Der Autor hat Länder wie Afghanistan und Turkmenistan als Anwalt kennengelernt. Foto: privat

Der aus Eislingen stammende Rechtsanwalt und Autor Josef Alkatout arbeitet das Thema Krieg gegen den Terror auf. Sein Vater hat als Kind die Vertreibung der Palästinenser erlebt.

Eislingen - Es ist ja nicht so, als hätte man noch nie etwas vom Drohnenkrieg oder von Guantanamo gehört. Doch viele schütteln nur den Kopf und wenden sich dann schnell wieder einem anderen Thema zu, wenn es darum geht, was der Kampf der westlichen Welt im Krieg gegen den Terror in den arabischen Ländern auslöst. Josef Alkatout hingegen, der aus Eislingen stammende Autor und Experte für Internationales Strafrecht, bietet jetzt auf 256 Seiten einen Überblick darüber, wie die Menschenrechte und seit Jahrhunderten geltende Regeln für den Umgang mit Feinden und Verdächtigen Stück für Stück geopfert worden seien – etwa das Folterverbot oder das Recht auf einen fairen Prozess. In „Ohne Prozess – Die Entrechtung unserer Feinde im Kampf gegen den Terror“ zeichnet Alkatout Schritt für Schritt nach, wie in Guantanamo das berüchtigte Foltergefängnis entstand.

Alkatout beschreibt, wie die Tötung Unschuldiger durch Drohnen Hass schürt

Wie Verdächtige, deren Unschuld klar gewesen sei, aus Angst vor Racheakten inhaftiert geblieben seien. Wie die Tötung von Unschuldigen bei Drohnenangriffen im Westen zur Nebensächlichkeit geraten sei, während sie in arabischen Ländern auch bei friedliebenden Menschen Angst und Hass schüre. Und wie auch Deutschland in solche Angriffe verwickelt ist – etwa durch die US-Militärbasis in Rammstein, ohne die Soldaten in den USA die Drohnen nicht steuern könnten. Die Details, die Alkatout liefert, sind oft haarsträubend – und bieten eine Erklärung dafür, weshalb terroristische Gruppen vielerorts Zulauf haben. So berichtet er etwa, dass in Afghanistan von Vertretern der USA Kopfgeld für Hinweise auf Terroristen gezahlt worden sei – die Denunziation Unschuldiger sei so für manche zu einer Einnahmequelle geworden.

Unschuldige seien von der Straße weg verhaftet und in Gefängnissen wie Guantanamo interniert und vielfach gefoltert worden. Andere Unschuldige seien dort gelandet, weil sie wegen ihres Namens mit Verdächtigen verwechselt worden seien. Viele seien jahrelang ohne Prozess in Haft gewesen. Die systematische körperliche und psychische Folter, die Alkatout am Beispiel von Guantanamo beschreibt, ist erschreckend.

Sein Bruder fand, er solle einen Artikel schreiben – daraus wurde ein Buch

Trotz der Eloquenz des Autors liest sich der Text stellenweise sperrig. Das liegt daran, dass der Jurist viel Sorgfalt darauf verwendet hat, Quellen auszuwerten und die politischen und juristischen Debatten nachzuzeichnen, die etwa mit der Eröffnung des Lagers in Guantanamo oder der Genehmigung von immer mehr Drohnenangriffen einhergingen, bei denen längst nicht nur Terroristen getötet worden seien. Und er zeigt auch, wie sich immer wieder einzelne Richter und Politiker gegen die zunehmende Aushöhlung der Menschenrechte stellen.

