Zahlreiche Interessierte folgten der Einladung der Geschichtswerkstatt zu einer Führung durch die Hustenburg. Foto: Petra Mostbacher-Dix

Die Siedlung Ziegelklinge alias „Hustenburg“ aus dem Jahr 1929 ist saniert worden, ihre alten Bewohner können wieder dort einziehen. Nun lud die Geschichtswerkstatt Stuttgart-Süd zu einer exklusiven Führung durch das Kulturdenkmal.

S-Süd - Wer nach oben will, zieht Überschuhe an. Die Holztreppe muss noch lasiert werden, der Baustaub soll nicht im Haus 38 verteilt werden. Es gehört zur Siedlung Ziegelklinge, die nun denkmalgerecht von der Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft (SWSG) saniert wurde. Bevor die Mieter wieder einziehen, lud die Geschichtswerkstatt Stuttgart-Süd zu einer Führung durch das historisch bedeutsame Ensemble, das 1928 fertig gestellt wurde. Viele hatten sich angemeldet, um mit Ellen Pietrus, Sachgebietsleiterin der Unteren Denkmalbehörde, und Helmuth Caesar, Technischer Geschäftsführer der SWSG, der Geschichte der „Hustenburg“ nachzuspüren. Im Volksmund wurde die Siedlung so genannt, weil hier Tuberkulosekranke genesen sollten. Die Luft in Heslacher Waldrandlage galt als gesund. Die Siedlung sollte es Familien ermöglichen, ihre Kranken in häuslichem Umfeld zu pflegen, die Kosten eines Krankenhausaufenthaltes zu sparen und nebenbei Heimarbeit zu leisten.

Die Kranken kommen nicht

„Die Landesversicherungsanstalt sprach als Initiator kinderreiche Familie mit einem Erkrankten oder Kriegsversehrten an“, so Pietrus. Als man wegen der „beschwerlichen Hanglage“ nicht genügend geeignete Klienten fand, wurde die „Hustenburg“ erst ein Ledigenheim, dann frei vermietet. Dennoch, das anfängliche Konzept stellte in Deutschland ein Pilotprojekt der Krankenfürsorge dar. Es wurde über die Landesversicherungsanstalt und über das städtische Wohnungsbauprogramm finanziert, mit Darlehen der Wohnungskreditanstalt und der Ortskrankenkasse.

Anders als üblich, war die Ziegelklinge kein Geschosswohnungsbau: 26 dreigeschossige Reihenhäuser mit eigenem Eingang wurden in fünf Gebäuden die Topografie des Hanges geschmiegt. Alle waren unterkellert, hatten Dachterrassen und eigene Toiletten für die Kranken. Der Architekt Albert Schieber, der unter anderem auch das einstige Hahn & Kolb-Gebäude in der Königstraße und das jetzige Stadtarchiv entwarf, setzte das Ensemble mit Ernst Schleicher um, der für Statik, Entwässerung und Bauleitung zuständig war.

Stilistisch unterscheidet sich das Projekt deutlich von den gleichzeitig entstehenden Siedlungen wie dem Eiernest, das in der Nähe des Marienhospitals im Heimatstil der Stuttgarter Schule erbaut wurde. Die Ziegelklinge nahm Elemente des internationalen Stils der Weißenhofsiedlung auf und ist Architekturbeispiel der „Neuen Sachlichkeit“ in Stuttgart.

Schlafzimmer ohne Heizung

Man habe mit dem Denkmalamt zunächst eine architekturhistorische Bestandsaufnahme durchgeführt, so SWSG-Chef Caesar. Dabei seien etwa die ziegelroten Klappläden zum Vorschein gekommen, die nun an der wieder weißen Fassade Akzente setzen.

Das Kulturdenkmal auf den Wohnstand der Zeit zu bringen, sei anspruchsvoll und kostenintensiv gewesen. „Von einem Kachelofen in der Küche im Erdgeschoss aus bekamen Wohnraum und die Kinderzimmer darüber über ein Hypokaustensystem Wärme“, erläutert Stefan Früh, Geschäftsführer ARP Architektenpartnerschaft. Der Schlafraum im Dach sei nahezu unbeheizt gewesen. Nun hat jedes Zimmer eine Heizung, über Nahwärme versorgt, erzeugt von einem Blockheizkraftwerk mit Kraft-Wärme-Koppelung. Früh: „Obwohl wir wegen des Denkmalschutzes nicht zeitgemäß dämmen konnten, sieht unser Energieausweis gut aus.“

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