Barbara Benz nimmt auf dem neuen Sofa „Soriana“ im Showroom von Cassina Platz. Foto: architare

Wie wohnen wir 2022? Welche Möbel, Formen und Farben sind Trend? Barbara Benz und ihr architare Team waren auf der Mailänder Möbelmesse „Salone del Mobile“ unterwegs, dem weltweit wichtigsten Treffpunkt für Designinteressierte. Das sind ihre Favoriten und spannendsten Entdeckungen.

Stuttgart - Lange hat die Möbel- und Designbranche darauf gewartet: Im Jahr 2020 musste der Mailänder Salone del Mobile pandemiebedingt abgesagt werden. In diesem Jahr wurde die Möbelmesse vom April in den September verlegt.

Als „Supersalone“ öffnete sie dann mit neuem Format und deutlich abgespeckt ihre Tore. Statt zwölf Messehallen standen nur noch vier zur Verfügung, und statt der Stände mit den großartig inszenierten Wohnwelten mussten sich die Hersteller bei der Präsentation mit einem schmalen Streifen begnügen. „Deshalb war in diesem Jahr der „Fuorisalone“, wie das Stadtprogramm heißt, das parallel zur Mailänder Möbelmesse stattfindet, in diesem Jahr wichtiger denn je“, berichtet die architare Geschäftsführerin Barbara Benz. Denn viele Hersteller zogen den Auftritt in der Stadt der Teilnahme am offiziellen Salone del Mobile 2021 vor und stellten ihre Kollektion in den eigenen Showrooms oder in angemieteten Ausstellungräumen – quer über die Stadt verstreut – vor.

1. Street Life: Die Straße als Bühne

Manch ein Hersteller, der nicht über einen eigenen Showroom in Mailand verfügt, wurde zum Untermieter. Besonders originell war der Auftritt des Schweizer Herstellers USM, der sich in einem Fahrradladen einmietete. Hier stellte USM die Qualitäten seines bekannten Modulsystems als Straßen- und Caféterrassen-Mobiliar unter Beweis. Die Salone-Besucher freuten sich über Espresso und kühle Getränke an den sonnigen Tagen in Mailand.

2. Schönheit durch Reduktion

Reduktion war der Leitsatz der diesjährigen Salone del Mobile – das zeigt nicht nur das neue Format der Messe. Auch viele Möbel spiegeln diese Tendenz wider: Sei es, indem weniger Material verwendet wird – oder nachhaltigere Alternativen, die den ökologischen Fußabdruck reduzieren. „Ein schönes Beispiel, wie elegante die Reduktion aussehen kann“, so Barbara Benz, „ist der Sessel ‚Lemni‘ von Living Divani.“ Der frei in der Luft schwebender Ledersitz balanciert auf einem Stahlrohrgestell und verzichtet auf jedes überflüssige Material.

3. Nachhaltigkeit: Designermöbel aus recyceltem Material

Nachhaltigkeit ist natürlich seit langem auch in der Möbelbranche das große Thema. In den letzten Jahren haben viele Unternehmen viel Geld in Forschung und Entwicklung investiert, um nachhaltige Technologien voranzutreiben. Bei B&B Italia wurde zum Beispiel die erste Outdoor-Kollektion von Piero Lissoni namens „Borea“ aus recyceltem Aluminium hergestellt, mit Kissen aus recycelten PET-Plastikflaschen. Die Tischplatten bestehen aus Lavastein, die glasierte Oberfläche aus einem speziellen Material, das durch Recycling des Glases ausrangierter TV- und PC-Monitore gewonnen und in einem speziellen Herstellungsverfahren direkt auf den Stein aufgetragen wird.

4. Das neue Retro-Design: Ikonen nachhaltig produziert

Der Retro-Boom hält weiter an: Zahlreiche Premiumhersteller legen einige ihrer ganz großen Klassiker wieder auf. Dabei wird der ursprüngliche Charakter des Entwurfs beibehalten. Über neue Farben oder neue Materialien bekommen die Möbelstücke dann die zeitgenössische Note. So gesehen bei der italienischen Marke Cassina, die Sessel und Sofa der „Soriana“-Kollektion aus dem Jahr 1969 neu aufgelegt hat. Dabei behält der aktuelle Entwurf von Afra und Tobia Scarpa die charakteristische runde Form. Die Bezüge werden heute aber nachhaltig und umweltfreundlich produziert.

