Gerhard Götze (rechts) vom Kulturtreff hat die Führung gemeinsam mit Elmar Kurtz organisiert. Im Hintergrund sieht man das Haus der Christengemeinschaft, ebenfalls ein von der anthroposophischen Architektur geprägtes Gebäude. Foto: Maira Schmidt

Der Kulturtreff hat sich auf die Spuren von Rudolf Steiner und der Waldorfpädagogik im Bezirk begeben.

S-Ost - Angefangen hat alles mit einer Zigarettenfabrik; oder, wenn man noch ein Stück weiter in der Geschichte zurückgeht, mit einem Hotel in New York. Es trug genau wie die spätere Zigarettenfabrik an der Hackstraße den Namen Wal­dorf-Astoria. Ein Name, der sich im Laufe der Zeit zu einer Marke entwickeln sollte, nicht nur für Hotels oder Waldorfsalat, sondern vor allem für ein Schulmodell, wie Elmar Kurtz beim Rundgang durch den Osten am vergangenen Samstag erklärte.

Kurtz arbeitet in der Verwaltung der Waldorfschule Uhlandshöhe. Die 1919 gegründete Einrichtung war die erste Waldorfschule auf der ganzen Welt. Zusammen mit Gerhard Götze vom Kulturtreff Stuttgart-Ost und einer Gruppe von interessierten Bürgern begab sich Kurtz deshalb am Samstag auf die Spuren von Rudolf Steiner im Bezirk.

Dabei verrät der Verwaltungsangestellte auch, woher der Name Waldorf-Astoria kommt. „Er geht auf eine Familie Astor aus einem Ort namens Walldorf zurück“, sagt Kurtz und ergänzt: „Walldorf wurde damals noch mit einem ‚l’ geschrieben.“ Ein Mitglied dieser Familie wanderte nach Amerika aus und einer seiner Nachfahren eröffnete in New York ein Hotel, das Waldorf-Astoria. Ein anderer Nachfahre kehrte nach Deutschland zurück und gründete dort die gleichnamige Zigarettenfabrik. Der Direktor dieser Fabrik war Emil Molt, ein Bekannter von Rudolf Steiner. „Molt hat sich Gedanken über die Bildung seiner Arbeiterinnen gemacht“, erzählt Kurtz, als die Gruppe im Hinterhof des heute als Geschäfts- und Wohnhaus genutzten Gebäudes an der Hackstraße 9-11 steht. Ursprünglich ging es Molt um die Weiterbildung seiner überwiegend weiblichen Angestellten. Doch dann erzählten ihm die Frauen, wie schlecht es um die Bildung ihrer Kinder bestellt sei. Der Fabrikdirektor entschied sich, etwas für den Nachwuchs seiner Arbeiterinnen zu tun. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

Ein Büchlein mit Schutzbrille

Von der Hackstraße geht es die Heinrich-Baumann-Staffel hinauf zur Landhausstraße. In dem Haus mit der Nummer 82 hat der Verlag Freies Geistesleben seinen Sitz. Er geht auf den Verlag Waldorf-Astoria zurück, der Heftchen zu den Zigaretten herausgab. „Das Geschäft seines Leben“ wie es Kurtz formuliert, machte der Verlag während der Sonnenfinsternis 1999. Er gab ein Büchlein heraus, dem eine Schutzbrille beilag. Ein Verkaufsrenner, auch wenn in Stuttgart dank wolkenverhangenem Himmel das Naturschauspiel nicht so richtig beobachtet werden konnte.

Es geht weiter den Berg hinauf bis zum Rudolf-Steiner-Haus an der Straße Zur Uhlandshöhe. Wie schon an vielen Gebäuden zuvor ist auch hier die architektonische Handschrift der Anthroposophen zu erkennen. Wann immer es möglich war, wurde auf rechte Winkel verzichtet, auch die Ecken der Fenster sind abgeschrägt.

Die Gruppe hat ihr Ziel fast erreicht. Es sind nur noch wenige Schritte bis zur Haußmannstraße 44, dem Ort, an dem Molt und Steiner 1919 die erste Waldorfschule für die Kinder der Fabrikarbeiter gründeten. Ursprünglich stand dort das Restaurant zur Uhlandshöhe, ein „beliebtes Ausflugscafé“, wie Kurtz berichtet. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde es jedoch nicht wiedereröffnet, weshalb das Gelände zum Verkauf stand. Molt erzählte Rudolf Steiner von seinen Plänen. Der war begeistert und verriet, das er ein pädagogisches Schulkonzept in der Schublade habe. Während die Zigarettenfabrik in den 1930er Jahren schließen musste, gibt es die Waldorfschule bis heute an der Uhlandshöhe. Inzwischen arbeiten weltweit mehr als 1000 Schulen nach dem Lehrplan.

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