.. . . und von Otto Müller Foto:  

Jahrhundertfund, Sensation –was ist von dem irreführenden Medienspektakel um die Kunstsammlung Gurlitt geblieben? Die Doppelausstellung „Bestandsaufnahme Gurlitt“ in Bern und Bonn will Antworten liefern.

Stuttgart - Lauter können die Schlagzeilen im Frühjahr 2012 nicht sein. Ein völlig unbekannter, Milliarden schwerer „Nazi-Kunstschatz“ sei entdeckt, lässt ein Münchner Nachrichtenmagazin wissen – und hält diese Linie auch dann noch, als längst klar ist, dass die von dem seinerzeit 78-jährigen Cornelius Gurlitt nur mehr mühsam betreute Sammlung seines 1956 in Düsseldorf gestorbenen Vaters Hildebrand Gurlitt weder unbekannt noch milliardenschwer ist.

Der große Bluff

So schnell lassen sich die Geister des Spektakulären nicht vertreiben. Auch deshalb nicht, weil zunächst überraschend breit oberflächlich von „1400 Bildern“ der Klassischen Moderne und des Expressionismus die Rede ist. Tatsächlich aber ist die Zahl der Gurlitt-Gemälde verschwindend gering. Zu sichten ist vielmehr eine kaum übersehbare Zahl von Zeichnungen und Aquarellen, aber auch von zahlreichen Druckgrafiken, von Papierarbeiten also – in zudem häufig schlechtem Zustand.

Kritische Stimmen

Im November 2013 gibt es nach monatelangem Geraune aus der Museumswelt und dem Kunsthandel die ersten offiziellen kritischen Stimmen zur vermeintlichen Sensation des Gurlitt-Fundes. So sagt etwa Alfred ­Weidinger, seinerzeit Vizedirektor des Wiener Klassikermuseums Belvedere: „Dass diese Sammlung existiert, das war kein ­Geheimnis. Im Grunde genommen hat jeder wichtige Kunsthändler im süddeutschen Raum gewusst, dass es das gibt – auch in der Dimension.“ Die Aufregung um den „Schatz“ sei „aufgeblasen“, sagt Weidinger weiter. Und ergänzt: „Jetzt von einer großen Entdeckung zu sprechen, ist geradezu lächerlich. Wenn ein Restitutionsforscher ordentlich arbeitet, ist es kein Geheimnis, den Spuren der Familie Gurlitt nachzugehen – in keiner Art und Weise.“

Genauere Nachforschungen hätten die zuständigen Experten aus Weidingers Sicht schon viel früher zu der Sammlung führen müssen: „Wenn man im Jahr 2013 darauf kommt, dass es in München die Sammlung Gurlitt gibt, dann haben die ihren Job nicht richtig gemacht.“

Spuren nach Bern

Alfred Weidinger spielte seinerzeit unter anderem darauf an, dass Cornelius Gurlitt seit dem Tod seines Vaters offenbar wiederholt als Anbieter von Werken der Klassischen Moderne in Erscheinung getreten ist. Ein Schritt, der jeweils Aufmerksamkeit hätte erregen können. Vor allem einem Händler schenkt Gurlitt zudem immer wieder Vertrauen – dem heute 94-jährigen Eberhard Kornfeld in Bern. Vor allem in den 1980er Jahren agiert Kornfeld für Cornelius Gurlitt. „Wir waren im Museum, im Münster und der Altstadt, er war sehr interessiert an Bern“, sagt Kornfeld heute. Liegt hier der Schlüssel für einen tatsächlich überraschenden letzten Schritt Gurlitts? Kurz vor seinem Tod im Alter von 81 Jahren im Mai 2014 setzt er das Kunstmuseum Bern als Erbe ein. Ein halbes Jahr später ist klar – Bern nimmt das Erbe an. Juristisch durchaus ein Risiko, ist dieser Schritt doch zugleich der entscheidende Wendepunkt im Umgang mit der Sammlung – sie ist nicht mehr nur vorübergehend, sondern langfristig ein Gegenstand öffentlicher Forschung.

