Nicht nur das Weihnachtsfest, sondern auch Robbie Williams steht vor der Tür. Foto: Sony

Robbie Williams ist ein Freund von Abwechslung. Jetzt legt der britische Superstar sein erstes Weihnachtsalbum vor. Was zunächst befremden könnte, entpuppt sich als Wundertüte mit teils sehr erfrischenden Inhalten.

Stuttgart - Versuchte man sich vorzustellen, wie Robbie Williams wohl das Weihnachtsfest begeht, und zöge man dazu seine bisweilen kindliche Begeisterung, sein leutseliges Gemüt und seinen possierlichen Größenwahn ins Kalkül, könnte das in etwa so aussehen: In seiner Londoner Riesenvilla lässt der britische Superstar einen ganzen Kleinlastwagen voller Geschenke für seine Gattin und die drei Kinder vor- sowie ein riesiges Weihnachtsmahl auffahren, dazu gibt’s selbst gebackene Plätzchen, bis der kleine Robbie ganz tüchtig Bauchweh bekommt. Selig sitzen schließlich alle um einen zwanzig Meter hohen und mit Tonnen von Lametta behängten Weihnachtsbaum und wiegen sich sanft im Takt der kitschigsten nur denkbaren Weihnachtsschnulzen. Und da der Hausherr ja nun einmal von Beruf und aus vollster Berufung Sänger ist, tja: Da hat er diese Musik eben zur Feier des Tages selbst aufgenommen.

Und während man sich überlegt, warum ein so großer und begnadeter Entertainer wie er ausgerechnet auf die Idee ­gekommen ist, ein Weihnachtsalbum aufzunehmen, da lässt er via Plattenfirma auch schon verlauten, dass „mit dieser Veröffentlichung ein Traum für mich wahr wird“ und er es „gar nicht erwarten kann, dass ihr es alle zu hören bekommt“. Zieht man schließlich diese Worte und das zuvor ausgemalte Weihnachtsfest im Hause Williams zusammen sowie letztlich auch noch in Betracht, dass man sich doch nichts sehnlicher wünscht, als von Künstlern permanent überrascht zu werden, dann klingt die Idee auf einmal vielleicht gar nicht mehr so surreal.

Ein randvoll gepacktes Doppelalbum

Wenn Robbie Williams jedenfalls etwas macht, dann macht er es auch mit der ihm eigenen entsprechenden Hingabe. Beziehungsweise: Sein Leib- und Magenkomponist Guy Chambers besorgt dies. Und so finden sich auf diesem mit 24, im De-luxe-Format sogar 28 Songs randvoll gepackten Doppelalbum von Chambers komponierte Bombastarrangements bis zum Abwinken, schwelgerisch breite Orchestrierungen, Streicher, opulente Bläsersätze, ein Chor und sogar ein Kinderchor. In dem Stück „Best Christmas ever“ wird die Kinderschar hinzugezogen, andere Stücke heißen „One last Christmas“, „Best Christmas ever“, „Yeah, it’s Christmas“ oder schlicht nur „The Christmas Song“.

Alles zieht dazu in satt aufgedonnerten Swingarrangements in bester Crooner-Manier daher, als wäre Robbie Williams entweder versehentlich bei einer Reprise seines bald zwanzig Jahre alten Albums „Swing when you’re winning“ gelandet oder aber in Gedanken schon bei seinem nächsten Residenzgastspiel in Las Vegas, dessen Zustandekommen im kommenden Frühjahr er dieser Tage tatsächlich gerade bestätigt hat.

Zum frohen Fest kommt schließlich auch noch die liebe Verwandtschaft zu Besuch: Als Duettpartner hat Robbie Williams sich für einige Stücke Rod Stewart, Jamie Cullum, Bryan Adams, einen britischen Profiboxer mit dem klingenden Namen Tyson Fury sowie, bitte festhalten, Helene Fischer ins Tonstudio geladen.

Illustre Gäste, rauschende Feste

Bei allem Verständnis für die Motive könnte man nun aufstöhnen und vorschnell urteilen: schlimm. Aber schlimm ist das gar nicht. Denn Robbie Williams wäre eben nicht Robbie Williams, wenn er nicht ein paar Überraschungen aus dem Zylinder zaubern könnte, den er sinnfällig auch auf dem Albumcover trägt. Daher gibt es auf diesem Doppelalbum neben anderthalb Dutzend schwer schmalzigen und nicht minder mühsam erträglichen Weihnachtsliedern eben auch ein starkes halbes Dutzend wirklich gelungener Lieder, die erstens nichts mit dem weihevollen Grundrauschen dieses Albums zu tun haben und zweitens auch durch erfrischende und gewitzte Instrumentierungen glänzen.

Im hervorragenden „Rudolph“ etwa glänzt Williams mit klarem Gesang über einer verträumt wehenden Popnummer, in der klimpernden Klaviernummer „Let’s not go shopping“ rät er (der Titel lässt’s vermuten) zur Besinnung auf das Wesentliche, und ausgerechnet „Santa Baby“, sein Duett mit Helene Fischer, ist – wer hätte es erwartet – ein außergewöhnlich gut und von Fischer ganz ungewohnt gesungener sanfter Doo-Wop-Song mit Format: Fast hört man da schon ein anderes Duettcrooner-Paar grüßen: Tony Bennett und Amy Winehouse. „One last Christmas“ wiederum ist ein typischer Robbie-Williams-Song mit ausladendem Chorus, und auf „Idlewild“ kommen endlich auch mal die Gitarren zu ihrem Recht.

Alle Fragen beantwortet

Was bleibt, sind zwei Fragen. Zum einen: Warum würfelt Robbie Williams auf diesem angesichts seines Umfangs fast schon Mammutwerk zu nennenden Album ohne jeglichen inneren Zusammenhang und in völlig willkürlicher Abfolge viele Weihnachtsstücke mit diversen „ganz normalen“ Robbie-Williams-Stücken zusammen, statt jetzt ein Weihnachtsalbum auf den Markt zu bringen und in wenigen Monaten ein weiteres „echtes“ neues Album nachzuschieben?

Eben weil er ein Künstler ist, den Konventionen ebenso wenig scheren wie die Diagnose der Kritiker, die ihm diese, ehrlich gesagt, ganz schön verzichtbaren Weihnachtslieder ankreiden werden. Und damit wäre auch die zweite Frage beantwortet, nämlich die, ob ein Weihnachtsalbum nicht jenen Punkt in einer künstlerischen Karriere markiert, an dem reichlich vom Nimbus abzubröckeln beginnt. Bei ihm ganz gewiss nicht, denn auch das ist Teil seines außergewöhnlichen Charismas. Er hätte sich auf all diesen Liedern auch selber mit der Blockflöte begleiten können – und das Album wäre ihm trotzdem aus den Händen gerissen worden. So etwas kann nur Robbie Williams.

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