Einwohner klagen über „Kohorten von Nicht-Maskenträgern Foto: dpa/Christoph Schmidt

Der Süden hütet den Marienplatz wie seinen Augapfel, jede Veranstaltung wird vorab peinlich geprüft. Und dann genehmigt die Stadt hier am Karsamstag eine überdimensionierte Coronademo, die aus dem Ruder läuft. Der Bezirksbeirat Süd verlangt Antworten von der Stadt.

S-Süd - Im Süden ist die Empörung darüber groß, dass der Marienplatz am Ostersamstag zum Schauplatz einer quasi bundesweit geächteten Demo von Gegnern der Coronaschutzmaßnahmen geworden ist. Der Bezirksbeirat Süd fordert von der Stadtverwaltung Antworten: „Welche Gründe gab es, eine dezentrale Demonstration der Querdenker auf dem Marienplatz und den anschließenden Sternenmarsch quer durch die Stuttgart zu genehmigen, und warum wurde der Bezirksbeirat nicht informiert?“ Die SPD-Fraktion des Gremiums hat die Fragen zwar zügig in einen Antrag gegossen und das Gros des Bezirksbeirats signalisierte auch Zustimmung. Aber der Antrag hatte es nicht mehr auf die öffentliche Tagesordnung geschafft, weshalb eine Abstimmung darüber aus formalen Gründen erst in der kommenden Sitzung des Bezirksbeirates möglich ist.

Der Platz ist zu klein

Aber die Debatte war eröffnet, viele Bezirksbeiräte machten ihrem Ärger Luft und verliehen ihrem Unverständnis über die Genehmigung der Demo Ausdruck. Zunächst einmal sei der Platz für eine solche Veranstaltung viel zu klein, argumentierte die SPD: „Der Platz kann nur eine bestimmte Anzahl von Menschen gleichzeitig aufnehmen, ansonsten ist er nicht mehr beherrsch- und kontrollierbar und wird dadurch zu einem Sicherheitsrisiko für Besucherinnen und Besucher, aber auch für die Bevölkerung.“

Die SPD-Bezirksbeirätin Marion Eisele schilderte, wie ihr Einkauf am Karsamstag zum „Spießrutenlauf zwischen Kohorten von Nicht-Maskenträgern“ wurde, die sich nicht bloß auf dem Platz gedrängt, sondern auch die umliegenden Geschäfte geflutet hätten. In die Stadtbahn habe sie sich nachher gar nicht mehr getraut.

Der Mitbürger, das unbekannte Wesen

Der Bezirksbeirat Süd achte bei jeder Genehmigung von Veranstaltungen penibel auf die Einhaltung von Absperrungen und Freiflächen, auf Höchstteilnehmerzahlen. „Und dann kommt so ein Riesenaufschlag und führt das alles ad absurdum“, empörte sich auch Christa Niemeier von den Grünen. Karl Stahr von der FDP berichtete, welchen Aufwand man in der evangelischen Kirche betreiben musste, um einen coronakonformen Karfreitagsgottesdienst abzuhalten – „und dann so was!“ Ihn irritiere das Demo-Geschehen zutiefst: „Das waren ja alles Mitbürger, Leute von uns! Und dann in dieser großen Zahl. Das gibt mir zu denken.“

Yvonne Sauter von der „Fraktion“ hingegen kamen die Demonstranten vertraut vor: „Die Gesinnung dieser Leute ist doch klar.“ Sie berichtete von ihren Erfahrungen auf der Gegendemo auf der Tübinger Straße. Die Polizei, die derzeit in der Kritik steht, sie habe die Coronademonstranten geschont, hätten allerdings die Gegendemonstranten hart angefasst, erklärte Sauter: „Wie wir behandelt wurden, ist gar kein Vergleich!“

Schlaue Pharisäer

Im Gegensatz zu Jens Hermann von den Stadtisten, der meinte, die Stadtverwaltung hätte nach den Erfahrungen früherer Coronademos wissen müssen, welche Verstöße zu erwarten sind, sah Hans-Dieter Meißner von den Freien Wählern die Rolle der Stadt in milderem Licht: „Wir sollten nicht so pharisäerhaft sein: Hinterher ist man immer schlauer.“

Einig waren sich allerdings alle Diskutanten über die unrühmliche Rolle der Coronademonstranten selbst, deren Verhalten „zutiefst unsolidarisch“ sei, „wo sich doch gerade alle an die Regeln halten, um die Pandemie zu bekämpfen“, wie Bezirksvorsteher Raiko Grieb meinte.

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