Kunsthandel im Auftrag Adolf Hitlers

Hildebrand Gurlitt

Cornelius Gurlitt war der Sohn von ­Hildebrand Gurlitt, und dieser, 1956 in Düsseldorf gestorben, war einer von vier offiziell durch Hitler-Deutschland beauftragten Verwertern der durch staatliche Stellen des nationalsozialistischen Deutschland offiziell in den Kunstmuseen als „entartet“ beschlagnahmten Werke. Die Verantwortlichen des „Sonderauftrags Linz“ sahen in Gurlitt offenbar die geeignete Person, hervorragende Kontakte im europäischen Kunsthandel für den bestmöglichen Verkauf der beschlagnahmten Arbeiten zu nutzen. Und Gurlitt hatte Erfolg als Verkäufer des „Sonderauftrags Linz“ – mit dem Ziel, aus dem Erlös des Raubkunst-Verkaufs Werke für das geplante „Führer-Museum“ in Linz zu erwerben. Er war aber auch erfolgreich als Händler und Kunstvermittler nach 1945 in ganz anderen Verhältnissen.

So ist der Name Gurlitt nie aus dem engen Feld des internationalen Kunsthandels verschwunden. Sehr wohl ist zudem bekannt, dass Hildebrand Gurlitt beschlagnahmte Werke selbst erwarb – und dass sein Sohn Cornelius nach 1959 weiter mit der Sammlung arbeitet.

Die neue Sicht

Cornelius Gurlitt erlebt 2012 Durchsuchungen seiner Wohnung in München und in einem Haus in Salzburg. Die Staatsanwaltschaft Augsburg lässt die gefundenen Kunstwerke wegen des Verdachts auf ein Steuer- und Vermögensdelikt 2012 beschlagnahmen. Wenige Wochen vor seinem Tod erlebt Cornelius Gurlitt die Freigabe der Arbeiten. Er hatte in einer Vereinbarung mit dem Land Bayern und der Bundesregierung zugesichert, die Werke von Experten untersuchen zu lassen und unter Nazi-Raubkunstverdacht stehende Arbeiten gegebenenfalls zurückzugeben.

Hätte aber die Sammlung überhaupt beschlagnahmt werden dürfen? Darüber wird bis heute gestritten. Hitlers Kunstverwerter Hildebrand Gurlitt agiert bis 1945 auf einer staatlich gegebenen Rechtsgrundlage, die bis in die Gegenwart gültig ist. Damit wird die Sammlung Gurlitt doch zu einem Schlüssel. Immer lauter sieht sich 2013 die Bundesregierung mit Forderungen konfrontiert, die Washingtoner Erklärung von 1998 einzuhalten. Sie verpflichtet die unterzeichnenden Staaten, ­Nazi-Raubkunst zu identifizieren, die rechtmäßigen Besitzer zu finden und die Werke entweder zurückzugeben oder eine „faire Lösung“ zu finden.

Die Bestandsaufnahme

Nun also sind insgesamt 450 Gurlitt-Arbeiten zu sehen – an diesem Donnerstag und Freitag werden Ausstellungen im Kunstmuseum Bern und in der ­Bundeskunsthalle Bonn eröffnet. „Bestandsaufnahme Gurlitt“ heißt das Projekt. Die Werke der Sammlung öffnen nun Wege in die Vergangenheit, helfen, Schicksale von Künstlern und Sammlern in Hitler-Deutschland zu ­erhellen.

Kunstmuseum Bern: Bestandsaufnahme Gurlitt.„Entartete Kunst“ – Beschlagnahmt und verkauft. 2. November 2017 bis zum 4. März 2018.

Bundeskunsthalle, Bonn: Bestandsaufnahme Gurlitt. Der NS-Kunstraub und die ­Folgen. 3. November 2017 bis zum 11. März 2018.

Der im Hirmer Verlag erscheinende, ­gemeinsame Katalog ist in beiden Häusern erhältlich, kostet 29,90 Euro – und ist unbedingt empfehlenswert.

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