unternehmen handeln, das ist klar. Aber anders als Twitter habe ich bei Google keinerlei Hinweise darauf, dass der Konzern sich gegen die Herausgabe der Daten gewehrt hätte.
Gibt es über diesen Vorfall hinaus Situationen, in denen Sie sich verfolgt fühlen?
Es gibt ein besonderes Interesse an Wiki­leaks-Gründer Julian Assange und an der Organisation im Allgemeinen. Darüber sind wir uns bewusst. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich zwingend eine zusätzliche Zielperson bin, aber ich weiß es nicht. Die Beschlüsse gegen Google könnten entweder den Hintergrund gehabt haben, dass die Behörden nach Hinweisen zu Julian Assange gesucht haben. Es könnte aber auch bedeuten, dass ich selbst ein Ziel ihrer Recherchen bin. Das ist unklar.
In welcher Weise sind Sie eingeschränkt in Ihrem Alltagsleben in Berlin?
Ich versuche, ehrlich gesagt, mich nicht zu sehr einzuschränken. Ich habe nicht oft ein Telefon. Das ist sehr ärgerlich – insbesondere, wenn ich mich verspäte. Aber meine armen Freunde wissen glücklicherweise Bescheid. Es gibt ein paar nervige Dinge wie dieses, aber ich lebe schon so lange so, darum ist es zur Normalität für mich geworden.
Im Sommer 2013 saßen Snowden und Sie 39 Tage lang im Transitbereich des Moskauer Flughafens fest. Hat Sie das verändert?
Die größte Veränderung war, dass ich nun besser verstehe, in welcher Situation sich Julian Assange befindet. Für mich waren es nur 39 Tage. Assange sitzt schon seit zwei Jahren in der Londoner Botschaft von Ecuador fest.
Was haben Sie die ganze Zeit gemacht?
Lustigerweise haben danach viele Leute zu mir gesagt, es müsse interessant sein, mal einen Monat im Flughafen zu leben, aber ich kann Ihnen versichern: Es gibt nichts Langweiligeres auf der Welt. Glücklicherweise gab es Internet. Außerdem haben wir uns unterhalten und besser kennen gelernt. Und wir haben an Asylanträgen gearbeitet.
Was war das Erste, was Sie gedacht haben, als Sie wieder draußen waren?
Woran ich mich noch gut erinnern kann, ist, dass es mir plötzlich wehgetan hat, in die Ferne zu schauen, als ich zum ersten Mal wieder draußen war. Meine Augen hatten sich in dieser kurzen Zeit daran gewöhnt, nur noch auf kurze Distanz zu sehen.
Im Zusammenhang mit dem Anschlag auf das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ gab es auch viele kritische Stimmen, die gesagt haben, dass Terroristen aufgrund von Snowdens Enthüllungen die Gelegenheit hatten, ihre Kommunikationsformen entsprechend zu verändern.
Das ist Unsinn. Die USA haben selbst dokumentiert, dass Saddam Hussein beispielsweise gar keine digitale Kommunikation benutzt hat. Und so sind auch Terroristen Menschen, die wissen, dass es Überwachung gibt und wie man sie untergraben muss. Der Angriff auf „Charlie Hebdo“ wurde dafür verwendet, Massenüberwachung zu rechtfertigen. Dabei hat er eigentlich gezeigt, dass auch Massenüberwachung nicht vor terroristischen Anschlägen schützen kann.
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