Immer noch fit: Rod Stewart, hier bei einem Konzert in Atlantic City Foto: dpa

Rod Stewart ist mittlerweile 74 Jahre alt. Er inszeniert sich aber immer noch rauschhaft kitschig und augenzwinkernd lebensfroh – wie jetzt bei seinem von einer vorzüglichen Band begleiteten Gastspiel in Mannheim.

Mannheim - Eine buntere Bühne hat man kaum je gesehen. Rod Stewart, der Sänger mit der blonden Mähne und der raspelnden Stimme, ist auf Tournee. 74 Jahre ist er alt seit Januar und fühlt sich berufen, noch einmal tief in die Trickkiste zu greifen. Am Donnerstagabend strahlt die Mannheimer SAP-Arena in allen Farben, fliegen die schönsten Bilder über die vielen Bildwände dahin, leuchtet die Welt in Pink und Pfefferminz, triumphiert die Nostalgie. Leider: billig ist das Spektakel nicht. Dies wohl wird der Grund dafür sein, dass die Arena mit 5000 Besuchern nur zur Hälfte gefüllt ist. „You only live once“ ruft er seinen Mannheimer Fans zu. „Enjoy yourself, Ladies and Gentleman!“ Ein guter Rat, den Rod Stewart stets selbst befolgt hat. Geboren wurde er in London, noch immer ist er einer der erfolgreichsten Sänger der Rockmusik. Er gehörte zur Band des Gitarristen Jeff Beck, er sang bei den Faces, machte aus ihnen die Small Faces; er sang erst den Blues, wurde berühmt mit Balladen und Disco. Vor drei Jahren schlug Prinz William Rod Stewart zum Ritter. Jeder Mensch, der heute lebt und hören kann ist, hat Stewart Stimme mit großer Wahrscheinlichkeit schon einmal vernommen.

Viele Songs aus fremden Federn

Gelitten hat diese Stimme in mehr als fünfzig Jahren kaum. Ein wenig weicher ist sie geworden, aber dies kommt manchem Song entgegen. Viele der Stücke, die er singt, stammen nicht aus Rod Stewarts eigener Feder; seine bekanntesten lieh er sich von Folk- und Soul-Sängern, von den Sutherland Brothers („Sailing“), vom Marc Jordan („The Rhythm of my Heart“), Cat Stevens („The first Cut is the deepest“), von Sam Cooke oder Van Morrison. Dass Morrison es war, der „Have I told you lately that I love you“ schrieb, daran erinnert Rod Stewart sein Publikum selbst in Mannheim und behauptet frech, das seine Version die bessere sei. Dann lässt er seine Stimme steigen, rau und seelenvoll, hält kurz inne, blickt verstohlen über seine Schulter, gerade so, als könne der ebenfalls gesangsbegabte Ire sich von hinten anschleichen.

Rod Stewarts Stimme passt all den geliehenen Stücken wie maßgeschneidert. Er wechselt die eigene Garderobe mindestens drei Mal während des Konzerts, singt in vielen bunten Hemden – und betrachtet man Bilder, die bei vorhergehenden Konzerten seiner Tour entstanden, glaubt man, dass er keines von ihnen zuvor schon trug. Er steht gerade inmitten seiner Musiker, den Mikrofonständer zur Seite gekippt, er bückt sich, schüttelt sich, geht hin und her. Freilich: jene Zeiten, als der junge Rod Stewart stundenlang wild über Bühnen fegte, sind vorbei. Manch ein Tänzchen an diesem Abend wirkt wie eine kleine Referenz an sie. Peinlich ist das nie. Rod Stewart hat die Ironie.

Und er hat eine fabelhafte Band, der er viel Raum gibt. Zu ihr gehören auch drei Backgroundsängerinnen und drei Musikerinnen. Sie sitzen zu Rod Stewarts Seiten, als der akustische Teil des Abends beginnt, wirbeln herum auf den hohen weißen Barhockern, lächeln, zeigen ihre Beine – und verblüffen mit perfektem Können, mit ihren Stimmen, mit Soli auf der Geige, der Harfe, trommeln wild und sehr präzise gegen den Schlagzeuger an.

Der 74-Jährige gönnt sich ein Päuschen

Die Rod Stewart Band wird später ein Stück ohne ihren Sänger spielen, Fleetwood Macs „If you go your own Way“ – und wieder begeistern die sechs Frauen, begeistert auch der männliche Teil der Band. Gitarre, Bass, Saxofon: das Konzert ist gespickt mit vorzüglichen Soli, oft in stilvollem Schwarzweiß auf den Bildwänden. Und jene Minuten, in denen die Band im Dunkel verschwindet, Rod Stewart alleine im Lichtkegel steht und „I‘d rather go blind“ singt, geliehen von der großen Soul-Sängerin Etta James, sind wunderbar, zeigen, wie tief er sich verneigt vor dem Soul, vor Stax und Motown. Zwei Anläufe und zwei Flaschen Wein – das, erzählt er, brauchten er und seine Musiker um dieses Stück einzuspielen, damals, 1972, für Stewarts viertes Solo-Album „Never a dull Moment“.

Nur rund 100 Minuten dauert Rod Stewarts Mannheimer Konzert, aber sie sind gefüllt mit all seinen Hits, mit vorzüglich interpretierter Musik. Stewarts Bühne wirkt wie in großes Bonbonpapier verpackt, Strahlenkränze hüllen den Sänger ein, der noch einmal mit langem Ton „Baby Jane“ röhrt oder „You‘re in my Heart“, der Herzen schmelzen lässt mit einer akustischen Version von „I don‘t wanna talk about it.“ Rod Stewart inszeniert sich unverschämt groß, rauschhaft kitschig, augenzwinkernd lebensfroh. Er singt „Twistin the Night away“, lässt die SAP Arena ausleuchten, singt „I am sailing“. Luftballons fallen bald von der Hallendecke herab, das Publikum tanzt, und Rod Stewart, 74 Jahre alt, will es noch einmal wissen: „Do ya think I‘m sexy?“ singt er.

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