Rudolf Steiner, Wandtafelzeichung Foto: Katalog

Noch in Wolfsburg, bald in Stuttgart: Eine Doppelausstellung widmet sich Rudolf Steine.

Wolfsburg - Warum ausgerechnet Wolfsburg? Eine berechtigte Frage. Rudolf Steiner setzte nie seinen Fuß nach Wolfsburg, und eine Beziehung zum Auto lässt die Ausstellung "Rudolf Steiner - Die Alchemie des Alltags" nicht erkennen. Und doch gibt es Bezüge, die über die Rührigkeit des Teams im Kunstmuseum Wolfsburg hinausgehen.

Schriftenreich wölbt sich das geistige Gehäuse über den Eingangsbereich, es geht vorbei an den Kleinodien, die der universale, umstrittene "Reformer des 20. Jahrhunderts" entworfen hat, vorbei an Möbeln auch, die nach seinen Ideen gefertigt wurden. Ein Auftakt, der begründet, weshalb das Vitra Design Museum in Weil am Rhein für das "Alchemie"-Szenario verantwortlich zeichnet. Ein solch "transdisziplinärer Geist" wie Steiner - nach Meinung von Paul Virilio immer auf dem "Weg zu einer Philosophie des Ökologischen" - hätte unschwer auch im Auftrag des Autobauers Volkswagen AG eine Möglichkeit gefunden, Wissenschaft und Kunst auf schöpferische Weise zu vereinen. Doch Steiner starb 1925 64-jährig, und da war an ein solches Auto nicht zu denken. Wolfsburg schmückt sich denn auch nicht mit Steiner-Design, sondern beeindruckt mit einem Theaterbau von Hans Scharoun, der Gestaltungsmuster des Goetheanums aufgegriffen hat. Zwischen 1924 und 1928 entstand es im schweizerischen Dornach nach Plänen Rudolf Steiners als geistiges wie kosmopolitisches Zentrum der Anthroposophischen Gesellschaft.

Geprägt vom Jugendstil und Reformwillen

Ein Modell des zweiten Goetheanums, eines Schlüsselwerks der "organischen Architektur", steht denn auch im Mittelpunkt der Doppelschau, die von Wolfsburg aus nach Stuttgart wandert und hier von 5. Februar an im Kunstmuseum zu sehen ist.

Einleuchtend zeichnet "Rudolf Steiner - Die Alchemie des Alltags" den Lebensweg nach. Briefe - von Piet Mondrian, Else Lasker-Schüler oder Richard Neutra - belegen Kontakte und Wirkung, und Franz Kafka bietet einen fürwahr kafkaesken Tagebucheintrag, in dem ihn Steiners Theosophie ebenso befremdet wie dessen Art und Weise, den Fluss seiner Nase zu stoppen.

Impulsgeber Steiner? Goethes Metamorphosen- und Farbenlehre weiterentwickelnd, eröffneten sein Möbeldesign und seine Architektur neue Ausdrucksmöglichkeiten, die sich bis in das êuvre einer Zaha Hadid verfolgen lassen. Beispielhaft auch ist eine Bewegungskunst wie die Eurythmie, die wie viele andere Steiner-Ideen geprägt ist vom Jugendstil und dem Reformwillen um 1900.

Sinnen und Minnen als Lieblingsbeschäftigung

Eigens für die Schau wurden Steiners Farbkammern nachgebaut, die den Menschen in einen anderen Kosmos beamen sollten - "nur dass dieser", wie Mateo Kries im Begleitbuch schreibt, "in der geistigen Welt im Inneren des Menschen und nicht im Weltall gesehen wird". Das Themenpanorama eröffnet sich zur "Anthroposophie als Kulturfaktor" - von der Waldorfpädagogik, Steiners Landbaulehren bis hin zu Heil- und Ernährungslehren. Das Leben erscheint, um ein Wort des bekennenden Anthroposophen Joseph Beuys zu zitieren, tatsächlich als "Soziale Plastik". Da kann der Finanzmarkt kaum ausbleiben - und so werden auch Institutionen wie dm-Drogeriemarkt und GLS Bank - beide organisiert nach Grundsätzen des "Astral-Marx" (Joseph Huber) Steiner. Die Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken ist übrigens die "Bank des Jahres 2010".

65 Arbeiten versammeln sich in der Parallelschau "Rudolf Steiner und die Kunst der Gegenwart", und zentral steht auch hier ein Beuys-Werk - der "Basisraum Nasse Wäsche", 1979 in einer Performance in Wien entstanden. Im Blick zunächst drei Regenrinnen, die einst das Tropfwasser eines Wäschevorgangs aufzufangen hatten. Übriggeblieben ist ein Bündel Wäsche, durch die erstarrte Seife beinhart geworden. Darüber eine Glühbirne als Zündungsfunke, der die Szene vor dem geistigen Auge des Betrachters noch einmal in Gang setzen soll, und ein schwarzer Holztisch, über und über bedeckt mit mystischen Verweisen - so wie wir das von Steiners Tafelzeichnungen her kennen, die das Gezeigte immer begleiten.

Sinnen und Minnen als Lieblingsbeschäftigung

Mario Merz, ein Vertreter der italienischen Arte Povera der 1960er Jahre, eröffnet die Schau mit seinem "Tavolo a Spirale" und dem "Leone di Montagna", zwei gute Beispiele, in denen Kunst und Natur auf wundersame Weise ineinandergreifen: der spiralförmige Tisch aus Glas wird nach Anweisungen des 2003 verstorbenen Künstlers mit verschiedenen Obst- und Gemüsesorten belegt; im Löwen aus Baumwollnessel leuchtet hellblau der Zahlenzyklus des Fibonacci auf, der damit nicht nur die Population der Kaninchen erklärt. Anish Kapoor macht mit einem metergroßen Würfel aus Acrylharz, unter großem Druck zusammengepresst, Steiners Idee der multiplen Bewusstseinswelt von Leib und Seele, Materie und Geist insofern manifest, als er sichtbar werden lässt, was eigentlich unsichtbar ist. Spannend zudem Beiträge von Tony Cragg, Giuseppe Penone, Olafur Eliasson, Spencer Finch oder Katharina Grosse.

Das buchstäblich einleuchtendste Objekt der Ausstellung, das "Wolfsburg Project" des Briten James Turrell, wird in Stuttgart nicht zu besichtigen sein. Die begehbare Installation verdichtet das Licht derart, dass darüber ein Raum entsteht, der alles Materielle verloren hat - so wollte der "Lichtbildhauer" das Inside-Out-Prinzip der Moderne aus dem Umstülpungsbegriff Rudolf Steiners heraus erklären.

In Stuttgart muss man sich also erneut etwas Besonderes einfallen lassen. Warum nicht ein Beiprogramm mit dem Fellini-Film "La Dolce Vita", in dem ein mysteriöser Dr. Steiner auftaucht? Der echte Rudolf Steiner, der auf einem Fragebogen des Jahres 1892 "Sinnen und Minnen" als Lieblingsbeschäftigung bezeichnet, hat auf einen Filmheroen großen Einfluss ausgeübt: Walt Disney. Der sah auf der Pariser Weltausstellung 1938 ein Gastspiel der Goetheanum-Bühne Dornach. Von dem eurythmischen Anteil wie von der Lichtgestaltung angetan, sahen Zeitzeugen in der Folge die Produktion von Disneys "Fantasia".

www.kunstmuseum-wolfsburg.de

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