Jutta Pagel-Steidl und Pierre Mayer ärgern sich, dass sich auf Plänen von der Innenstadt wenig nützliche Informationen für Menschen mit Behinderungen finden. Foto: Cedric Rehman

Pierre Mayer ist auf seinen Elektrorollstuhl angewiesen. Er hat es in der Stuttgarter Innenstadt schwer.

S-Mitte - Der Schrecken hat einen Namen. Pierre Mayer nennt ihn den „Aufzug ums Eck“. Der 48-Jährige ist auf einen Elektrorollstuhl angewiesen. Er fährt damit in einen Lift an den S-Bahn-Gleisen am Hauptbahnhof. Der Aufzug hält ein Stockwerk darüber an, damit Fahrgäste an die Stadtbahngleise gelangen. Der Ausgang des Lifts liegt aber nicht dem Eingang gegenüber, sondern an der Seite oder wie es der Rollstuhlfahrer ausdrückt, ums Eck.

Mayer muss nun mit seinen Steuerknüppel das seinen Angaben nach 120 Kilo schwere Gerät in der Kabine wenden. Ein Begleiter, den er im Idealfall dabei hat, muss während des Wendemanövers einen Knopf zum Öffnen der Lifttür gedrückt halten, damit diese auch offen steht, wenn Mayer seinen Rollstuhl in der richtigen Position hat. Er rollt nach einigem Hin und Her schließlich aus dem Aufzug. „Ich frage mich, wie so etwas gebaut werden konnte“, meint Mayer.

Mayer ist Inklusionsbeirat

Der Rollstuhlfahrer sitzt im Inklusionsbeirat der Stadt. Mit der Vorsitzenden des Landesverbands für Mehrfach- und Körperbehinderte (LVKM), Jutta Pagel-Steidl, ist er per du. Sie begleitet Mayer auf seinem Rundgang durch die Innenstadt.

Pagel-Steidl hat vor einigen Wochen in der Debatte um den Abbau von Rolltreppen an der Stadtbahnhaltestelle Schlossplatz im Zuge einer Brandschutzsanierung die Stadt kritisiert. Die beiden vorhandenen Aufzüge zu den Gleisen seien ohnehin zu klein, monierte sie. Wenn nun auch noch Rolltreppen wegfielen, müsste es an der Haltestelle eben mehr Aufzüge geben, forderte Pagel-Steidl. Denn sonst fehlten Kapazitäten für Rollstuhlfahrer, warnte sie.

Wege durch die Innenstadt strengen an

Für Pierre Mayer stehen Lifts wie jene am Hauptbahnhof oder auch an der Stadtbahnhaltestelle Schlossplatz am Anfang von nicht selten anstrengenden Touren durch die Innenstadt. Tägliche Einkäufe erledige er in der Umgebung seiner Wohnung in Bad Cannstatt, sagt er. Doch Kleidung oder auch Elektrowaren kaufe er an der Königstraße ein, meint Mayer.

Seine Auswahl an Läden sei allerdings begrenzt, erklärt er. Zu hohe Stufen am Eingang könne sein Rollstuhl nicht überwinden, sagt er. Gerade in Modegeschäften gebe es oft nicht genug Platz für ihn und seinen Elektrorollstuhl. Mayer nennt eine Liste an Geschäften, darunter ein Kaufhaus und eine Drogeriekette, in denen er gut manövrieren könne. Auch das Personal verhalte sich dort hilfsbereit, lobt er. Um einiges kleiner sei die Zahl der Gasstätten, die er besuchen könne, meint er. „Entweder gibt es Stufen oder keine behindertengerechte Toilette“, sagt Mayer. Er fühle sich auch nicht überall willkommen.

Kundenstopper sind im Weg

Mayer macht Halt an der Königsbaupassage. Er kann diese über Rampen ansteuern oder verlassen. Unter den Säulen an der zur Schlossplatz liegenden Seite stellten sich im aber oft Kundenstopper in den Weg, schildert er.

Seine Pause dauert noch nicht lange, da kommt eine Dame aus einem Geschäft auf ihn zu. Die Mitarbeiterin oder Inhaberin des Ladens bittet Mayer, doch ein Stück weiter zu fahren, da er den Eingang zu dem Geschäft versperre.

Nichtbehinderten fehle Sensibilität

Seine Antwort auf die Frage, wie er sich fühle, wenn er von Fremden als Störfaktor ausgemacht wird, klingt ernüchternd. Er glaube, dass Nichtbehinderte sich nicht in die Lage von Behinderten versetzen könnten, sagt der Rollstuhlfahrer.

Jutta Pagel-Steidl spricht von Gedankenlosigkeit. Von dieser sei ihrer Meinung nach auch die Verwaltung nicht frei. Der letzte Stadtplan für Rollstuhlfahrer stamme etwa aus dem Jahr 1996, sagt sie. „Bei uns beklagen sich gehbehinderte Touristen, weil sie nirgends die für sie wichtigen Informationen finden“, sagt Pagel-Steidl.

Toiletten sind verzeichnet

Auf einem Plan der Innenstadt an der Königstraße unweit der Königsbaupassage sind zumindest die behindertengerechten Toiletten vermerkt. Doch Informationen, wo Behinderte Läden, Cafés oder Kinos finden, in denen sie zurechtkommen, fehlen.

Jutta Pagel-Steidl ist überzeugt, dass sich im Interesse aller Bürger in der Stuttgarter Innenstadt noch viel tun muss in Sachen Barrierefreiheit. Denn nicht nur Menschen mit Behinderungen erlebten Einbußen an Mobilität.„Wir leben in einer älter werdenden Gesellschaft. So wie es im Moment läuft, wird für viele einmal Teilhabe an der Gesellschaft nicht mehr möglich sein“, sagt sie.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: