Guido Buchwald ist nach seinem Rückzug beim VfB Stuttgart auf Tauchstation gegangen. Foto: Baumann

Der Rücktritt von Guido Buchwald hat eine neue Diskussion über die Sportkompetenz in der Clubführung entfacht. Hermann Ohlicher ist nun der einzige Ex-Fußballer im Aufsichtsrat des VfB Stuttgart. Reicht das aus?

Stuttgart - Die zwei wichtigen Punkte im Abstiegskampf hatte der VfB erst vor wenigen Minuten durch das späte Ausgleichstor des Freiburgers Florian Niederlechner (94.) aus den Händen gegeben, als in der Stuttgarter Präsidentenloge des Stadions die Emotionen überkochten.

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Zunächst übte der ehemalige VfB-Profi Thomas Berthold via TV-Gerät im Fußballtalk „Sky 90“ Kritik an der Führungsriege des Clubs: „Operativ sind beim VfB nur die Herren Michael Reschke und Wolfgang Dietrich verantwortlich – das ist viel zu wenig Fußballkompetenz“, sagte Berthold, ehe der Fokus auf Guido Buchwald gelenkt wurde, der sich zu diesem Zeitpunkt wie etwa 20 weitere Personen in der Präsidentenloge befand.

Auch zur Rolle des da noch amtierenden VfB-Aufsichtsrats Buchwald hatte Berthold eine Antwort parat. „Fragen Sie doch mal den Guido, ob der gefragt wurde, wenn Personalentscheidungen getroffen wurden“, polterte der Vize-Weltmeister von 1986 im Fernsehen weiter: „Der hat das eher aus der Zeitung erfahren.“ Für einen der Zuseher in der Loge, einen erfahrenen Aufsichtsrat – es war nicht der Präsident Dietrich selbst –, war dies in der Hitze des Spieltages dann einfach zu viel. Ihm platzte der Kragen, und er ging Guido Buchwald vor versammelter Gesellschaft persönlich an, polterte los, die werten Herren Ex-Fußballer wie Buchwald, Berthold und Co., sie würden doch ständig für Unruhe sorgen.

Ein Wort ergab das andere, ehe sich der tief gekränkte Buchwald „nach einer Nacht ohne Schlaf“ von seinen Ämtern als Aufsichtsratsmitglied und Botschafter des VfB mittels einer schriftlichen Erklärung verabschiedete. „Es wird versucht, mir die Schuld an der Situation, in der die Mannschaft steckt, in die Schuhe zu schieben“, das ließ der Ehrenspielführer der Stuttgarter noch wissen, ehe er auf öffentliche Tauchstation ging.

Präsident Dietrich meldet sich zu Wort

„Es trifft nicht zu, dass er derart beschuldigt wurde oder ein einzelnes Mitglied des Aufsichtsrates die derzeitige sportliche Situation zu verantworten hat“, erklärte der Präsident Dietrich nun am Dienstag. Zurück bleibt dennoch ein VfB Stuttgart, der um einen Krisenherd reicher und nach dem Rückzug von Martin Schäfer um ein weiteres Mitglied seines nun siebenköpfigen Kontrollgremiums ärmer ist. Beide Aufsichtsrat-Posten sollen erst im Sommer neu besetzt werden. Bis dahin verbleibt Hermann Ohlicher also als einziger ehemaliger Fußballer im Kontrollgremium der ausgegliederten VfB Stuttgart 1893 AG, der Dietrich vorsteht.

Die Diskussion über den auch von Thomas Berthold kritisierten Mangel an Sportkompetenz in den Entscheidungsorganen beim Traditionsclub vom Wasen, sie wird derweil nach dem selbst gewählten Rückzug von Guido Buchwald nicht verstummen, sondern eher zunehmen. Und dies, obwohl Buchwald kein Märtyrer ist. Denn vieles an dem Verhältnis zwischen dem Weltmeister von 1990 und seinem Herzensclub war längst in Schieflage geraten. So heißt es beim VfB nicht erst seit gestern, der Guido, der seinerseits gerne mehr sportliche Verantwortung übertragen bekommen würde, interpretiere seine Rolle als Aufsichtsrat völlig falsch. Für die ­Akquise von Spielern etwa seien bei den Weiß-Roten ganz andere verantwortlich. Der Manager Michael Reschke in allererster Linie, den Buchwald in einem Interview im November kritisiert hatte: „Mir wäre eine breitere sportliche Kompetenz im Verein für die Zukunft sehr wichtig“, sagte er da: „Es ist immer schwierig, wenn alles an einer Person festgemacht wird.“

Karl Allgöwer will kein Alibi-Faktor sein

Doch es bleibt auf dem Wasen (vorerst?) dabei: Ehemalige Spielergrößen wie Buchwald sind bei richtungweisenden Entscheidungen beim VfB, etwa einer Trainerentlassung oder Spielerverpflichtung, weiter außen vor. Dem Rekordtorjäger Karl Allgöwer (129 Treffer) etwa wurde vor einiger Zeit die Möglichkeit eingeräumt, einen Aufsichtsratsposten zu besetzen. Doch der Wasen-Karle winkte ab – er wolle nicht als Alibi-Faktor herhalten. „Aufsichtsräte mit Sportkompetenz nutzen nichts, wenn sie bei entscheidenden Abstimmungen in der Unterzahl sind“, sagt Allgöwer, der keine Entscheidungen von einer Mehrheit an Leuten aus der Wirtschaft mittragen will, hinter denen er nicht steht.

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