Eine politische Agenda verfolgt Alkatout nicht – im Gegenteil. Er hat vor Jahren seine Doktorarbeit über den Drohnenkrieg geschrieben – „alles ganz trocken und wissenschaftlich“, erzählt er lachend. „Aber mein Bruder fand das so interessant, dass er sagte, ich solle mal einen Artikel darüber schreiben.“ Dieser erschien vor drei Jahren in der österreichischen Tageszeitung „Der Standard“. „Wenige Tage später hat der Wiener Promedia-Verlag angerufen und gefragt, ob ich ein Buch daraus mache.“

Für Juristenkommission im Ausland unterwegs

Zuerst wollte er nicht. „Ich hatte ja schon ewig für den Artikel gebraucht.“ Aber schließlich ließ sich der 34-Jährige, der bis dahin ausschließlich Belle­tristik veröffentlicht hatte, überzeugen. Alkatout kennt die Schauplätze seines Buches, etwa eine US-Drohnenbasis im Niger. Denn er war als Mitglied der Internationalen Juristenkommission, die Gerichtsverfahren in aller Welt beobachtet und den Austausch von Juristen befördert, in Ländern wie Turkmenistan und der Ukraine. Als Universitätsdozent in Afghanistan konnte er mit einheimischen Juristen und Bürgern sprechen. „Das hat sich gut gefügt“, sagt er. Die Juristenkommission ist eine vielfach ausgezeichnete Organisation, die versucht, internationale Standards zu etablieren. „Man fragt sich ja, ob es in Turkmenistan überhaupt Anwälte gibt. Aber ich glaube, als ich dort war, habe ich mehr von denen gelernt, als die von mir“, sagt Alkatout dazu.

Dass den Juristen die Aushöhlung der Menschenrechte im Namen der Sicherheit beschäftigt, mag neben seinem beruflichen Interesse auch eine persönliche Komponente haben. Sein Vater, Abdullatif Alkatout, erlebte als Kind die Vertreibung der Palästinenser durch die Israelis. Seine ganze Familie wurde von Soldaten aus ihrem Dorf vertrieben und musste nach Syrien fliehen. Später kam er zum Studium nach Deutschland, verliebte sich und blieb. Josef Alkatouts erster Roman „Samla“ erzählt diese Geschichte nach. Er schrieb ihn noch während der Schulzeit in Eislingen.

„Mein Vater hat Deutschland geliebt“

„Mein Vater war mit seinem Leben glücklich und dankbar, dass sich für ihn und seine Familie alles so gut entwickelt hatte“, berichtet Josef Alkatout. Deutschland habe er geliebt. Aber, so erklärt Alkatout, er habe auch ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl gehabt und mit anderen Vertriebenen mitgelitten, vor allem den palästinensischen Flüchtlingen, von denen bis heute etwa 1,5 Millionen in Lagern leben. „Vielleicht habe ich ein bisschen davon geerbt.“ Als Kind habe er das nicht verstanden. „Heute glaube ich, viele Menschen hier haben keine Vorstellung davon, wie unglaublich ungerecht man sich in anderen Teilen der Welt behandelt fühlen kann.“

Trotzdem sieht Alkatout nicht alles so negativ, wie sein Buch vermuten lässt. Die Welt werde stetig friedlicher und moralischer, sagt er. „Nur leider ist eine Lebensspanne zu kurz, um es zu bemerken.“

Lesung in Heiningen

Debütroman:
Am Sonntag, 24. März, liest Josef Alkatout im Ökumenischen Gemeindehaus in Heiningen, Lange Straße 2, um 18 Uhr aus seinem Erstlingswerk „Samla“. Im anschließenden Gespräch mit dem Autor können die Zuschauer Fragen stellen und sich auch aus erster Hand über sein neues Buch „Ohne Prozess – Die Entrechtung unserer Feinde im Kampf gegen den Terror“ (Promedia 2018, ISBN: 978-3-85371-443-0) informieren.

Autor:
Alkatout, Jahrgang 1984, ist als jüngstes von vier Geschwistern in Eislingen aufgewachsen. Nach dem Abitur am Erich-Kästner-Gymnasium studierte er Jura und Internationale Beziehungen in Göttingen, Helsinki und Genf, wo er heute lebt. Sein Vater war in der Stadt sehr bekannt, er betrieb eine Apotheke.

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