Steigende Geburtenraten in Rutesheim bringen die Planungen der Verwaltung bei den Betreuungsplätzen ein wenig durcheinander. Foto: dpa

In der Stadt gibt es einen wahren Babyboom. Innerhalb von vier Jahren ist die Geburtenrate um 80 Prozent gestiegen. Kein Wunder, dass die U3-Betreuungsplätze knapp werden. Deshalb wird über einen Kita-Neubau mit bis zu 40 Krippenplätzen diskutiert.

Rutesheim - Rutesheim wird immer jünger. Das zeigt eine Grafik, die die Stadtverwaltung jetzt dem Gemeinderat präsentiert hat. Die rote Linie für die Sterbefälle liegt seit Jahren deutlich unter der blauen, die die Zahl der Geburten anzeigt. Und dort geht die Tendenz steil nach oben. Kamen im Jahr 2011 insgesamt 72 neue Rutesheimer auf die Welt, so wurden im vergangenen Jahr 129 Neugeborene gemeldet – ein Anstieg um 80 Prozent.

Das führt die Stadt vor allem auf den Zuzug junger Familien, besonders in den Neubaugebieten, zurück. Von denen werden gerade zwei weitere umgesetzt: Das Gebiet „Taläcker“ in Rutesheim wurde bereits im vergangenen Jahr erschlossen. 230 Menschen sollen später hier in Ein- oder Mehrfamilienhäusern wohnen. Geplant sind zwei Mehrfamilienhäuser mit 30 Wohnungen, sieben Reihenhäuser sowie 19 Einzelhäuser und 16 Doppelhaushälften. Baustart ist in diesem Sommer. Im kommenden Jahr folgt das Gebiet „Vallon II“ in Perouse. Anschließend geht es weiter mit dem Areal „Hinter Schelmenäcker“. Die 129 neuen Einwohner sind also sicher noch nicht der Höhepunkt des Babybooms gewesen.

Das stellt die Stadt jedoch vor ein Problem: die Kapazitäten der Kinderbetreuung. Stichwort: Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für unter Dreijährige. Rechnet man die jüngsten drei Geburtenjahrgänge zusammen, so gibt es in Rutesheim etwa 325 Kinder unter drei Jahren. Für 35 Prozent davon, also 114 Kinder, müssen Betreuungsplätze vorgehalten werden. Derzeit gibt es aber nur 73 in Rutesheim plus ein paar weitere in Perouse. Weitere zwölf Plätze könnten im Schulhaus Hindenburgstraße geschaffen werden. Aber das reicht immer noch nicht.

Kita-Neubau geplant

Deshalb hat die Stadtverwaltung bereits im vergangenen Jahr laut über einen weiteren Kita-Neubau nachgedacht. Der letzte ist 2012 eröffnet worden, der Kindergarten Goethestraße. Nun könnte ein weiteres Gebäude in der Robert-Bosch-Straße gebaut werden – das Grundstück gehört bereits der Stadt. Vorsorglich hat diese schon mal einen Förderantrag eingereicht für einen Neubau für vier oder fünf Gruppen. 20 bis 40 der so neu geschaffenen Plätze sind dann für Kinder unter drei Jahren vorgesehen. Für drei Gruppen koste die Kita etwa 1,4 Millionen Euro, bei fünf Gruppen rund 2,5 Millionen Euro.

Zwar ist die neue Kita per se noch nicht beschlossen und die Pläne sind auch noch nicht sonderlich konkret. Doch die Förderanträge werden chronologisch nach Eingang beschieden. Das Geld gibt es aber jeweils nur für U 3-Plätze. „Was wir konkret bauen, werden wir sehen, wenn es eine Entscheidung über den Antrag gibt“, erklärte der Erste Beigeordnete der Stadt, Martin Killinger, im Gemeinderat. Dabei steht dann auch zur Debatte, ob über dem einstöckigen Kinderhaus vielleicht alters- und behindertengerechte Wohnungen entstehen. Da die Stadt für den Bau auf ihre Rücklagen zurückgreifen müsste, sei über die Wohnungen wenigstens eine kleine Refinanzierung gegeben, so Killinger. Ob sich das Areal, das an einem Sportplatz liegt, aber dafür überhaupt eignet, werde derzeit noch geklärt.

Mehr Neugeborene auch in Leonberg

Bei den Gemeinderäten stießen die Pläne für die Kita, aber auch für die Wohnungen, auf Zustimmung. Thommy Scheef von der SPD lobt das Vorhaben als gutes Projekt. „Den Bedarf, den wir haben, können wir mit einem Neubau gut befriedigen“, meinte Wolfgang Diehm (BWV). Als man die Neubaugebiete geplant habe, sei klar gewesen, dass es auf die jetzige Betreuungssituation hinauslaufen würde. Auch für Fritz Schlicher von der Gabl schließt sich damit ein Kreis. „Wir sollten aber nicht nur auf die Quantität, sondern auch auf die Qualität der Betreuung gucken“, mahnte er.

Doch die Gemeinderäte blickten auch in die Zukunft. „In zehn bis 15 Jahren wird der Bedarf sicher nicht mehr so hoch sein“, sagte Harald Schaber, Fraktionschef der UBR. „Es gibt Überlegungen, die Kindergärten, die dann ins Alter gekommen sein werden und in Wohngebieten liegen, zurückzubauen und wieder dem Wohnungsmarkt zuzuführen. Aber das ist noch Zukunftsmusik“, erklärte Bürgermeister Dieter Hofmann. „Dann ist es sicher gut, die Kita so zu konzipieren, dass man sie später problemlos anders nutzen kann“, regte Reinhart Boehm von der CDU deshalb an.

Babybomm allerorten

Rutesheim
2011: 72 Neugeborene. 2012: 91. 2013: 105. 2014: 129. Schon jetzt gibt es Wartelisten sowohl für Krippen- als auch Kindergartenplätze. Auf einen Krippenplatz warten derzeit 14 Kinder, auf eine Betreuung im Kindergarten elf Kinder. Die Stadtverwaltung rechnet für das kommende Schuljahr 2015/16 mit einer noch längeren Liste.

Leonberg
Auch in der großen Kreisstadt sind die Geburtenzahlen seit Jahren steigend. 2009: 499 Neugeborene. 2010: 550. 2011: 528. 2012: 577. 2013: 567. 2014: 619. Allein im Januar und Februar diesen Jahres erblickten 135 neue Leonberger das Licht der Welt. „Leonberg ist besonders für junge Familien interessant“, sagt die Stadtsprecherin Undine Binder-Farr. Dies setze sich auch bei den Anmeldungen an den verschiedenen Schulen fort, die entgegen dem Trend stabil sind.

Wirtschaftliche Situation
„Wir profitieren auch von den neu geschaffenen Arbeitsplätzen in der Umgebung, etwa bei Porsche, Bosch oder Thales“, erklärt Binder-Farr. In wirtschaftlich stabilen Zeiten fühlten sich junge Menschen sicherer dabei, eine Familie zu gründen. Aber auch das Betreuungsangebot der Stadt sei attraktiv für junge Familien. „Wir erhalten viele Anfragen von Menschen, die noch gar nicht hier wohnen, aber wissen wollen, ob wir noch Plätze in den Krippen und Kindergärten frei hätten“, berichtet die Stadtsprecherin. Deshalb plant die Verwaltung, das Angebot von U3-Plätzen über die gesetzliche Quote von 35 Prozent hinaus auf 50 Prozent zu erhöhen.

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