5. Memphis is back

Auch Italiens Memphis-Schule, die vor 40 Jahren das Design beherrschte, ist zurück. In der Nilufar Gallery stellte die englische Designerin Bethan Laura Wood eine Reihe von Möbeln aus, deren rohrförmige Rahmen, Kurven und Primärfarben eine klare Anspielung auf die Memphis-Gruppe zu sein scheinen. Apropos Memphis: Der Mitbegründer der Bewegung, George Sowden, stellte seine auffällige neue Beleuchtungslinie SowdenLight aus buntem Silikon vor.

6. Fashion & Design

Die Mode- und Designwelt sind schon lange eng miteinander verbunden. Labels wie Hermès, Dior, Armani, Missoni und Versace haben eigene Wohnkollektionen, die ebenfalls in Mailand präsentiert werden. Besonders beeindruckend war in diesem Jahr jedoch die Ausstellung von Dior. Das Modehaus ließ seinen ikonischen Medallion-Stuhl, auf dem Christian Dior die Gäste während seiner Fashion Shows Platz nehmen ließ, von 17 Künstlern, Designern und Architekten in einer großen Installation neu interpretieren.

7. Mehr Komfort, mehr Luxus

Ausladende Formen, runde Ecken statt harter Kanten und Stoffüberzüge mit einer besonders sinnlichen Haptik: Die neuen Sofas und Sessel sind unübertrefflich gemütlich und schaffen ein Gefühl der Geborgenheit. Cosy Chic mit einer Art Höhlenfeeling. Ein weiterer Trend: Gemütliche Daybeds sind eine Alternative zu klassischen Sesseln. Zu sehen auch bei Moroso, wo die französisch-libanesische Architektin Annabel Karim Kassar ihre Kollektion „Salon Nanà“ vorgestellt hat. Die Kollektion umfasst üppige Sofas mit übergroßen Daunenkissen. Dazu wird eine niedrige Chaiselongue mit dem Namen „Mezze“ kombiniert, die den niedrigen traditionellen Matratzen nachempfunden ist, die in orientalischen Häusern als Sitzgelegenheiten verwendet werden.

8. So awkward: Ausgefallene Statement Pieces

Noch Möbel oder schon Kunstobjekt? Die Frage stellt sich bei einigen Designobjekten, die es in Mailand zu entdecken gab. Viele von ihnen irritieren auf den ersten Blick, begeistern dann aber auf den zweiten und dritten Blick umso mehr. Edra präsentierte beispielsweise mit „A‘mare“ eine Outdoor Kollektion, deren faszinierende Oberflächen aus Polykarbonat wie das Meer glitzern und wie Wellen das Sonnenlicht reflektieren. „Das sind tolle Statement Pieces für die Terrasse und den Garten. Da wird eine einzelne Liege zum Blickfang,“ so architare Geschäftsführerin Barbara Benz.

9. Bänke und Poufs: Neuentdeckung eines zu Unrecht unterschätzten Möbels

Nach Jahren unverdienten Vergessens sind Bänke und Poufs seit einiger Zeit wieder zu gefragten Einrichtungselementen geworden. Vielleicht wegen ihrer Vielseitigkeit: Sie können leicht anderswo aufgestellt und als Sitzgelegenheit oder Auflagefläche verwendet werden. „In Mailand sah man in den Showrooms von Cassina, B&B Italia und Poltrona Frau besonders schöne Bänke aus Leder und mit Sitzflächen aus Wiener Geflecht“, berichtet Barbara Benz.

10. Das sind die Trendfarben 2021/22

Beim Thema Farben zeigten viele Hersteller deutliche Zurückhaltung. Zahlreiche Erdtöne, matte Herbstfarben und zartes Pastell dominierten an den Ständen und in den Showrooms, wo viele Kollektionen in Beige, Greige und Weiß präsentiert wurden. Wenn Farbe, dann sah man dieses Jahr in Mailand ein leuchtendes Grün, wie es in der Mode schon lange angesagt ist. Nicht nur Lampen und Accessoires auch Samt, Leder und Marmor verleiht vor allem ein eleganter Smaragdton Eleganz. Eine weitere Trendfarbe ist Cognac, das einige Hersteller mit Petrol kombinierten. „Ein toller Kontrast zwischen Warm und Kalt“, erklärt architare Geschäftsführerin Barbara Benz. Er verleihe dem Interieur eine individuelle Note.

In der Bildergalerie: Trends und Highlights des Salone del Mobile – entdeckt von Barbara Benz und dem architare Team